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nä 02/2020
aktualisiert am: 14.01.2020

 

  Qualitätsentwicklung

Mehr Frühchen ohne schwere Erkrankungen

Im Rahmen der Niedersächsischen Perinatalerhebung bietet das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) Module zur Qualitätsentwicklung an: Das Perinatalzentrum Hannover hat davon profitiert.


 


Eine hohe Sterblichkeit im internationalen Vergleich sowohl unter den Neugeborenen als auch unter den Müttern hat 1980 zur Etablierung der Niedersächsischen Perinatalerhebung (NPE) geführt. Den Anstoß hatte die bereits 1975 gestartete Münchner Perinatalstudie gegeben. Im Rahmen der vom Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) der Ärztekammer Niedersachsen betreuten Perinatal- und Neonatalerhebung werden die Daten sämtlicher niedersächsischer geburtshilflicher und neonatologischer Abteilungen ausgewertet. Nach Jahresabschluss erhalten die beteiligten Kliniken jeweils eine umfassende Auswertung.

Hatten die Statistiken in den ersten Jahren hauptsächlich zur Standortbestimmung der teilnehmenden Einrichtungen gedient, kam es im nächsten Schritt 1995 zur Formulierung von Qualitätszielen in Geburtshilfe und Neonatologie - etwa die kontinuierliche Reduktion von Totgeburtenrate und Frühgeburtlichkeit. 2001 wurde die Qualitätssicherung (QS) in der Geburtshilfe im SGB V § 135a ff. zusätzlich gesetzlich verankert, 2010 folgte der Leistungsbereich Neonatologie. Ein wichtiges Element der dort geforderten Verfahren ist der Strukturierte Dialog.

Maßnahmen zur Qualitätssicherung


Das ZQ bietet zusätzlich zur gesetzlich vorgegebenen QS Geburtshilfe und Neonatologie weitere Maßnahmen zur aktiven Qualitätsentwicklung an. Beispiele sind das Projekt "Benchmarking in der Frühgeborenenversorgung" oder die Qualitätswerkstatt "Zahlen zum Sprechen bringen". Profitiert hat von den Angeboten des ZQ neben anderen das Perinatalzentrum Hannover, das gemeinsam vom Kinder- und Jugendkrankenhaus AUF DER BULT und der Geburtshilfe des DIAKOVERE-Hauses Henriettenstift betrieben wird. Die aktuellen, auf der Website http://www.perinatalzentren.org - einem Portal des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) - veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die überlebensrate von Frühgeborenen mit einem Gewicht von unter 1.500 Gramm im Perinatalzentrum Hannover über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Professor Dr. med. Florian Guthmann, Chefarzt der Neugeborenenmedizin, unter anderem seit 2014 das Angebot des ZQ wahrgenommen und für das Team der Neonatologie jährlich die Qualitätswerkstatt "Zahlen zum Sprechen bringen" veranstaltet: Die Ergebnisse der BULT seien jährlich analysiert und anschließend Ziele und Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung formuliert und dann umgesetzt worden, berichtet Guthmann: "In einem Jahr haben wir zum Beispiel festgestellt, dass wir überdurchschnittlich viele Katheter-Infektionen hatten", erinnert er sich. Jetzt werde bei jedem neuen Anlegen ein Hautabstrich genommen. Besonders abgeschottet habe man ferner den Arbeitsplatz, an dem die Medikamente der kleinen Patienten zubereitet würden. Das Schild "Bitte nicht stören" solle verhindern, dass die Konzentration der Mitarbeiter beeinträchtigt werde.

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung


"Das sind häufig kleine Veränderungen, die aber in der Summe durchaus eine Wirkung zeigen", sagt Guthmann und verweist auf eine ganze Reihe von regelmäßigen Qualitätsmanagementmaßnahmen auf der BULT. Von 2012 bis 2019 nahm das Krankenhaus etwa an dem vom ZQ begleiteten Projekt "Benchmarking in der Frühgeborenenversorgung" teil. Dort tauschten sich die ärztlichen Leiter der Neonatologien von zwölf niedersächsischen Level-1-Zentren über ihre Ergebnisse und Vorgehensweisen im Bereich der Frühgeborenenversorgung aus. Die Idee dabei ist, von den anderen zu lernen - möglichst von "den Besten".

Weitere interne Maßnahmen ergänzen Guthmanns Optimierungskonzept: Dazu zählen das Fehlermeldesystem CIRS (Critical Incident Reporting System) ebenso wie ein patientenorientiertes Beschwerdemanagement. Bereits seit 2013 werden zudem regelmäßig Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen (MMK) einberufen. In der Einrichtung wird nach einem vereinheitlichten Konzept mit Verfahrensanweisungen, Protokollvorlagen und Checklisten gearbeitet.

"Wir wenden konsequent aktuelle wissenschaftliche Forschungsergebnisse in der Behandlung unserer Frühchen an", berichtet Guthmann und verweist auf die NEC-Prophylaxe mittels Probiotika oder die Vermeidung von Beatmung, indem der Surfactant mittels LISA (Less Invasive Surfactant Administration) möglichst ohne Intubation verabreicht wird. Das Verfahren hilft, chronische Lungenerkrankungen zu verhindern. Darüber hinaus sind es aber nichtmedizinische Faktoren, die Guthmann bei der Versorgung der Frühchen genauso im Auge hat.

Einbeziehung der Frühchen-Eltern


Besonders wichtig ist ihm, die Eltern mit ins Boot zu holen: "Die Eltern sollen die Experten für ihr Kind sein. Sie übernehmen zunehmend - soweit es geht - die Versorgung ihres Kindes, sodass es am Ende nur ein Ortswechsel ist, wenn sie ihr Kind mit nach Hause nehmen." Ein weiteres Angebot, auf das der Arzt hier setzt, ist die Musiktherapie. Eine Therapeutin leite die Eltern an, für ihr Kind zu singen oder zu summen. Dabei lernten die Eltern gleichzeitig, auf ihr Kind und etwa auf seine Atmung zu achten. Vor allem reduziere das Singen aber den Stress der Frühgeborenen - der von Guthmann beabsichtigte Effekt: "Wir können die Kalorienzufuhr nicht beliebig steigern. Deshalb ist es wichtig, dass die Frühchen die vorhandene Energie nicht zur Stressbewältigung, sondern für wichtigere Prozesse wie das Wachstum des Gehirns nutzen."

Ein positiver Faktor für die Entwicklung der Frühgeborenen allerdings lässt sich Guthmann zufolge nur schwer beziffern und in die offizielle Statistik einbringen. Und das seien die Erfolge von Professor Dr. med. Ralf Schild, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und Perinatalmedizin und seinem Team aus Ärztinnen und Hebammen auf Seiten der Geburtshilfe: "Ihr Ziel ist es, die Schwangerschaft so lange wie möglich zu verlängern, um dem ungeborenen Kind möglichst lange den Schutz des Mutterleibs zu erhalten", berichtet Guthmann. "Schilds Leistungen auf dem Gebiet der Tragzeitverlängerung sind außerordentlich."

Verfasser/in:
Esther Schmotz
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




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