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nä 03/2020
aktualisiert am: 16.03.2020

 

  Arzneimittel & Veror

Wechselwirkungen und andere Probleme mit Medikamenten

ATIS informiert: Die richtige und sichere Arzneitherapie – informiert sein ist alles. Dies gilt vor allem bei Polymedikation. Doch der Weg durch den Informationsdschungel ist schwer zu finden


 


Immer mehr unserer Patienten leiden unter mehr als nur einer ernsten chronischen Erkrankung und benötigen immer mehr Medikamente. Wenn wir den Medikationsplan erstellen, auf den alle Patienten, die dauerhaft täglich drei oder mehr Medikamente einnehmen müssen, einen Anspruch haben, stellt sich unweigerlich auch die Frage, wie viele Interaktionen es gibt. Wenn es sich um ein potentiell riskantes Medikament handelt, sollten wir sicherheitshalber den Patienten nach seiner Selbstmedikation oder Behandlungen durch andere Ärzte fragen. Einige in Selbstmedikation eingenommene Medikamente können durchaus zu ernsten Problemen führen. Dies gilt nicht zuletzt auch für Phytopharmaka.

Schon wenn drei Medikamente eingenommen werden, sind drei Wechselwirkungen denkbar, bei sechs Medikamenten sind dies 15 und bei zehn am gleichen Tag angenommenen Medikamenten sind 45 Wechselwirkungen denkbar. Im Versorgungsalltag ist kaum Zeit, all das im Einzelnen zu analysieren. Dennoch: Bei allen bekanntermaßen riskanten Medikamenten lohnt es immer wieder einmal, in das Kapitel 4.5 zu Wechselwirkungen in der jeweiligen Arzneimittel-Fachinformation zu schauen (vgl. http://www.fach­info.de). Zur Erkennung von Wechselwirkungen steht heute auch Computer-Software zur Verfügung. Sie führt aber oft derart viele mögliche Wechselwirkungen an, dass sie eine ärztliche Entscheidung bisweilen mehr erschwert als fördert. Zudem müssen auch die jeweiligen Dosierungen und natürlich die medizinischen Daten des Patienten berücksichtigt werden, um geringfügige von potentiell lebensbedrohlichen Wechselwirkungen zu unterscheiden.

Reduktion der Polymedikation


Immer mehr Patienten sind unter Polymedikation und nehmen über längere Zeiten fünf oder mehr unterschiedliche Medikamente pro Tag ein. Wenn ein Patient mehrere ernste Diagnosen hat, etwa die Kombination aus Hypertonie, Diabetes mellitus, koronarer Herzerkrankung und COPD, so ist die Behandlung mit etwa zehn Medikamenten leitliniengerecht, reduziert wahrscheinlich die Komplikationen und verlängert so das Leben des Patienten. Es gibt aber immer wieder auch Fälle, in denen sehr viele Medikamente verordnet werden, obwohl weit weniger ernste Diagnosen vorliegen. Erfahrungsgemäß finden sich in Medikationsplänen von Patienten, die zum Beispiel zehn oder mehr Medikamente bekommen, einige, die man sofort oder langsam ausschleichend absetzen könnte.

Nebenwirkungen von Medikamenten


Nebenwirkungen von Medikamenten können die ärztliche Therapie sehr schwierig machen. Im Extremfall leiden Patienten an einer multiplen Chemikaliensensibilität, die eine medikamentöse Therapie praktisch unmöglich macht. In anderen Fällen nehmen Ärzte sehr ernste Nebenwirkungen nicht wahr oder reagieren nicht adäquat darauf. Beispiel: Unter Behandlung mit einem Statin sollte der leichte Muskelschmerz ohne begleitende Erhöhung der Serum-Creatinkinaseaktivität kein Grund sein, das für viele Menschen durchaus nützliche Statin sogleich abzusetzen. Eine fünffache Erhöhung der Serum-Transaminaseaktivität, und gar verbunden mit einer Erhöhung des Serum-Bilirubins, ist aber ein dringender Anlass, sofort mit Absetzen zu reagieren.

Auch aufgrund von Informationen in der Presse, im Internet, Packungsbeilagen und in Fachinformationen und aufgrund der immer häufiger werdenden Rote-Hand-Briefe fragen sich Patienten und Ärzte, ob sie bestimmte Medikamente nehmen bzw. verordnen sollten oder nicht (mehr). Auch hier sind Abwägungen im Einzelfall geboten.

Fehlende oder unzureichende Wirksamkeit der Therapie

Eine häufige ärztliche Antwort auf fehlende oder unzureichende Wirksamkeit von Arzneimitteln ist die schon angesprochene Polymedikation. Sie ist nicht grundsätzlich falsch, und die "simple und reine pharmakologische Lehre", jeweils eine Erkrankung nur mit einem Medikament zu behandeln, ist seit langem überholt. Aber wenn Patienten mit einer Hypertonie mit vier oder mehr unterschiedlichen Antihypertensiva täglich behandelt werden oder wenn Patienten mit einer Depression oder Schizophrenie mit vier oder mehr unterschiedlichen Psychopharmaka täglich behandelt werden, kann dies sehr riskant sein. Allemal liegt dies außerhalb dessen, was "evidence based" ist. Bei off label Therapien ist Ärztinnen und Ärzten auch aus rechtlichen Gründen ohnehin anzuraten, sich zusätzlich beraten zu lassen.

Medikation in der Schwangerschaft

Wenn Schwangere krank werden, ist die Arzneitherapie für die betreuenden Ärzte oft nicht einfach. Es findet sich kaum ein Arzneimittel, bei dem der pharmazeutische Hersteller "Entwarnung" gibt bezüglich der Verordnung in der Schwangerschaft. Selbst das lange Zeit als problemlos angesehene Schmerzmittel Paracetamol kann neueren Hinweisen zufolge dazu führen, dass die Kinder später unter psychiatrischen Erkrankungen wie Autismus leiden könnten. Die Lücken in der Fachinformation schließt mittlerweile eine sehr übersichtliche und hilfreiche Internet-Seite, nämlich http://www.embryotox.de bzw. http://www.embryotox.de/arzneimittel/. Allerdings lassen sich viele konkrete Fragen zur Medikation in der Schwangerschaft nicht einfach durch diese Datenbanken klären. Die Analyse der wissenschaftlichen Originalliteratur (vieles online verfügbar über http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/) ist sehr zeitaufwändig und löst das Problem oft auch nicht, zumal sich dort auch beides, Spreu und Weizen, findet.

Alternativmedikation


Medikation mit Phytopharmaka, Nahrungsergänzungsmitteln und alternativen Therapeutika spielt in der heutigen medizinischen Versorgung eine große Rolle. Viele Patienten fragen nach derartigen Therapien, und auch hier gibt es viele Problembereiche. Die wissenschaftliche Bewertung, ob bestimmte Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll, wirkungslos oder gar schädlich sind, ist alles andere als einfach. Nur in wenigen Fällen kann man eindeutige abratende oder eher zuratende Empfehlungen geben. Und auch die Frage, wer denn derartige Präparate zu bezahlen hat, führt nicht ganz selten zu Enttäuschungen und Ärger.

ATIS hilft bei der Orientierung


In Hinblick auf die Optimierung der eigenen Verordnungsweise ist es lohnend, gelegentlich über einige dieser typischen Problembereiche der Arzneitherapie nachzudenken. Um Ärzten zu Verordnungsfragen eine Handlungsempfehlung nach dem gesicherten medizinischen Forschungsstand geben zu können, bietet die KVN seit dem Jahr 1994 das Arzneimitteltherapie-Informationssystem ("ATIS") an. An der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen haben über ATIS die Möglichkeit, zu komplexen pharmakotherapeutischen Fragen im patientenindividuellen Einzelfall eine klinisch-pharmakologische Bewertung zu erhalten.


Verfasser/in:
Prof. Jürgen Brockmöller
Institut für klinische Pharmakologie der Universitätsmedizin Göttingen




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Aus der Praxis unserer Beratungen zeichnen sich immer wieder bestimmte Problembereiche der Arzneitherapie ab, zu denen typische Fragen gestellt werden. Oft sind die Antworten komplex. ATIS sieht seine Aufgabe darin, eine zweite Meinung zur Verfügung zu stellen und gegebenenfalls zu recherchieren.

Das Arzneimitteltherapie-Informationssystem (ATIS) wird in Zukunft vom Institut für Klinische Pharmakologie der Universitätsmedizin Göttingen betreut.

Alle Anfragen zu Arzneimittelwirkungen können über das elektronische Kontaktformular im KVN-Portal, per Fax (siehe Downloads) oder Post an das ATIS-Team gestellt werden. Der Zugang zum elektronischen oder Fax-Formular erfolgt über das zugangsgeschützte Portal der KVN:
https://portal.kvn.kv-safenet.de/Verordnungen/ATIS.html
Auch zukünftig werden Fragestellungen, die von Relevanz für größere Kreise niedergelassener Ärzte sein könnten, regelmäßig im Niedersächsischen Ärzteblatt veröffentlicht.



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