Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 03/2020
aktualisiert am: 16.03.2020

 

  Klinik und Praxis

Verbesserung der Frühgeborenenversorgung

Jahresversammlung der Niedersächsischen Perinatalerhebung (NPE): Themen rund um Geburtshilfe und Neonatologie auf der Tagung des Zentrums für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ)


 


Die Versorgung von Frühgeborenen und die Ausbildung von Hebammen gehörte ebenso wie die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem mütterlichen Body-Maß-Index und dem Verlauf von Schwangerschaft und Geburt zu den auf der Jahresversammlung der Niedersächsischen Perinatalerhebung (NPE) präsentierten Themen. Auf der Veranstaltung des Zentrums für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) der Ärztekammer Niedersachsen ging es am 7. Februar in Hannover nach der Begrüßung durch Privatdozent Dr. med. Heiko Franz als Vorsitzendem der Ständigen Kommission der NPE unter anderem um die Frage: "Ist die Geburtshilfe defizitär?"

Ist die Geburtshilfe defizitär?


Helge Engelke, Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG), zeigte zunächst einmal, wie sich die Zahlen in den vergangenen zehn Jahren ungefähr entwickelt haben: Gab es 2009 noch 92 Krankenhäuser in Niedersachsen, die eine Geburtshilfe vorhielten, so waren es 2019 nur noch 70 Kliniken. Gleichzeitig stiegen die Geburten in der Zeitspanne von 62.228 Geburten (2009) auf 73.652 Geburten (2018). Zwar sei es das erklärte Ziel, die Erreichbarkeit einer Klinik mit einer Fahrzeit von 30 bis 40 Minuten zu gewährleisten, führte Engelke vor den rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung aus: "Aber in Niedersachsen gab es bereits 2018 Regionen mit einer Fahrzeit von über 60 Minuten."

Als Ursachen für die Schließungen nannte der NKG-Verbandsdirektor in der Tat vielfach die "wirtschaftliche Situation" aber zugleich auch den Fachkräftemangel: "Der Fachkräftemangel hat in den Krankenhäusern extrem zugenommen - und er betrifft nicht nur die Ärzte, sondern auch den Pflegedienst und nicht zuletzt die Beleghebammen." Andererseits seien Geburten nicht planbar, wodurch die Geburtshilfe mit hohen Vorhaltekosten verbunden sei, die durch Fallpauschalen nicht adäquat abgedeckt seien. Deshalb plädierte Engelke schließlich für eine Verbesserung der Finanzierung, damit sich der ungesteuerte Strukturwandel nicht weiter fortsetze. Genauso wichtig sei es aber, den Fachkräftemangel zu beheben und die Ausbildungskapazitäten für alle beteiligten Berufe zu erhöhen: "Ohne Menschen keine Gesundheit!"

Fehlende Steuerungsfunktion in der Krankenhausplanung


"Die Frühgeborenenversorgung in Niedersachsen unter qualitativen Aspekten" war das Thema von Dorothea Jahns, Referatsleiterin stationäre Versorgung bei der Landesvertretung Niedersachsen des Verbands der Ersatzkassen e.V. (vdek). Sie stellte fest, dass die Fachabteilungen für Geburtshilfe immer weniger und die Pädiatrien immer kleiner werden, welches sich zwangsläufig negativ auf die Leistungsfähigkeit und Qualität der Versorgung auswirke. In dem Zusammenhang kritisierte Jahns, dass der Krankenhausträger allein darüber entscheide, ob er zum Beispiel eine Geburtshilfe vorhalte. Daher forderte sie eine Steuerungsfunktion des Landes in der Krankenhausplanung. Mit Blick auf die Mindestmenge und Personalvorhaltung in der Frühchenversorgung könne eine aktiv wahrgenommene Steuerungsfunktion zur Einhaltung von Qualitätsparametern beitragen. Ziel müsse es sein, die Strukturqualität zu verbessern. "Werdende Eltern müssen sich jederzeit darauf verlassen können, dass die Versorgung von Frühgeborenen auf höchstem Niveau sichergestellt wird."

Hoffnung auf mesenchymale Stammzellen


über aktuelle Forschungen auf dem Feld der "Neuroprotektion bei Neugeborenen" referierte Universitätsprofessorin Dr. med. Ursula Felderhoff-Müser, Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde I am Universitätsklinikum Essen (UKE). Leider konnte sie bei der Gabe des Hormons Erythropoetin (EPO), noch nicht den Durchbruch auf die Hirnentwicklung bei Frühgeborenen vermelden, auf den verschiedene internationale Forschungsteams - darunter eines des UKE - in den vergangenen Jahren hingearbeitet hatten: "EPO bringt keine signifikante Verbesserung des Outcome" mit zwei und fünf Jahren, räumte Felderhoff-Müser ein. Die aktuelle "PENUT"-Studie aus den USA habe aber immerhin ergeben, dass das Hormon keine signifikanten Nebenwirkungen habe. Hoffnung bei perinataler Hirnschädigung setzt die Ärztin ebenfalls auf mesenchymale Stammzellen aus der Nabelschnur (MSC), aber hier stehe die Forschung noch am Anfang und klinische Studien stünden noch aus.

Was fördert das Mikrobiom?


Mit neueren Forschungsergebnissen wartete ebenfalls Dr. med. Sabine Pirr in ihrem Vortrag über "Das gute Mikrobiom" auf. Die Oberärztin an der Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schilderte die unterschiedliche Besiedelung mit Darmbakterien von Neugeborenen nach einer natürlichen Geburt oder nach einem Kaiserschnitt. Eine wesentliche Rolle spielen Pirr zufolge aber auch andere Faktoren - etwa die Ernährung mit Muttermilch und potenziell positive Effekte von Probiotika. Hier führte die Referentin die multizentrische PRIMAL-Studie ("Prägung der Immunantwort am Lebensbeginn") unter der Leitung von Professor Dr. med. Christoph Härtel von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Lübeck als erfolgreiches Beispiel an: Sie untersucht im Rahmen einer randomisierten Studie bei 650 Frühgeborenen, ob die Gabe von natürlichen, auch in der Muttermilch vorkommenden Darmbakterien (Probiotika) die frühe Etablierung des Mikrobioms und die Prägung der Immunabwehr günstig beeinflusst. Pirr selbst hat als Part eines Forscher-Teams mit einem hohen Spiegel von S100-Alarminen in der Muttermilch einen weiteren Stoff gefunden, der sich positiv auf das Sepsisrisiko von Neugeborenen auswirkt: "Antibakterielle und immunregulierende Effekte der S100-Alarmine senken das Sepsisrisiko von Neugeborenen und beeinflussen die Darmbesiedelung."

Enge Verzahnung von Theorie und Praxis bei der Hebammenausbildung


Themen im weitesten Sinne rund um die Geburt widmete sich ein zweiter Strang der Tagung: Von der landesweit frisch gestarteten Hebammenausbildung an Hochschulen handelte der Vortrag "Was bringt uns die Akademisierung?" von Professorin Dr. phil. Claudia Hellmers (Hochschule Osnabrück). Die Professorin für Hebammenwissenschaft erläuterte das Konzept des dualen Studiengangs, der vorsieht, einen Teil der Ausbildung an der Hochschule und den anderen Teil in Praxis-Einrichtungen zu absolvieren. Hellmers verwies darauf, dass die durch das Hebammenstudium vermittelten fachlichen und personalen Kompetenzen, die für eine selbstständige und umfassende Tätigkeit erforderlich seien, auf einer "wissenschaftlichen Grundlage" und nach einer "wissenschaftlichen Methodik" gelehrt würden. Als wesentlich stellte die Professorin zudem die im Studienziel niedergelegte Berufsethik heraus, die dafür sorge, dass die Hebamme nicht nur die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen beachte, sondern auch die Lebenssituation sowie den sozialen, biographischen, kulturellen und religiösen Hintergrund der betreuten Frauen und deren Familien berücksichtige. Dabei setzt Hellmers vor allem auf die enge Verzahnung von Theorie und Praxis im Studium, von der sie sich erhofft, dass sie die Studierenden zu einer kritisch-reflexiven, analytischen Auseinandersetzung animiere und zu wissenschaftsbasierten, innovativen Lösungsansätzen führe.

Anlässlich des Internationalen Tags gegen die weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar befasste sich der Abschlussvortrag der Hebamme Gesine Agena auf der NPE-Tagung mit dem Thema "Schwangerschaft und Geburt nach Genitalverstümmelung". Agena hat selbst bei einem Auslandseinsatz für "Ärzte ohne Grenzen" in der Somaliregion Äthiopiens knapp ein Jahr lang Erfahrungen mit von Genitalbeschneidung betroffenen Frauen gesammelt. Ein verlangsamter Urinfluss, Harnverhaltungen, schmerzhafte Perioden und die Verhaltung des Menstruationsbluts gehören zu den gesundheitlichen Problemen, die Agena als Folge der Genitalverstümmelung beschrieb. Der versammelten Ärzteschaft gab sie zudem Tipps für den Umgang mit diesen "stolzen" Frauen im Falle einer Schwangerschaft. "Während der ersten Geburt ist eine Defibulation - öffnung - erforderlich", sagte die Hebamme und verwies auch auf mögliche Vernarbungen der Urethra infolge der sogenannten Beschneidung.

Keine Genitalverstümmelung in Deutschland und an hier lebenden Mädchen


Die Referentin warb für einen respektvollen, sachlichen Umgang mit den Betroffenen und machte gleichzeitig unmissverständlich deutlich, dass die Verstümmelung weiblicher Genitalien nach § 226a ein eigener Straftatbestand in Deutschland ist: "Mädchen dürfen in Deutschland nicht beschnitten werden, auch nicht auf einem Heimaturlaub", informierte sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: "Vernetzen Sie sich auch mit dem Kinderarzt, damit Töchter beschnittener Frauen vor Verstümmelung geschützt werden."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




inhalt 03/ 20
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 

Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2020. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 16.03.2020.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung