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nä 11/2019
aktualisiert am: 15.11.2019

 

  Klinik

„Die Idee für das Zentralklinikum kommt aus der Ärzteschaft“

Ein Bürgerentscheid hat jetzt den Weg für das geplante Zentralklinikum in Georgsheil geebnet / Interview mit Ärzten aus der Region über die Vorteile des neuen Krankenhauses und die Vorbehalte in der Bevölkerung


 


Wenn es um die Themen "Krankenhauslandschaft" und "Klinikfusionen" geht, erhitzen sich die Gemüter für gewöhnlich auf allen Seiten und das sehr langwierig. Argumente gibt es dann viele, und fast jeder - egal welcher Profession er angehört - hat dazu eine mitunter auch prononcierte Meinung. Besonders lautstark und vernehmbar melden sich oft Politiker, Bürgerinitiativen, Wissenschaftler und Krankenkassenvertreter zu Wort. Doch wie denken eigentlich vor Ort tätige oder ehemals verantwortliche Ärzte darüber? Das niedersächsische ärzteblatt hat am exemplarischen Beispiel der langjährigen Debatte um das künftig entstehende ostfriesische Zentralklinikum in Georgsheil (Landkreis Aurich) einige langjährige Kenner der medizinischen und regionalpolitischen Szene in Ostfriesland befragt.

Welche Rolle spielte die Ärzteschaft vor Ort bei der Debatte um den Neubau eines ostfriesischen Zentral­klinikums in Georgsheil?

Dr. med. Christoph Schöttes: Die Ärzteschaft vor Ort hat sich ganz überwiegend für eine Zentralklinik positioniert und das Vorhaben proaktiv unterstützt. In einer nicht repräsentativen freiwilligen Umfrage in Emden (Januar 2019) lag die Zustimmung bei denen, die sich daran beteiligt haben, bei 91 Prozent.

Dr. med. Hendrik Faust: Die Idee des Zentralklinikums entstand 2013 in der Ärzteschaft des Klinikums Emden. Auslöser war die Forderung der Berufsgenossenschaft, einen Computertomografen (CT) in örtlicher Nähe zur Zentralen Patienten Aufnahme (ZPA) anzusiedeln. Aufgrund der alten Gebäudestruktur erforderte dies die Anschaffung eines zweiten CT-Geräts mit erheblichen Umbaumaßnahmen. Die nicht unerhebliche Investitionssumme führte zu einer Diskussion innerhalb der Ärzteschaft über die Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Medizin im Klinikum Emden in den kommenden 10 bis 15 Jahren. Die Diskussion führte letztlich zu der Idee der Zentralklinik, die dann von ärztlicher Seite dem Aufsichtsrat und der lokalen Politik vorgetragen wurde. Zu unserer großen überraschung war die lokale Politik sofort von der Idee überzeugt, sodass nach Einbeziehung des Landkreises Aurich als Träger der Ubbo-Emmius-Kliniken eine erste Machbarkeitsstudie initiiert wurde.

Dr. med. Jörg Weißmann: Die Idee des Zentralklinikums war eine der Klinikärzte. Später bei der Debatte waren alle Ärzte beteiligt. Persönlich glaube ich, dass die Ärzte nur in persönlichen Gesprächen Einfluss hatten, in den öffentlichen Debatten - also in den Medien und auf Veranstaltungen - trotz Sachkompetenz eher weniger.

Warum haben Sie sich ganz persönlich für den Neubau eines Zentralklinikums stark gemacht? Und was war in der mehrjährigen Debatte Ihr prägendstes Erlebnis?

Schöttes: Sowohl das sehr ähnliche medizinische Arrangement mit nur wenigen Schwerpunkten als auch die reale Architektur der ortsansässigen regelversorgenden Krankenhäuser lassen eine adäquate Weiterentwicklung nicht mehr zu. Die Beibehaltung der jetzigen Situation würde die Region auf Dauer vom medizinischen Fortschritt abschneiden - mit erheblichen Konsequenzen. Die Patienten in Ostfriesland sind genauso krank wie im Rest der Republik und haben Anspruch auf eine zeitgemäße medizinische Versorgung. Eine Zentralklinik führt zwangsläufig zur Schließung der gewohnten Krankenhäuser vor Ort. Das prägendste Erlebnis für mich persönlich war, wie die öffentliche Debatte um die Zentralklinik Bevölkerung und Politik emotional in zwei Lager gespalten hat mit irrationalen Entgleisungen bis jenseits des Erträglichen auf beiden Seiten.

Faust: Als Chefarzt war ich immer an der guten medizinischen Versorgung der Bevölkerung hier in der Region interessiert. Ich war 2013 und bin auch heute immer noch davon überzeugt, dass eine zukünftige gute medizinische Versorgung in der Region nur mit dem Konzept der Zentralklinik zu gewährleisten sein wird. Deshalb habe ich mich persönlich nicht nur bei der Planung, sondern vor allem auch in der Diskussion um die Zentralklinik engagiert. Darum hat mich auch ganz besonders der negative Bürgerentscheid von 2017 getroffen, denn letztlich wurde damit das Projekt von denjenigen abgelehnt, für die wir die gute medizinische Versorgung erhalten wollten.

Weißmann: Die nachvollziehbare Notwendigkeit hat überzeugt. Prägend war die unglaublich oft anzutreffende Uneinsichtigkeit, die keinerlei Sachargumenten zugänglich war.

Können Sie Kritiker eines Zentralklinikums verstehen, die in Notfällen viel zu lange Notfallwege fürchten? Und die einen Verlust stationärer Versorgung vor Ort bedauern?

Schöttes: Die in Gesprächen oft thematisierte Angst in Teilen der Bevölkerung vor zu langen Wegen im Notfall muss man ernst nehmen. Die Furcht vor zu schlechter Erreichbarkeit oder auch zu langer Transportzeit ist vor dem Hintergrund der heute zur Verfügung stehenden, exzellent ausgestatteten Rettungsmittel letztlich gegenstandslos und hat keine rationale Grundlage. Für die Versorgung echter Notfälle ist nicht der kurze Weg entscheidend, sondern eine Klinik mit entsprechenden Interventionsmöglichkeiten. Der Verlust der stationären Versorgung vor Ort relativiert sich sehr schnell, wenn die Behandlung in moderater Entfernung deutlich besser ist. Das Kreisen um das Aufgeben der ortsnahen Versorgung ist eine angstmachende Geisterdiskussion.

Faust: Natürlich kann ich die Sorgen der Bevölkerung verstehen, die zu lange Anfahrtswege befürchtet. Dies beruht allerdings auf Unkenntnis der tatsächlichen medizinischen Abläufe. Wir haben deswegen versucht, in unzähligen Veranstaltungen eine entsprechende Aufklärung der Bevölkerung zu gewährleisten, was uns dann Gott sei Dank mit dem Bürgerentscheid in diesem Jahr gelungen zu sein scheint.

Weißmann: Ja, natürlich, es ist schließlich auch etwas dran. Die Idee der Zentralklinik überzeugt als bestes, nicht als allein seligmachendes Konzept. Es gibt selbstverständlich auch Nachteile.

Was ändert sich für die Menschen in Ostfriesland mit dem Bau eines neuen Zentralklinikums? Was haben die Patientinnen und Patienten davon?

Schöttes: Ein in jeder Hinsicht auf dem State of the Art basiertes Zentralklinikum wird die Qualität der Versorgung entscheidend verbessern. Man kann beispielsweise zusammengehörende Organzentren etablieren wie Viszeral- oder Lungenmedizin, erforderliche Mindestmengen werden erreicht, Notfälle können schnell und umfassend behandelt werden, Verlegungen in andere Kliniken werden minimiert. Die Patienten werden die Vorteile sehr schnell wahrnehmen.

Faust: Die Patientinnen und Patienten hier in der Region haben durch die Zentralklinik die Möglichkeit, weiterhin am medizinischen Fortschritt teilzuhaben. Es werden starke ambulante Zentren an den Altstandorten verbleiben. Und die Zentralklinik eröffnet die Möglichkeit der heute erforderlichen Spezialisierung. Durch die höhere Attraktivität der Zentralklinik wird sich die Personalgewinnung verbessern, sodass letztlich über die Weiterbildung in der Klinik mit nachfolgender Niederlassung hier in der Region sich die Situation im niedergelassenen Bereich ebenfalls verbessern wird.

Weißmann: Ich erwarte eine wesentlich höherwertige und umfassendere Medizin, als es bisher möglich war. Die Versorgung bei lebensentscheidenden Gesundheitsproblemen wird langfristig wohnortnah gesichert werden können.

Gab es unterschiedliche Interessen und Positionen bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten einerseits und stationär tätigen Ärztinnen und Ärzten andererseits?

Schöttes: Relevante Unterschiede zwischen dem niedergelassenen und klinischen Bereich sind nicht erkennbar. Die Zustimmung zum Zentralklinikum ist naturgemäß nicht durchgehend, aber exorbitant hoch. Beide Bereiche kennen ja die jetzigen Defizite, sind davon gleichermaßen betroffen und wollen eine nachhaltige Verbesserung.

Faust: Natürlich gab und gibt es auch heute noch unterschiedliche Meinungen innerhalb der Ärzteschaft in Emden bezüglich der Zentralklinik. Aber die weitaus größte Mehrheit sowohl in der Klinik als auch im niedergelassenen Bereich ist von der Idee der Zentralklinik absolut überzeugt.

Weißmann: Das ist bei der Nachbetreuung der stationären Patienten sicher möglich. Hier erwarten die niedergelassenen Kollegen, insbesondere die Hausärzte, ein alltagstaugliches Konzept unter Einbeziehung der MVZ und Facharztpraxen.

Welche Rolle spielt ein Zentralklinikum für die Nachwuchsgewinnung von Ärztinnen und Ärzten?

Schöttes: Für die Nachwuchsgewinnung ist die Zentralklinik sozusagen eine Conditio sine qua non, da sie im Vergleich zur heutigen Situation zu wesentlich umfassenderen Weiterbildungsermächtigungen und Weiterbildungsmöglichkeiten führt. Eine neue, hochmoderne Klinik mit breiten Möglichkeiten und engagierten Ausbildern ist ein Angebot, das den Nachwuchs anzieht. Wer langfristig Ärzte vor Ort haben will, muss sie auch ausbilden, eigentlich eine Binsenweisheit. Darüber hinaus lassen sich Dienststrukturen familienfreundlich gestalten.

Faust: Wir haben heute in Deutschland einen ganz erheblichen Mangel an Ärzten. Das heißt, es konkurrieren letztlich alle Krankenhäuser um das nicht vorhandene Personal. Die einzige Möglichkeit, Personal in ausreichender Anzahl zu gewinnen, besteht darin, die Klinik so attraktiv wie möglich zu gestalten. Dabei spielt eine ganz entscheidende Rolle die Größe der Klinik mit zum Beispiel sich hieraus ergebender Anzahl abzuleistender Dienste. Das entscheidende Stichwort ist hier die Work-Life-Balance. Daneben spielt natürlich auch die volle Weiterbildungsermächtigung in möglichst vielen Bereichen eine Rolle. Wir machen also die Region durch die Zentralklinik attraktiver für die Nachwuchsgewinnung.

Weißmann: Die Menschen gehen dahin, wo die Arbeitsbedingungen gut sind. Das ist überall so, nicht nur in der Medizin. In Georgsheil dürfte vieles, aber nicht alles besser werden. Insgesamt dürfte die Zentralklinik ein attraktiverer Arbeitsplatz werden als die bisherigen Kliniken.

Steht ein Zentralklinikum nicht der Attraktivität von niedergelassenen Praxisnachfolgen im Wege?

Schöttes: Sicherlich nein. Sowohl für die Praxis als für die Klinik ergibt sich die Attraktivität durch konsequente kollegiale Zusammenarbeit.

Faust: Die Zentralklinik steht in keiner Weise in Konkurrenz zu den niedergelassenen Kollegen. Der normale Weg in die Niederlassung läuft ja über die Klinik, wo die Facharztausbildung stattfindet. Anschließend lassen sich viele Kollegen dann auch in der Region um die Klinik nieder. Durch die höhere Attraktivität der Zentralklinik wird sich damit auch die Situation im niedergelassenen Bereich eher verbessern.

Weißmann: Eher nicht, eine leistungsfähige Klinik ist für die Arbeit der Praxen ein wichtiger Partner.

Was ändert sich mit Georgsheil für die Ärztinnen und Ärzte in Sachen Weiterbildung?

Faust: Die Zentralklinik wird natürlich aufgrund ihrer Größe die volle Weiterbildungsermächtigung in vielen Schwerpunkten anbieten können. Dies macht ja u.a. die Attraktivität der Zentralklinik für den medizinischen Nachwuchs aus.

Weißmann: Es wird mehr und tiefere Möglichkeiten geben, mehr Weiterbildung, weniger Zeit im Bereitschaftsdienst. Allerdings ungünstigere Wohn- und Anfahrtbedingungen.

Das Interview führte ÄKN-Kommunikationschef Thomas Spieker.


Verfasser/in:
Thomas Spieker
Leiter der Pressestelle der ÄKN




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Vorstellung der Gesprächspartner


Dr. med. Christoph Schöttes ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Allergologie. Zwischen 1996 und 2007 stand er als Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Klinikum Emden und in der Zeit zwischen 2007 und 2019 als Chefarzt der gesamten Medizinischen Klinik des Klinikum Emden vor. Von 2002 bis 2008 hatte er dort zudem die Position des stellvertretenden und 2008 bis 2014 des ärztlichen Direktors inne. Schöttes ist außerdem Mitglied im Vorstand der Bezirksstellen Aurich der Ärztekammer Niedersachsen und der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Seit Juni 2019 befindet sich Schöttes im Ruhestand.

Dr. med. Hendrik Faust ist Facharzt für Allgemeinchirurgie und für Viszeralchirurgie. 2010 übernahm er die Position als Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie im Klinikum Emden. Zwischen 2011 und 2014 hatte er dort zudem die Position als stellvertretender Ärztlicher Direktor inne. Seit 2014 ist Faust Ärztlicher Direktor im Klinikum Emden.

Dr. med. Jörg Weißmann hat sich zwischen 1989 und 1995 in den Fächern Anästhesie, Innere Medizin, Chirurgie und Allgemeinmedizin weitergebildet. 1996 hat er sich in einer eigenen Praxis niedergelassen. Weißmann ist Arzt für Allgemeinmedizin, Proktologie, Sportmedizin, Chirotherapie und Rettungsmedizin. In der Zeit zwischen 1997 und 2010 war er in verschiedenen Gremien der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sowie der Ärztekammer Niedersachsen tätig. Seit 2010 ist er nur noch in der Ärztekammer Niedersachsen aktiv und derzeit Vorsitzender der Bezirksstelle Aurich.



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