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nä 11/2019
aktualisiert am: 15.11.2019

 

  Ethik

Vergleich zwischen betriebswirtschaftlicher und medizinischer Ethik

Essay über die treibenden Kräfte: Wie unterscheiden sich das in der Medizin herrschende Bedürfnisprinzip und das die Wirtschaft dominierende Leistungsprinzip voneinander? Wie kann eine Zusammenarbeit funktionieren?


 


Ethik der Betriebswirtschaftslehre


Für die Betriebswirtschaftslehre (BWL) gilt die Prämisse, dass der Mensch glücklich sein will. Deshalb versucht der BWLer, die ihm zur Verfügung stehenden, begrenzten Mittel optimal einzusetzen, um mit dem Wenigen, was er hat, das größtmögliche Maß an Glück zu erzielen. Hieraus leiten sich zwei Prinzipien ab: Das Leistungsprinzip, das besagt, man muss erst einmal etwas hineinstecken (Input), um etwas herauszubekommen (Output). Das zweite ist das MiniMax-Prinzip, welches empfiehlt, mit möglichst wenig Input möglichst viel Output zu erzielen. Die BWL definiert den Menschen somit als Homo oeconomicus, der rational handelt, um emotional glücklich zu sein. Dass diese Betrachtungsweise Defizite hat, haben allerdings Amos Tversky und Daniel Kahnemann in ihren Arbeiten zu "Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases" gezeigt.

Output/Input stellt die generische Formel für Produktivität dar - und Produktivität zu steigern, bedeutet, die Menge in die Höhe zu treiben. Es geht um Quantität. Das ist schon bei kleinen Kindern zu beobachten. Wenn ein kleines Kind voller Vorfreude auf eine Karussellfahrt hin und her hüpft, dann freut es sich auf einen bevorstehenden "Gewinn". Wenn die wunderschöne Karussellfahrt vorbei ist, dann kommt prompt der freudige Ausruf: "Noch mal", also mehr davon. Denn Freude/Glückseligkeit ist das adäquate Gefühl, das sich bei einem Gewinn einstellt, und der Wunsch "mehr davon" die Reaktion, die dieses Glücksgefühl auslöst.

überträgt man diese Sichtweise auf eine Unternehmerin oder einen Unternehmer und das zugehörige Unternehmen wird hinsichtlich der Formel Output/Input deutlich, dass es im Wesentlichen drei Wege der Optimierung gibt: Input senken und/oder Output steigern. Der Input besteht aus Personal und Material, das in der Unternehmung zum Einsatz kommt. Hieran zu sparen, bedeutet, weniger Mitarbeitende und/oder schlechter ausgebildete Mitarbeitende anzustellen sowie weniger Material und/oder billigeres Material zu verwenden. Wird dieser Weg gewählt, kommt indes nur bedingt Freude auf. Attraktiver ist es, den Output zu steigern. Um dies zu erreichen, müssen Strukturen und Abläufe optimiert werden. Stellt man dies graphisch dar, führt die Verringerung des Nenners und die Vergrößerung des Zählers zu exponentiellen Kurvenverläufen. Diese Verläufe kann man auch in der Realität beobachten. Sie nennen sich dann eCommerce-Blase, Bau-Blase, Miet-Blase oder Finanz-Blase.

Schaut man sich an, wofür in den vergangenen Jahren die Nobelpreise in der Kategorie Wirtschaft verliehen wurden, stößt man vorrangig auf Arbeiten, die sich mit der Frage "Wie?" beschäftigen: "Wie entscheiden Menschen?", fragten Tversky und Kahnemann und Thaler interessierte, wie sich Entscheidungen beeinflussen lassen - Stichwort Nudging. Die Antwort auf diese Frage soll dabei letztlich unternehmerische Planungssicherheit für die Zukunft liefern.

Ethik der Medizin


Zu einer Ärztin oder einem Arzt kommen Menschen, die etwas verloren haben: Sei es der Verlust der Gesundheit, ihnen steht der Verlust des eigenen Lebens bevor oder sie haben einen Angehörigen verloren. Die adäquate Reaktion auf Verlust ist Trauer. Trauer ist nötig, um loslassen und um sich anschließend Neuem zuwenden zu können. Die Haltung, mit der die Medizin dem Menschen begegnet, ist dreigestaltig: Zunächst einmal geht es darum, ihm keinen weiteren Schaden zuzufügen. An zweiter Stelle steht ein vorsichtiger, behutsamer Umgang mit dem Patienten und drittens heilen/lindern/begleiten.

Wenn man Medizin in eine Formel pressen möchte, dann steht im Zähler die klassische Frage: "Wie geht es Ihnen heute?" Diese Frage zielt auf das Ergebnis (Outcome). Und je nachdem, wie die Antwort ausfällt, kommt die überlegung ins Spiel: "Was braucht der Patient jetzt, damit es ihm besser geht?" (Input). In der Medizin hat das Bedürfnisprinzip Vorrang, nicht das Leistungsprinzip, das in der BWL handlungsleitend ist.

Outcome/Input ist die generische Formel für das Messen von Qualität und/oder Effizienz. Das größtmögliche Ziel einer Behandlung ist das Wiederherstellen jenes Zustands, der vor dem Krankheitseinbruch herrschte: Restitutio ad integrum. Wenn man dies graphisch darstellt, ergeben sich hyperbole Kurven. Hier gilt das Paretoprinzip, das besagt, dass mit 20 Prozent des Inputs bereits 80 Prozent des Ergebnisses (Outcome) erreicht werden.

Schaut man sich an, wofür in den vergangenen Jahren die Nobelpreise für Medizin verliehen wurden, stößt man vorrangig auf Arbeiten, die sich mit der Frage "Warum?" beschäftigen. Warum ist der Mensch erkrankt? Es geht um die Aufdeckung der Pathogenese. Die Antwort auf diese Frage soll letztlich zu evidenzbasierten, effizienten und sicheren Therapien führen.

Fazit


Die beiden Ethiken stehen nicht per se im Widerspruch. Das Streben nach Gewinn und das Vermeiden von Verlust sind Bestrebungen, die tief im Menschen verwurzelt sind. Beides, Freude und Trauer, sind menschliche Gefühle. Das eine gibt es ohne das andere nicht. Im Krankenhausalltag geht es darum, diese Bestrebungen auszutarieren. Es bedarf des gemeinsamen Suchens - Medizin und Betriebswirtschaft - nach einer Antwort auf die Frage "Wozu ist das Krankenhaus da?", wie sie Professor Dr. med. Giovanni Maio, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Universität Freiburg und Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, in seinem Lehrbuch "Mittelpunkt Mensch" stellt. Wenn man die Antwort nur aus einer Perspektive heraus sucht, dann wird es keine nachhaltige Lösung geben.

Die Anwendung des Leistungsprinzips auf einen Patienten, wird ihm in seiner Lage und gegenüber seinen Bedürfnissen nicht gerecht. Leistung ist definiert als Arbeit pro Zeit. überträgt man dieses Prinzip auf Patienten, wird die Frage "Wie geht es Ihnen heute?" ersetzt durch die Aufforderung: "Bitte strengen Sie sich etwas mehr an und werden Sie schneller gesund!" Maio weist darauf hin, dass angemessene Zeit essentiell für die Entwicklung der Arzt-Patienten-Beziehung ist, die eine der Grundlagen des Heilungsprozesses darstellt. Hieran zu sparen, ist die verkehrte Stelle.

Umgekehrt ist die Anwendung des Bedürfnisprinzips auf das Unternehmen Krankenhaus, das sich in einem Wettbewerb befindet, ebenfalls nicht zielführend. Die Beantwortung der Fragen "Wie fühlt sich das Krankenhaus heute?" und "Was braucht das Krankenhaus, um sich besser zu fühlen?" führt nicht zwangsläufig zu wirtschaftlich besseren Ergebnissen.

Daher gehören beide Fragestellungen - die eine bezogen auf den Patienten, die andere bezogen auf das Unternehmen - nicht gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander beantwortet. Zum Beispiel wie folgt: Wenn wir diese und jene medizinische Leistung in definierter Qualität unseren Patienten zukommen lassen wollen, welches wirtschaftliche Ergebnis müssen wir dann mindestens erzielen, um uns das leisten zu können, unter Berücksichtigung der Ansprüche der Stakeholder.


Verfasser/in:
Professor Dr. phil. Daniel Wichelhaus
Studiendekan BWL an der Hochschule Hannover




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Literatur:

- Duden: http://www.duden.de/rechtschreibung/Ethik (Aufgerufen: 3.10.2019/10:28 Uhr)
- Daniel Kahnemann und Thomas Schmidt, Schnelles Denken, langsames Denken, 2016
- Richard Thaler und Cass Sunstein, Nudge, 2010
- Giovanni Maio, Mittelpunkt Mensch, 2018.


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