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nä 03/2020
aktualisiert am: 16.03.2020

 

  Klinik und Praxis

Erst die „Roten“ und dann alle anderen

Großübungen, die Sichtung Verletzter nach einem Stufenkonzept und ein Simulations­training mit der VR-Brille: Die Arbeit der MHH-Stabsstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin


 


In der alltäglichen Praxis gehen Schadensereignisse mit einer größeren Zahl von Verletzten, also einem Massenanfall von Verletzten (MANV), meist auf Verkehrsunfälle oder Brände zurück. Dabei handelt es sich in der Regel um zehn bis 20 Verletzte, die zu versorgen und auf die geeigneten Kliniken zu verteilen sind. Was aber ist bei einem Ereignis wie nach den Zuganschlägen im März 2004 in Madrid? "Von den 1.800 Verletzten fanden 1.400 den Weg allein in die Krankenhäuser - zu Fuß, per Anhalter oder mit dem Taxi", berichtet Professor Dr. med. Andreas Flemming, Leiter der Stabsstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (INKM) und Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Hannover.

Stufenkonzept zur Sichtung der Verletzten


Flemming und seinen Stellvertreter in der MHH-Stabsstelle Dr. med. Bastian Ringe inspirierten Großschadenslagen wie in Madrid zur Entwicklung eines Stufenkonzepts zur Sichtung der Verletzten. Dies basiert auf internationalen wie nationalen Erfahrungen und Empfehlungen. Die Notärzte werden dabei an der Einsatzstelle von fortgebildeten Mitarbeitern unterstützt: "Wir haben eine strukturierte Vorsichtung eingeführt, für die wir alle Ersthelfer im Vorfeld schulen", berichtet Flemming. Das wichtigste Ziel am Einsatzort sei, zunächst die "Roten", also die lebensbedrohlich Verletzten, zu erkennen. Sie würden durch ein rotes Flatterband am Oberarm markiert, sodass Notärzte erkennen würden, wessen Versorgung oder Transport Priorität habe.

Bei diesen Patienten erfolgt im Rahmen des Hannoveraner Sichtungsmodells schnellstmöglich eine notärztliche Folgesichtung. Sie orientiert sich an einer extra entwickelten Checkliste. Diese steckt in einer Art Brustbeutel aus transparentem Plastik, der unter anderem ein Patientenarmband und Barcodeaufkleber enthält. Außerdem kann diese Hülle Dokumente aufnehmen und ebenfalls - nun in Feinabstimmung - farblich codiert werden und damit den Schweregrad der Verletzungen auf den ersten Blick für alle Helfer vor Ort sichtbar machen.

Erfahrungen mit dem Stufenkonzept sammelten INKM, Feuerwehr Hannover und Hilfsorganisationen inzwischen auf verschiedenen Großübungen wie vor rund zwei Jahren bei einer Großübung in der IGS Roderbruch in Hannover. Das übungsszenario ging von einem zum Teil eingestürzten Glasdach aus, das zu 45 Verletzten geführt hatte. "Wir nutzen diese jährliche übung zum einen für die Ausbildung der Notärzte des Kurses für Leitende Notärzte in Zusammenarbeit mit der DRK-Rettungsschule Niedersachsen aus Goslar", berichtet Flemming, "aber wir setzen die übung zusätzlich nach dem Abtransport der Verletzten von der Schadensstelle in der MHH fort."

Denn das bereits 2005 in Hannover vom ehemaligen Leiter der INKM-Stabsstelle Professor Dr. med. Hans Anton Adams etablierte Konzept mit speziell unterstützen Erstversorgungskliniken umfasst neben der MHH das Diakovere Friederikenstift und das Klinikum Hannover-Nordstadt als Erstversorgungskliniken. Es sieht vor, dass im Falle eines Massenanfalls von Verletzten die Erstversorgungskliniken ihren Regelbetrieb einstellen und die erste klinische Versorgung der Verletzten übernehmen. Hierbei werden sie zusätzlich von externen Schnelleinsatzgruppen und Feuerwehren unterstützt. Es gilt, die Patientinnen und Patienten so weit zu versorgen, dass sie stationär weiterbehandelt und danach eventuell in eine Klinik weitertransportiert werden können. Alle weiteren Akutversorgungskliniken nehmen ebenfalls entsprechend ihrer Notfallpläne Patienten auf.
"Ohne übungen geht es nicht", sagt Ringe. Aber Großübungen mit insgesamt 300 oder 400 Beteiligten seien in der Regel für die einzelnen Institutionen kaum bezahlbar. Deshalb hat eine Arbeitsgruppe des Simulations- und Trainingszentrums (SiTZ) des DRK Niedersachsen unter wissenschaftlicher Beratung des INKM ein virtuelles Sichtungstraining entwickelt. Dabei kann anhand einer VR-Brille, also mittels virtueller Realität, in einem 3D-Schadensszenario die interaktive Sichtung von Patienten simuliert werden. Mit einer speziellen Computerbrille auf dem Kopf tauchen die Schulungsteilnehmer in ein fotorealistisches Schadenszenario ein, um interaktiv an Patienten-Avataren zu trainieren. Die Verletzten in dem Computerprogramm müssen sowohl gesichtet als auch mit frei wählbaren lebensrettenden Maßnahmen behandelt werden. Die Avatare unterscheiden sich zudem in Alter und Verletzungen. Bei ihrer Untersuchung können die Schulungsteilnehmer virtuell verschiedene medizinische Methoden anwenden. Dazu zählen Untersuchungen wie das Tasten des Pulses oder ein Test der Pupillenreaktion, aber auch therapeutische Verfahren bis hin zum Stoppen lebensbedrohlicher Blutungen.

IVENA bringt die Notfälle in die
richtige Klinik


Was aber wenn die Verletzten gesichtet und notversorgt sind und nun auf die Krankenhäuser verteilt werden müssen? Die Verteilung von Notfällen auf die Kliniken ist eine weitere Herausforderung, für die nach einer Lösung gesucht wurde. So kam vor einigen Jahren die Software IVENA aus Hessen nach Niedersachsen - zunächst als Projekt unter anderem für die Landeshauptstadt und die Region Hannover, die auch die Refinanzierung übernahm. 15 Krankenhäuser in der Region nutzen das System, mit dem die Regionsleitstelle die Verteilung von Notfallpatienten besser steuern kann: Auf der Online-Plattform ist in Echtzeit zu sehen, welches Krankenhaus die Versorgung übernehmen kann. Die Klinik wiederum erfährt, wann sie eine Patientin oder einen Patienten bekommt und vor allem auch, welcher Natur die Verletzung oder Erkrankung ist und welchen Schweregrad sie hat. So kann sich das Krankenhaus entsprechend auf den Neuzugang vorbereiten.

Flemming und Ringe sind zufrieden mit der Kooperation und den Netzwerken der diversen Akteure von den Krankenhäusern bis hin zu Feuerwehr oder Hilfsorganisationen. "Wir arbeiten schon jetzt im Hinblick auf die Konzepte für Notfallereignisse sektorenübergreifend zusammen. Das gilt auch für alle beteiligten Organisationen aus der Landeshauptstadt und der Region", lautet ihr Fazit.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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