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aktualisiert am: 15.10.2019

 

  Patientensicherheit

„Keine Behandlung von Nebenwirkungen mit neuen Medikamenten“

Arzneimitteltherapiesicherheit in der Praxis und im Heim ist Thema beim 4. Tag der Qualitätsinitiative in Hannover / Verleihung des Promotionspreises an Dr. med. Clara Christine Weiß und Dr. med. Christine Knuth


 


Die Förderung der Qualität in der Gesundheitsversorgung hat sich der hannoversche Verein "Qualitätsinitiative e.V." zum Ziel gesetzt. Der diesjährige 4. Tag der Qualitätsinitiative Anfang September in Hannover griff das wichtige Thema der Arzneimitteltherapiesicherheit auf. Aus der Sicht des Hausarztes referierte Privatdozent Dr. med. Guido Schmiemann über "Unerwünschte Nebenwirkungen - Arzneimitteltherapiesicherheit in der Praxis".

Wie bedeutend diese Problematik ist, untermauerte unter anderem der Hinweis des Referenten, dass für fünf bis zwölf Prozent aller Krankenhauseinweisungen unerwünschte Arzneimittelwirkungen (ADR, also Adverse Drug Reactions) verantwortlich sind. Jens Wagenknecht, Vorsitzender des niedersächsischen Vereins zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen, Mitglied des Ärztekammer-Vorstands und selbst niedergelassener Allgemeinmediziner in Varel, bestätigte Schmiemanns Beobachtung: "In einigen Heimen werden Medikamente zum Beispiel auch dann gegeben, wenn es einem Patienten schlecht geht", sagte Wagenknecht, "zu Hause würde der Patient das Medikament wahrscheinlich erstmal weglassen." Schmiemann riet deshalb vor allem zu Skepsis bei unerwarteten Stürzen: "Ist ein Medikament die Ursache?"

Die Abstimmung von Medikationsplan und tatsächlicher Einnahme bringt Sicherheit


Um Fehler bei der Arzneimitteltherapie zu vermeiden, empfahl der Referent, der zugleich als stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Versorgungsforschung am Institut für Public Health der Universität Bremen tätig ist, den Einsatz eines Medikationsplans. Dabei sei es wichtig, mit offenen Fragen wie "Erzählen Sie mir von Ihren Medikamenten" oder "Nehmen Sie noch weitere Präparate ein?", eine größtmögliche übereinstimmung zwischen Medikationsplan und tatsächlicher Einnahme zu erzielen. Denn für 20 Prozent der arzneimittelbezogenen Probleme sei die Selbstmedikation der Patienten verantwortlich, also die frei verkäuflichen Medikamente oder auch OTC-Arzneimittel.

Als weitere Fehlerquelle führte Schmiemann die Wiederholungsrezepte an: Sie würden bisweilen ohne ärztliche Kontrolle ausgestellt - teilweise sogar ohne die nötigen Laborkontrollen. Dabei werde vergessen zu prüfen, ob das Medikament noch indiziert sei, kritisierte der Allgemeinmediziner. Außerdem könnten sich Fehler in die Medikation einschleichen: "Der Patient nimmt zu viel oder zu wenig." Deshalb seien regelmäßige Reviews der Medikation so wichtig, betonte Schmiemann. Und schärfte seinen Zuhörern am Ende neben dem Rat, sich mit den anderen an der Patientenversorgung beteiligten Berufsgruppen auszutauschen, noch eine wichtige Botschaft ein: "Keine Behandlung von Nebenwirkungen mit neuen Medikamenten".

Studie zur Reduktion von Medikamenten - vor allem Neuroleptika - bei Heimbewohnern


An die Thematik des Vorredners schloss sich nahtlos das Referat von Dr. med. Olaf Krause vom Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover an. Krause legte den Fokus auf "Arzneimitteltherapiesicherheit bei Heimbewohnern" und stellte die HIOPP-3 Studie (Hausärztliche Initiative zur Optimierung der Patientensicherheit bei Polypharmazie) vor. Ziel des Projekts, das im Mai 2017 startete und durch Fördermittel aus dem Innovationsfonds finanziert wird, ist die Reduktion von Medikamenten bei Heimbewohnern - vor allem von Neuroleptika.

Dazu nehmen 787 Patientinnen und Patienten aus 44 verschiedenen deutschen Heimen an einer Cluster-randomisierten Interventionsstudie teil. Die Besonderheit des Settings sei, berichtete Krause, dass die Heime inklusive des betreuenden Apothekers und des behandelnden Hausarzts rekrutiert worden seien. Denn Ausgangspunkt der HIOPP-3-Studie sei die Tatsache, dass Heimbewohner oft viele Medikamente und darunter sowohl sogenannte potentiell inadäquate Medikamente (PIM) als auch Neuroleptika erhielten. Neuroleptika und PIM stehen Krause zufolge allerdings in dem Ruf, bei Heimbewohnern gehäuft zu Stürzen und Krankenhauseinweisungen zu führen. Den im Rahmen der Studie vorgesehenen Optimierungsvorschlag beschrieb Krause als Medikamentenreview des heimversorgenden Apothekers, der dem zuständigen Hausarzt vorgelegt werde. Am Ende stehe gegebenenfalls die Änderung der Medikation durch den Hausarzt.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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Promotionspreis der Qualitätsinitiative e.V.


Dr. med. Clara Christine Weiß wurde ausgezeichnet für ihre Studie "Intensität postoperativer Schmerzen nach Bauchspiegelung in Abhängigkeit vom intraoperativen CO2-Druck".
Weiß untersuchte für ihre Dissertation zwischen 2013 und 2016 550 Patientinnen, bei denen ein laparoskopischer Eingriff geplant war. Die Frage war, ob sich der Schmerz am ersten postoperativen Tag durch den während der Operation genutzten CO2-Druck verändern ließe. Es stellte sich heraus, dass der erniedrigte CO2-Druck einen marginalen Einfluss hatte, sich aber bei kurzen Laparoskopien als vorteilhaft erwies.

Dr. med. Christine Knuth wurde ausgezeichnet für ihre Arbeit "Sozioökonomische Faktoren und Einflussfaktoren auf die Berufstätigkeit nach Lungentransplantation - eine monozentrische Querschnittsstudie".
Die Lungentransplantation (LTx) hat sich Knuth zufolge mittlerweile zu einer etablierten Therapieoption bei fortgeschrittenen Lungenerkrankungen entwickelt. Die Verbesserung des überlebens und der Lebensqualität ermögliche es den lungentransplantierten Patienten, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Berufstätigkeit nach Lungentransplan­tation war in Knuths Dissertation erstmals in Deutschland Gegenstand einer Studie. Dafür untersuchte die Preisträgerin in einer monozentrischen fragebogenbasierten Querschnittsstudie in der Zeit von September 2009 bis März 2010 531 Patienten und wertete deren soziale und wirtschaftliche Situation aus. Nach fünf Jahren erfolgte im Dezember 2014 eine Erhebung der 5-Jahres-Verlaufsdaten.
Von den 531 lungentransplantierten Patienten seien 38 Prozent wieder beschäftigt gewesen, berichtete Knuth. Die Berufstätigen waren nicht öfter krank und nicht häufiger im Krankenhaus als die Vergleichsgruppe. "Aber wir fanden bei den erwerbstätigen Patienten nach einer Lungentransplantation eine höhere Lebensqualität", sagte Knuth. Die Schlussfolgerung der Preisträgerin: "Patienten sollten nach einer Lungentransplantation ermutigt werden, ihren Beruf wieder aufzunehmen."


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