Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 10/2019
aktualisiert am: 15.10.2019

 

  Ethik

Nein zu sexuellen Übergriffen

#MeToo im Gesundheitswesen: Ärztekammer Niedersachsen richtet in den Bezirksstellen Braunschweig, Göttingen, Hannover und Oldenburg Anlauf­stellen für Betroffene von sexueller Belästigung durch Ärzte ein.


 


Es macht doch gar keinen Sinn, dass Sie mit dem Oberarzt so vertraulich tun, der kann Ihnen auch keine Stelle verschaffen... "Warum machen Sie immer Ihre Nachtdienste mit dem Kollegen? Ich kann Ihnen nachts viel mehr bieten als er!" "Warum ziehen Sie sich eigentlich für mich nicht auch ein bisschen netter an - ich weiß, Sie können doch auch ganz anders..."

Seit Oktober 2017 breitet sich die #MeToo-Bewegung von den USA ausgehend weltweit aus und ermutigt Betroffene, öffentlich über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu berichten - zum Beispiel auf dem Nachrichtendienst Twitter. Auch im Gesundheitswesen ist sexuelle Belästigung, Nötigung, Diskriminierung und Gewalt ebenso weit verbreitet wie in anderen Branchen.

Sexuelle Belästigung oder unangemessenes sexuelles Verhalten tritt in vielen Erscheinungsformen auf. Es kann mit anzüglichen Bemerkungen und obszönen Witzen und Gesten anfangen und bis hin zu unerwünschten Berührungen und sexuellen körperlichen übergriffen führen. Auch im Gesundheitswesen gehören derartige Erfahrungen zum Alltag vieler Beschäftigter. Betroffen ist eine Vielzahl von Berufsgruppen: Ärztinnen und Ärzte, MFA in Arztpraxen, Pflegekräfte, Rettungskräfte und Studierende - um nur einige Gruppen beispielhaft zu nennen.

übrigens sind nicht nur Frauen von sexueller Belästigung und Gewalt betroffen - und es handelt sich offensichtlich keineswegs um äußerst seltene Vorkommnisse. Im Rahmen der Studie "Watch - Protect - Prevent (WPP)" der Charité Berlin wurden zwischen Mai und Juli 2015 zum Beispiel 743 Ärztinnen und Ärzte der Charité anonym zu Formen von erlebtem Fehlverhalten während ihres gesamten Berufslebens befragt. 70 Prozent der Befragten haben demnach im Laufe ihres Arbeitslebens eine Form der Belästigung erfahren. Bei den befragten Frauen waren es rund
76 Prozent, bei den Männern 62 Prozent. Am häufigsten kam es laut der Studie zu verbalen Belästigungen aufgrund von abwertender Sprache mit 62 Prozent sowie aufgrund von anzüglichen Sprüchen mit 25 Prozent. Weiterhin haben die Befragten angegeben, Grenzverletzungen wegen unerwünschtem Körperkontakt (17 Prozent), Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 Prozent) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent) erfahren zu haben. Außerdem habe es sexuelle Angebote und unerwünschte Einladungen
(7 Prozent), Belästigung in schriftlicher Form, Bildern oder Witzen (6 Prozent) und obszöne Gesten (5 Prozent) gegeben. Die Betroffenen wurden am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen belästigt. Bei Frauen spielten zudem männliche Vorgesetzte eine zentrale Rolle.

Die Ärztekammer Niedersachsen möchte Opfern, die sexuelle Gewalt und/oder Belästigung durch Ärzte erfahren haben, künftig eine eigens eingerichtete Anlaufstelle und Ansprechpartnerinnen anbieten: "Wenn Ärztinnen und Ärzte Täter sind, muss uns das als Ärztekammer interessieren", kündigte Dr. med. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, zum 15. Oktober die Gründung einer Ombudsstelle mit Kontaktmöglichkeiten in vier Bezirksstellen an. über die zentrale E-Mail-Adresse der Ärztekammer - metoo.ombudsstelle@aekn.de - wird ab sofort während der einjährigen Pilotphase des Projekts der Kontakt zu einer der vier erfahrenen ärztlichen Psychotherapeutinnen an den ÄKN-Standorten Braunschweig, Göttingen, Hannover und Oldenburg hergestellt.

Dr. med. Alexandra Bernholt (Göttingen), Dr. med. Andrea Mann-Rentz (Braunschweig), Julia Post MPH (Oldenburg) und Dagmar Rauch (Hannover) werden der Ärztekammer gegenüber der Schweigepflicht unterliegen und Betroffenen einen Gesprächstermin anbieten, bei dem ratsuchende Personen auch komplett anonym bleiben können. Was am Ende aus diesem Erstgespräch resultiere, sagte Svenja Nolting, Stellvertretende Justiziarin der Ärztekammer Niedersachsen, hänge quasi von den Betroffenen selbst ab. Denn im Gegensatz zur ÄKN-Rechtsabteilung bestehe für die Therapeutinnen kein Amtsermittlungsgrundsatz - die Ombudsstelle müsse einen Sachverhalt keinesfalls unabhängig von der Entscheidung der ratsuchenden Person weiter verfolgen.

In der Vergangenheit haben viele im Gesundheitssektor tätige Frauen bisweilen manches ertragen, ohne entsprechende Maßnahmen zu ergreifen - da waren sich alle die Einrichtung der Ombudsstelle unterstützenden Ärztinnen einig: "Aber die Zeiten haben sich geändert", betonten Wenker und Ärztekammer-Vizepräsidentin Marion Charlotte Renneberg. Es müsse nicht toleriert werden, dass sich jemand unangemessen behandelt fühle. Deshalb will es die Ärztekammer Betroffenen erleichtern, auf dem von ihnen gewünschten Level, eine Hilfestellung zu erlangen. Auf der standesrechtlichen Ebene besteht die Option, die Ärztekammer Niedersachsen zu veranlassen, ärztliches Fehlverhalten im Rahmen eines berufsrechtlichen Verfahrens zu ahnden.

"Wir müssen herausfinden, was derjenige will, der zu uns kommt", stellte Dagmar Rauch heraus. Ihr und den drei weiteren beteiligten Psychotherapeutinnen war es wichtig zu unterstreichen, dass die Anlaufstellen keine Therapie anbieten oder vermitteln können. "Wir können zunächst vor allem bei der Klärung unterstützen", sagte Mann-Rentz, "also bei der Frage, wie etwas einzuordnen ist oder auch bei der überlegung, wie man sich wehren kann."

So kann sich Vizepräsidentin Renneberg als Vorsitzende der Bezirksstelle Braunschweig durchaus auch vorstellen, dass es Fälle gibt, in denen es vielleicht schon hilfreich ist, nach der ersten Kontaktaufnahme durch die Psychotherapeutin, mit den Beteiligten ein klärendes Gespräch zu führen.

Stephanie Aue
Inge Wünnenberg


Ombudsstelle der ÄKN für Betroffene von sexuellen übergriffen durch Ärzte
Für den ersten Kontakt wenden sich Betroffene bitte per E-Mail an metoo.ombudsstelle@aekn.de

Informationsangebot des Deutschen Ärztinnenbunds (DÄB)
Das Faltblatt gibt von sexueller Gewalt betroffenen Ärztinnen Ratschläge und listet Ansprechpartner auf: http://www.aerztinnenbund.de/downloads/5/Faltblatt_MeToo.pdf


Verfasser/in:
Stephanie Aue
Pressestelle der ÄKN


Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




inhalt 10/ 19
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Die rechtliche Lage:


Zivilrecht
Betroffene können unter Umständen auf der Ebene des Privatrechts anhand § 823 Abs. 1 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) - in Verbindung mit einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte - einen Schadensersatzanspruch bei sexueller Belästigung geltend machen.

Standesrecht
Für eine standesrechtliche Ahndung durch die Ärztekammer Niedersachsen sind die Vorgaben der sogenannten Generalpflichtenklausel in § 2 Abs. 2 Satz 1 der Berufsordnung der Ärztekammer Niedersachsen maßgeblich. Danach hat der Arzt seinen Beruf gewissenhaft auszuüben und dem ihm bei seiner Berufsausübung entgegengebrachten Vertrauen zu entsprechen. Die Ärztekammer Niedersachsen kann ärztliches Fehlverhalten im Rahmen eines berufsrechtlichen Verfahrens ahnden.

Allgemeines Gleichstellungsgesetz (AGG)
Nach § 3 Abs. 4 Allgemeines Gleichstellungsgesetz (AGG) liegt eine sexuelle Belästigung vor, wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen gehören, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

Solche Belästigungen zu verhindern ist die Pflicht des Arbeitgebers. Das AGG regelt in den §§ 13 bis 16 die Rechte der Beschäftigten; diese haben neben einem Beschwerderecht und gegebenenfalls einem Leistungsverweigerungsrecht auch Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Gleichsam ist ein Maßregelungsverbot festgeschrieben, sodass wegen der Geltendmachung der Rechte wiederum auch keine Benachteiligung erfolgen darf. Mangels Beschäftigteneigenschaft sind diese Regelungen auf Studierende jedoch nicht anwendbar.

Strafgesetzbuch (StGB)
Im Strafgesetzbuch sind die Straftatbestände gegen die sexuelle Selbstbestimmung in den §§ 174 ff. normiert. Neben den unter anderem dort angeführten Straftaten wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung ist im November 2016 in § 184i die Sexuelle Belästigung als eigener Straftatbestand eingeführt worden. Nach dem dortigen Absatz 1 wird, wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.


Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2019. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.10.2019.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung