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nä 03/2020
aktualisiert am: 16.03.2020

 

  Klinik und Praxis

Wie sind die niedersächsischen Krankenhäuser auf Krisenszenarien vorbereitet?

Umfrage zur Katastrophen- und Terrorvorsorge in Niedersachsens Kliniken / Die Versorgung der Bevölkerung steht mit im Fokus der „Konzeption Zivile Verteidigung“ / Vielen Krankenhäusern fehlt es jedoch an Geldern


 



Die "Konzeption Zivile Verteidigung" (KZV), die das Bundeskabinett 2016 verabschiedet hat, betrachtet die Versorgung der Bevölkerung als zentrale Aufgabe im Falle von Großschadenslagen. Damit kommt der medizinischen Versorgung der Bevölkerung durch die Krankenhäuser bei Bedrohungslagen wie etwa einem Terroranschlag eine große Bedeutung zu. Um den derzeitigen Stand der Vorbereitung der niedersächsischen Krankenhäuser auf solche Lagen und andere Krisenszenarien zu evaluieren, hat die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Inneres und Sport (MI) eine Umfrage bei den niedersächsischen Krankenhäusern durchgeführt.

Konzeption Zivile Verteidigung

Infolge der Anschläge auf dem Breitscheidplatz in Berlin, in Paris sowie "Cyber-Angriffen" auf sensible Einrichtungen - zum Beispiel Krankenhäuser - hat die Bundespolitik einen dringenden Handlungsbedarf im Bereich zivile Verteidigung und Notfallversorgung erkannt. Die 2016 verabschiedete "Konzeption Zivile Verteidigung" (KZV) hat im Wesentlichen die Aufgabe, die Staats- und Regierungsfunktionen aufrechtzuerhalten, die Bevölkerung vor den im Verteidigungsfall drohenden Gefahren zu schützen (Zivilschutz), die Versorgung mit notwendigen Gütern und Leistungen sicherzustellen und die Streitkräfte zu unterstützen.

Im Rahmen des "Zivilschutzes" wiederum sieht die KZV vor, das überleben der Bevölkerung und des Einzelnen sicherzustellen sowie die Funktionsfähigkeit der lebens- und verteidigungswichtigen Einrichtungen und Anlagen zu erhalten. Speziell zum Schutz der Gesundheit ist auch die "Krankenhaus Alarm- und Einsatzplanung (KAEP)" als sogenannte Teilfähigkeit sicherzustellen. Die Krankenhäuser sind damit sowohl als Teil der Versorgungskette wie auch als potenzielle Angriffsziele, zum Beispiel von Angriffen auf deren EDV, von den in der KZV behandelten Szenarien betroffen.

Vorgaben zur Katastrophenplanung


Die Vorhaltung von "Krankenhaus Alarm- und Einsatzplänen (KAEP)" (für friedensmäßige Katastrophen) ist in Niedersachsen über das Krankenhausgesetz im §14 geregelt (Nds. GVBl. 2012, 2). Im Falle eines Massenanfalls von Verletzten etwa müssen Krankenhäuser das erhöhte Patientenaufkommen in der klinischen Versorgung bewältigen können. Dazu sind in Absprache mit den Gesundheitsbehörden der Länder ausreichende Behandlungs- und Aufnahmekapazitäten durch entsprechende organisatorische Maßnahmen der Krankenhausalarmplanung sicherzustellen.

Zu den Inhalten der Krankenhaus Alarm- und Einsatzplanung nach der KZV gehören insbesondere:
- das Erstellen einer einrichtungsspezifischen Risikoanalyse
- die Ausarbeitung von Vorbereitungsmaßnahmen für identifizierte Risiken
- organisatorische Regelungen wie Alarmierung, Einsatzleitung, Sichtung, Kommunikation
- regelmäßige interne Ausbildungen und übungen sowie die Teilnahme an übungen der Katastrophenschutzbehörden

Ferner sind chemische (C), biologische (B), radiologische (R) und nukleare (N) Schadensereignisse (CBRN) in die Krankenhausalarmplanung einzubeziehen. Speziell für Krankenhäuser sind die Berücksichtigung von CBRN-Ereignissen bei der einrichtungsspezifischen Risikoanalyse und die fachspezifische Aus- und Fortbildung des Personals als vorbereitende Schritte ebenso relevant wie die Abriegelung des Krankenhauses zur Vermeidung einer Kontamination, die Einrichtung einer Dekontaminationstrecke und die medizinische Versorgung CBRN-Betroffener als reaktive Maßnahmen.

Auf Bundesebene wird dazu derzeit vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) im Benehmen mit den Ländern als Hilfestellung und Handlungsempfehlung eine Neuauflage des "Handbuchs zur Krankenhausalarm- und Einsatzplanung (KAEP)" sowie ein "Rahmenkonzept Massenanfall von Verletzten und Erkrankten in CBRN-Lagen" erstellt. Mit dem Erscheinen des Handbuchs KAEP ist Mitte des Jahres 2020 zu rechnen.

Aktivitäten auf Landesebene


Bereits 2009 wurde ein Muster für einen "Krankenhaus Alarm- und Einsatzplan" für die niedersächsischen Krankenhäuser erarbeitet, das jedoch eine krankenhausindividuelle Anpassung erforderlich macht: Im §14 NKHG ist festgeschrieben, dass von jedem zugelassenen Krankenhaus zum einen ein KAEP für die Bewältigung eines Notfalls mit einer Vielzahl von Verletzten und Erkrankten sowie zum anderen ein Notfallplan für Schadensereignisse innerhalb des Krankenhauses vorzuhalten ist. Ebenso ist vorgesehen, dass die Krankenhäuser regelmäßige übungen durchführen sollen.

In Niedersachsen hat sich 2018 ein Beratungskreis im Ministerium für Inneres und Sport getroffen, um die Konsequenzen der neuen Bedrohungslagen für die bestehenden Notfallkonzepte zu beraten. Zu den dort vom Innenministerium vorgestellten Maßnahmen gehört die individuelle Anpassung des gemäß §14 NKHG in jedem Krankenhaus vorzuhaltenden Krankenhaus Alarm- und Einsatzplanes an die neuen Gefahren- und Bedrohungslagen sowie dessen "Beübung". Zu den "neuen Bedrohungen" werden insbesondere Cyberangriffe und terroristische Angriffe auf Krankenhäuser gezählt.

Umsetzung in den niedersächsischen Krankenhäusern


Die NKG hat in der Folge zu Beginn des Jahres 2019 bei ihren Mitgliedern - den Krankenhäusern in Niedersachsen, die gemäß §§108, 109 SGB V zugelassen sind oder einen entsprechenden Versorgungsvertrag haben - abgefragt, in welchem Maße die Alarm- und Einsatzplanung in den niedersächsischen Krankenhäusern aktualisierungsbedürftig ist und mit welchem Aufwand dies verbunden wäre.

Ausgewertet werden konnten die Antworten aus 81 Krankenhäusern, was einer Rücklaufquote von etwa 60 Prozent entspricht. Ohnehin nur begrenzt einzubeziehen sind Krankenhäuser, die ausschließlich die Fachbereiche Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und/oder Psychosomatik vorhalten. Unabhängig davon sind auch diese Einrichtungen gefordert, Alarmpläne für krankenhauseigene Szenarien zu entwickeln.

Die Umfrage ergab, dass rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmer den im Krankenhaus vorliegenden KAEP regelmäßig aktualisierten, davon knapp zwei Drittel im Jahresturnus oder häufiger und gut die Hälfte (52 Prozent) bei jedem gegebenem Anlass. Knapp die Hälfte der Häuser (48,2 Prozent) waren besonders aktiv und aktualisierten sowohl turnusmäßig als auch bei gegebenem Anlass, ganz selten passen Krankenhäuser ausschließlich anlassbezogen an (3,7 Prozent), ohne den KAEP regelmäßig zu überprüfen. Die Anpassung an die neuen Bedrohungs-/Gefährdungslagen erfolgte dabei bereits in rund 41 Prozent der antwortenden Krankenhäuser.

übungen sind keine Seltenheit


Rund 80 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Krankenhäuser waren in der Lage, übungen zu einschlägigen Lagen durchzuführen. Aufgeschlüsselt nach übungen in den letzten ein bis drei Jahren gaben 41 Prozent der Krankenhäuser an, zu einem Massenanfall von Verletzen (MANV) übungen durchgeführt zu haben, 60 Prozent zu Bränden sowie 37 Prozent zu Schadenslagen im Bereich der Versorgung (Strom, Wasser, et cetera). Weitere relevante Szenarien wurden seltener und eher in großen Krankenhäusern geübt - darunter EDV-Ausfälle (drei davon explizit im Zusammenhang mit einem Cyberangriff) - sowie das Freisetzen von toxischen Gasen und CBR-Kontaminationen.

Fehlende Refinanzierung


Die Krankenhausbuchführungsverordnung sieht keine explizite Ausweisung der Kosten für Katastrophen- oder Notfallübungen vor. So konnten nur 52 Prozent der befragten Krankenhäuser die Kosten der von ihnen durchgeführten übungen beziffern. Dabei ergaben sich Durchschnittskosten von rund 10.500 Euro je übung. Die Kosten für die Vorhaltung, Betreuung und regelmäßige Aktualisierung des KAEP konnten von 64 Prozent der Häuser konkret zugeordnet werden. Sie betrugen durchschnittlich 5.500 Euro pro Jahr und Krankenhaus.

Medizinisches Material für die Versorgung bei "KAEP-Fällen" stand in rund 65 Prozent der Krankenhäuser zur Verfügung. Zwölf Prozent der antwortenden Krankenhäuser gaben dabei an, den Aufwand aus dem "Bestand" sicherzustellen, immerhin rund 52 Prozent meldeten für die Vorhaltung zusätzlichen Aufwand. Durchschnittlich betrugen die Kosten dafür dann 9.800 Euro je Haus und Jahr.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass das Vergütungssystem für die Krankenhäuser keine Bestandteile für Katastrophen- oder Terrorschutz enthält und die Kosten für Planung, Vorhaltung und übungen nicht refinanziert werden. Die Krankenhäuser sind daher auf pauschale Mittel aus anderen Bereichen angewiesen beziehungsweise auf die Einwerbung von Drittmitteln (zum Beispiel ein Zuschuss des Trägers), um die gesetzlichen Aufgaben nach §14 NKHG zu erfüllen.

Die seit Jahren politisch vorgegebene ökonomisierung der Leistungserbringung bei gleichzeitigem Druck zum Abbau von Bettenkapazitäten hat zu einer massiven Verdichtung der Leistungen geführt. Unter dem vom Gesetzgeber vorgegebenen und von den Krankenkassen konsequent eingeforderten extrem wirtschaftlichen Handeln sind die Zeiten großer Bettenzentralen und großzügiger Lagerhaltung bei Medikamenten sowie Verbandsmitteln vorbei. Insbesondere die in der Notfallplanung noch immer genannten "10 bis 20 Prozent Reservebetten" gibt es in der Realität so nicht mehr. Zudem wäre es in vielen Kliniken nicht mehr realistisch, bis zu einem Drittel der Patienten ad hoc zu entlassen, um Betten für Notfallpatienten zu nutzen.

Den niedersächsischen Krankenhäusern wird es vor diesem Hintergrund ohne Gegenfinanzierung nicht möglich sein, ihr Engagement im Bereich der Katastrophen- und Terrorvorsorge zu erhöhen. Jeder durch Landes- oder Bundesgesetzgebung erzeugte zusätzliche Aufwand bedarf daher einer vollständigen Refinanzierung, da er andernfalls zulasten der Patientenversorgung ginge. Die personelle Situation ist in den niedersächsischen Krankenhäusern ebenfalls bereits im Regelbetrieb äußerst angespannt. Das ist bei Planungen für Großschadensszenarien außerdem zu berücksichtigen.

Trotzdem gibt es bereits viele gute Einzelbeispiele dafür, dass im Rahmen der durch äußere Umstände stark begrenzten Möglichkeiten durchaus eine adäquate Vorbereitung für solche Schadenslagen erfolgen kann. Bei den Zuständigkeiten des Ministeriums für Inneres und Sport für den Rettungsdienst und der Zuständigkeit des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung für die Krankenhäuser erscheint ein weiterer Ausbau der bestehenden ministeriumsübergreifenden Zusammenarbeit dringend geboten.

Fazit


Die Krankenhäuser in Niedersachsen haben in ihrer Mehrheit das Problem erkannt und betreiben anhand der verfügbaren Ressourcen regelhaft eine aktive KAE-Planung. Aufgrund der beschränkten Ressourcen ist jedoch eine Refinanzierung der übungen und Materialvorhaltung dringend notwendig. Darüber hinaus sollten die Krankenhäuser auf der Basis des 2020 neu erscheinenden KAEP-Handbuchs erneut die individuellen Krankenhausalarm- und Einsatzpläne überprüfen und dem empfohlenen Standard anpassen.

Verfasser/in:
Prof. Dr. med. André Gottschalk
Landesfeuerwehrarzt des LFV NDS
Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin, Friederikenstift & Henriettenstift

Christoph Prehn
Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG)


Mirko Temmler
Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport




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