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aktualisiert am: 14.01.2020

 

  Politik

„Der praktische Nutzen ist beschränkt“

Tagung zu „Keimbahneingriffen mit CRISPR/Cas“ im Zentrum für Gesundheitsethik (ZfG) in Hannover: Zurückhaltende Positionen gegenüber den Keimbahntherapien prägten die Veranstaltung.


 



"Eine Revolution, die keiner kennt?", stieg Dr. phil. Robert Ranisch ein wenig provozierend mit dem Zitat seiner Berliner Kollegin Dr. phil. Julia Diekämper in den Vortrag "Grünes Licht für Keimbahneingriffe? Grenzverschiebungen in der Auseinandersetzung mit Genom-Editierung" ein. Der Leiter der Forschungsstelle "Ethik der Genom-Editierung" am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Eberhard Karls Universität Tübingen hinterfragte auf der Tagung "Keimbahneingriffe mit CRISPR/Cas" Mitte September des vergangenen Jahres den Positionswechsel, den verschiedene maßgebliche Kommissionen weltweit in jüngster Zeit vollzogen haben: eine Wende weg von der kategorischen Ablehnung von Genmanipulationen an Embryonen hin zu einer Befürwortung unter der Voraussetzung einer sicheren Anwendung. Diese Eingriffe hätten allerdings - anders als Gentherapien für somatische Zellen - Einfluss auf alle nachfolgenden Generationen. Auf der Veranstaltung des Zentrums für Gesundheitsethik (ZfG) an der Evangelischen Akademie Loccum in Hannover verdeutlichte Ranisch die enge Verzahnung dieses Positionswechsels mit den neuen Genom-Editing-Verfahren - vor allem der 2012 vorgestellten CRISPR/Cas-Methode. Diese sogenannte Genschere ermöglicht es, das genetische Material kostengünstig, gezielt und in kürzester Zeit zu verändern.

Radikaler Positionswechsel von Wissenschaftlern und Ethikern


Neben den US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering, Medicine oder dem britischen Nuffield Council on Bioethics hat sich laut Ranisch im vorigen Jahr auch der Deutsche Ethikrat von der bisherigen kategorischen Ablehnung und Tabuisierung von Eingriffen in die Keimbahn verabschiedet: "Aus der ethischen Analyse ergibt sich keine kategorische Unantastbarkeit der menschlichen Keimbahn", zitierte Ranisch den Deutschen Ethikrat. Binnen weniger Jahre sei der übergang von der Frage der Zulässigkeit - der Frage des "Ob?" - zur Frage der Bedingung der jeweiligen Zulässigkeit - des "Wie?" - vollzogen worden.

Der Tübinger Ethiker sah allerdings den Prozess einer ethisch vertretbaren Translation der Gene-Editing-Technik kritisch. Mit Bezug auf den Philosophen Hans Jonas konstatierte er, dass klinische Studien auf dem Verfahren von "Probe und Irrtum" beruhten. Deshalb könne nur durch fehlerhafte Manipulation und ihre Lehren eine Theorie "ausgebaut" werden, die zu überwiegend fehlerfreier biologischer Manipulation führe. Dies könnte aus forschungsethischer Sicht genügen, "den Erwerb der Kunst zu untersagen, selbst wenn die zu erwartenden Früchte der erworbenen Kunst bejaht wären", zitierte Ranisch Jonas und stellte eine ernüchternde Schlussfolgerung zur Diskussion.

Aus der Perspektive des genmanipulierten Kindes


Warnend äußerte sich ebenfalls Professorin Dr. iur. Tanja Henking, LL.M. Die Professorin für Gesundheitsrecht, Medizinrecht und Strafrecht an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt rollte das Thema "Keimbahneingriffe auf dem Weg in die klinische Anwendung? Rückfragen aus ethischer und rechtlicher Sicht" von der Probandengruppe her auf - aus der Perspektive des Kindes: "Es kann seine Zustimmung zu der Behandlung nicht gegeben haben", betonte Henking, die im Laufe ihres Vortrags immer wieder auf grundsätzliche Fragestellungen einging. "Wollen wir in einer Welt leben, in der es genmanipulierte Menschen gibt?", fragte die Juristin. Auch das schwierige Thema der Gerechtigkeit bei diesen Therapien sprach Henking an: "Das Verfahren wird sicher nicht allen zur Verfügung stehen."

Die gesellschaftliche Dimension stand gleichermaßen im Mittelpunkt der Ausführungen von Dr. rer. pol. Steffen Albrecht zu der Fragestellung "Mehr als Chancen und Risiken? Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung zur Debatte über Keimbahneingriffe." Albrecht, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), berichtete über das Projekt seines Instituts zum Thema "Genome Editing am Menschen". "Wir befinden uns an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik und suchen nach gesellschaftlich tragfähigen Optionen zum Umgang mit neuen Technologien", beschrieb Albrecht die Arbeit des TAB. Die öffentlichkeit soll Albrecht zufolge unbedingt in dieser Debatte berücksichtigt werden. Er könne sich zum Beispiel neue Formate der Partizipation vorstellen, da die bisherigen Ansätze einer gesellschaftlichen Beteiligung noch sehr zaghaft seien. Für das TAB stehe fest, dass "das Genome Editing am Menschen einen weitreichenden Eingriff" darstelle. Deshalb bemühe sich das Büro, möglichst unterschiedliche Positionen zu den verschiedenen Aspekten einzuholen: "Wertfragen spielen dabei ebenso eine Rolle wie Wissensfragen."

Neben dem ethischen und wissenschaftlichen Diskurs, der sich noch auf eine Podiumsdiskussion erstreckte, deckte die Tagung ebenfalls die Perspektive der Praktiker ab. Dr. med. Malin Dewenter vom Institut für Humangenetik der Universitätsmedizin Mainz widmete sich etwa dem Themengebiet "Keimbahneingriffe mit CRISPR/Cas: Anwendungsszenarien und Alternativen aus klinischer Sicht". Die Ärztin lotete vor allem das Für und Wider der potenziellen Gentherapien bei monogenen Erbkrankheiten oder Imprinting-Erkrankungen im Vergleich zur Präimplantationsdiagnostik (PID) aus.

Die PID sei in Deutschland seit 2014 möglich und an sehr enge Bedingungen geknüpft wie ein hohes Risiko für eine schwerwiegende Erkrankung des Kindes oder auch an die hohe Wahrscheinlichkeit einer Fehl- oder Totgeburt aufgrund der Schädigung des Embryos. Das Einsatzgebiet von Keimbahneingriffen sei jedoch noch deutlich begrenzter einzuschätzen. Ein Zusatznutzen der Keimbahneingriffe sei lediglich für Einzelfälle zu erwarten, etwa für Paare, bei denen beide Partner zwei defekte Kopien desselben Gens trügen (zum Beispiel bei autosomal-rezessiv erblichen Hörstörungen) oder wenn bei einem Paar im Rahmen der PID keine nicht-betroffenen Embryonen entstanden seien. Darüber hinaus sei das Gene-Editing-Verfahren technisch noch weit von einem sicheren Einsatz beim Menschen entfernt: "Aktuell ist die zu erwartende Erfolgsrate noch gering", lautete Dewenters Resümee. Außerdem sei die Sicherheit aufgrund der Off-Target-Effekte, bei denen die Genschere an den falschen Stellen schneidet, noch nicht gewährleistet.

Diese zurückhaltende Position den Keimbahntherapien gegenüber zog sich wie ein roter Faden durch die Tagung: "Der praktische Nutzen ist beschränkt", formulierte Professor Dr. rer. nat. Boris Fehse, Leiter der Forschungsabteilung Zell- und Gentherapie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, schließlich seine Einschätzung über den derzeitigen Status Quo der Technik.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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