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aktualisiert am: 15.10.2019

 

  Bezirksstellen

Was Cannabis kann – und was es nicht kann

Vortragsveranstaltung der Bezirksstelle Hannover: Professor Dr. med. Matthias Karst berichtet als Leiter der MHH-Schmerzambulanz über seine Erfahrung mit dem Einsatz von Cannabinoiden


 


Dem deutschen Betäubungsmittelgesetz (BtMG) zufolge sind Anbau, Herstellung, Handel, Einfuhr, Ausfuhr, Abgabe, Veräußerung, Erwerb und Besitz von Cannabis strafbar. Seit dem Frühjahr 2017 können Ärzte in Deutschland ihren Patienten allerdings Cannabisblüten und -extrakte verschreiben. Wie und wann bestimmte Hanfbestandteile medizinisch wirksam sein können, erläuterte Professor Dr. med. Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Anfang September auf einer Informationsveranstaltung der ÄKN-Bezirksstelle Hannover.

Die Geschichte des Umgangs der Menschen mit Hanf ist wechselvoll. Mal wurde die Pflanze als Heilmittel für eine Vielzahl von Leiden empfohlen, im alten Ägypten etwa. Mal wurde sie aber auch als Droge streng verboten. Karst bat die rund 60 Zuhörer im MHH-Hörsaal B, sich erst einmal von Vorurteilen aller Art frei zu machen: "An dem Mythos, dass Hanf etwas Schlechtes ist, stimmt gar nichts." Andererseits sollte Hanf auch nicht überschätzt werden. Dr. med. Cornelia Goesmann, Vorsitzende der Bezirksstelle Hannover der Ärztekammer Niedersachsen, berichtete: "Ich habe selbst Patienten, die sich Cannabis in Holland besorgt haben und dann von der medizinischen Wirkung enttäuscht waren."

Eine Hilfe für manch einen Schmerzpatienten, aber längst nicht für jeden


Karst empfiehlt daher eine differenzierte Betrachtung. In Studien habe sich teils eine nur geringe bis mäßige, teilweise aber auch große Wirksamkeit von Cannabinoiden und Cannabisblüten bei chronischen Schmerzen gezeigt. Allerdings sei die sehr heterogene Studienlage "eher schlecht". Dies spiegle sich in vielen Metaanalysen wider, in denen geschlussfolgert werde, dass nur eine geringe Evidenz für den Einsatz von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen und anderen Symptomen vorliege.

Der Schmerzmediziner gab den anwesenden Ärzten den Rat: "Suchen Sie Patienten für die Anwendung heraus, die besonders gestresst sind." Von der medizinischen Wirkung der Cannabinoide könnten besonders Menschen profitieren, die neben chronischen neuropathischen Schmerzen manifeste Stresssymptome aufwiesen. Auch in der Palliativmedizin habe medizinisches Cannabis seine Berechtigung. Die Cannabinoide wirkten weniger direkt auf die Schmerzintensität, verbesserten aber die mit den chronischen Schmerzen verbundenen negativen Affekte, Anspannungssymptome und Schlafstörungen.

Dreh- und Angelpunkt der medizinischen Wirksamkeit der Cannabinoide ist das erst Anfang der 1990er Jahre entdeckte körpereigene Endocannabinoidsystem (ECS), wie Karst erklärte. "Das ECS verbindet wie ein Scharnier Stress und Schmerz." Das ECS, das eine Vielzahl von lebenswichtigen Funktionen kontrolliere, wirke über spezifische Cannabinoidrezeptoren (CB1, CB2) und endogene Liganden auf das Nervensystem ein. Ein suboptimaler Tonus des ECS werde mit Störungen in Verbindung gebracht, die auch mit Schmerzen verbunden seien.

"Das ist Feintuning des Gehirns"


über die exogene Zufuhr von Cannabinoiden könnten Schmerz- und Entzündungsvorgänge moduliert werden, sagte der Schmerzmediziner. So binde sich etwa THC (Tetrahydrocannabinol), die psychoaktive Substanz des Cannabis, an CB1-Rezeptoren und hemme die Ausschüttung von Neurotransmittern: "Das ist Feintuning des Gehirns", berichtete Karst.

Die Cannabinoide, zu denen auch Cannabidiol (CBD) gehört, das entkrampfend, angstlösend und entzündungshemmend wirken soll, können Karst zufolge sogar Opioiden Konkurrenz machen. Die Schmerzhemmung erfolge, je nach Patient, überwiegend über die Opioid-Bahn oder die ECS-Bahn im Körper. "Das kann umtrainiert werden", sagte Karst. Eine amerikanische Studie habe gezeigt, dass 76,7 Prozent der Befragten ihre Opioid-Einnahme reduzieren konnten. Nicht geeignet seien Cannabinoide dagegen für Akutschmerzen, etwa nach einem Zahnarztbesuch.

Die neuen medizinischen Anwendungen bringen auch neue Einnahmewege mit sich. Primär sollten orale Cannabinoide eingesetzt werden, weil sich damit die Wirkdauer stark verlängere und niedrigere Dosierungen in der Regel ausreichten, sagte Karst. Inhalatives Cannabinoid zum Verdampfen sei Ausnahmen vorbehalten, wenn eine orale Einnahme nicht funktioniere. "Blüten können Sie aber nur Patienten verschreiben, die mit einer Feinwaage umgehen können." Gestartet werden sollte bei den oralen Cannabinoiden mit der kleinsten Dosierung (0,5 bis 1 mg THC pro Tag) und nur langsam hochdosiert werden auf 5 bis 10 mg täglich, erklärte der Schmerzmediziner: "Die Patienten nehmen das Cannabis-Präparat zusätzlich zu ihrer bisherigen Medikation, ein Tropfen auf die Zunge oder aufs Butterbrot."

Rund 30 Prozent der Patienten beschreiben die Behandlung mit Cannabinoiden als erfolgreich.


Für die verschreibenden Ärzte hat sich die rechtliche Situation seit dem 10. März 2017 verändert. Nach dem neuen Gesetz "Cannabis als Medizin" können Cannabinoide unter bestimmten Bedingungen als Kassenleistung verordnet werden. Mehrere verschreibungsfähige Fertigarzneimittel und Rezepturarzneimittel aus THC- oder THC/CBD- Extrakten oder analogem THC (Nabilon) sind derzeit in Deutschland erhältlich, wie Karst berichtete.

Bei der Verschreibung müssen die Daten des Patienten außerdem anonymisiert der Bundesopiumstelle gemeldet werden. Diese habe bereits eine Begleiterhebung ausgewertet, so Karst. Danach brachen innerhalb eines Jahres 37,6 Prozent der Patienten wegen unzureichender Wirkung oder wegen Nebenwirkungen die Behandlung ab - zumeist aufgrund von Müdigkeit und Schwindel. Rund 30 Prozent der Patienten aber beschrieben die Behandlung als sehr erfolgreich, sagte Karst: "Sie haben eine deutliche Schmerzlinderung durch Cannabinoide erfahren."

Verfasser/in:
Christine Koch





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