Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 08/2019
aktualisiert am: 15.08.2019

 

  Praxis & Versorgung

Die Medizin wird weiblich – na und?

Fördermaßnahmen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) für niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte zeigen Wirkung


 


Bereits seit drei Jahren ist das Wolfsburger Umland Fördergebiet der KVN. Neben einem Investitionskostenzuschuss soll eine Umsatzgarantie Hausärzte in die Region locken. Und der Erfolg gibt der KVN Recht. Im Januar 2019 nahm Dr. Daria Branka in Rühen ihre Tätigkeit als Fachärztin für Innere Medizin im hausärztlichen Versorgungsbereich auf, im März 2019 folgte Dr. Denise Niemann in Ehra-Lessien. Während Dr. Branka ihre Praxis neu gründete, übernahm Dr. Niemann zunächst eine vor Ort bestehende Praxis. Der Standort ist jedoch nur eine übergangslösung, für 2020 ist ein Neubau geplant.

Auf den ersten Blick passen die beiden in das viel zitierte Schema: weiblich, Kinder, Anstellung bevorzugt. Doch statt in einer Anstellung zu verbleiben oder in eine Kooperation zu gehen, gründen sie jeweils eine eigene Praxis und das "auch noch auf dem Land". Wie kam es dazu?

Frau Dr. Niemann, stand für Sie schon im Studium fest, dass Sie Hausärztin werden möchten?
Dr. Niemann: Im Studium habe ich Blockpraktika im allgemeinmedizinischen Bereich absolviert. Und ich habe auch eine Famulatur in einer Arztpraxis gemacht. Deswegen wollte ich mich aber nicht unbedingt niederlassen. Ich sah mich eher im Krankenhaus, weil ich vom Wesen her ein Sicherheitsmensch bin und gerne im Team arbeite. Das Klinikum Helmstedt hat im Nachhinein den Grundstein für meine Niederlassung gelegt, insbesondere weil ich dort ein sehr breites Spektrum kennengelernt habe. Ich habe meinen ehemaligen Kollegen und Chefs viel zu verdanken.

Slowakei, Deutschland, China ... Frau Dr. Branka, als Ärztin sind Sie weit herumgekommen. Worin liegt für Sie der Reiz, als Hausärztin zu arbeiten?
Dr. Branka: Hier kann ich von allem etwas machen und meine Erfahrungen einbringen. Der Patient kommt zu mir erstmal undiagnostiziert. Da habe ich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Die hausärztliche Differenzialdiagnostik und die Vielfalt spielen eine große Rolle. Darüber hinaus nimmt man als Hausarzt am Schicksal des Patienten teil. Man lernt die ganze Familie kennen und begleitet sie lange Zeit auf glücklichen und auf traurigen Wegen, man schließt die Patienten auch irgendwie ins Herz.

Frau Dr. Niemann, Sie kommen von der Elternzeit direkt in die eigene Praxis. Welche Vorteile bietet sie gegenüber einer Anstellung?
Dr. Niemann: Sie bietet mehr Flexibilität und mehr Gestaltungmöglichkeiten. Und ich bin vor Ort - gemeinsam mit meinem Mann. Die Kinderkrippe ist im Nachbarort. Als mein Sohn klein war, war ich immer weit weg. Wenn ich im Klinikum war, stand ich nicht zur Verfügung. In der eigenen Praxis habe ich nicht weniger Arbeit, eher im Gegenteil, aber ich kann Familie und Beruf miteinander in Einklang bringen. Das haben wir auch bei der Planung der Praxis mit bedacht. Es gibt ein "Kinderzimmer". Dadurch können die Kinder auch mal mit in die Praxis kommen, können Hausaufgaben machen oder spielen. Oder wir essen hier sogar gemeinsam.

Frau Dr. Branka, der Trend zur Anstellung wächst. Sie wechseln aus der Anstellung in einem MVZ in die eigene Praxis. Warum?
Dr. Branka: Es ist mir wichtig, alles selber so gestalten zu dürfen, wie ich es gerne haben möchte - bei den Abläufen wie bei den Räumlichkeiten. Für mich bedeutet das: zeitgemäß bauen und planen - behindertengerecht, geräumig, gelüftet, hell, freundlich, modern.

Haben Sie sich deshalb für eine Neugründung entschieden? Das Angebot an hausärztlichen Praxen zur übernahme ist doch recht groß...
Dr. Branka: Ja, Angebote hatte ich tatsächlich viele. Aber dann sind da schon mal fünf Stufen vor dem Haus. Eine winzige Anmeldung, bei der man gar nicht weg hören kann, das kann nicht weitere 20 Jahre funktionieren... Auch eine Umstellung auf moderne Abläufe ist in den vorhandenen Praxen häufig kaum möglich. Hinzu kommt, dass ich mein Team zusammensetzen kann, wie ich möchte. Ich lege Wert auf eine gute, entspannte, freundliche Atmosphäre. Spaß beim Arbeiten, das spüren die Patienten auch!

Viele scheuen dennoch den Weg in die eigene Praxis. Was hat Ihnen die nötige Sicherheit gegeben?
Dr. Niemann: Ganz wichtig waren definitiv der Investitionskostenzuschuss sowie die Umsatzgarantie der KVN. So kann ich alles langsam aufbauen und stehe nicht vor einer Riesensumme. Das gibt natürlich Sicherheit und das Bauchgefühl: "Da muss ich jetzt zugreifen!" Wir haben die Chance gleich genutzt, um neue Geräte anzuschaffen. Ich will auf qualitativ hohem Niveau starten, obwohl ich erstmal in alte Räume gehe. Aber von Anfang an stand fest, dass ich nicht dort bleibe. Ich rechne mit einer übergangszeit von einem Jahr. In meinen neuen Räumen werde ich dann die Praxis auch digitalisieren. Außerdem sind sehr viele Dinge zu klären, mit denen ich bisher nie etwas zu tun hatte, da ist es sehr hilfreich, dass ich bei der KVN einen unmittelbaren Ansprechpartner habe. Das hat mir zusätzliche Sicherheit gegeben.
Dr. Branka: In Rühen ist der Bedarf in der Bevölkerung definitiv vorhanden. Und die Ortschaft wächst. Hinzu kommt, dass ich durch meine vorherige Anstellung bereits einen gewissen Patientenstamm aus der Region hatte, von dem ich wusste, dass etliche bei mir bleiben würden. Aber ohne die intensive Begleitung und Beratung durch die KVN wäre ich diesen Schritt dennoch nicht gegangen. Als angestellter Arzt hat man zu vielen Dingen einfach keine Berührungspunkte. Da ist es wichtig, Informationen zu bekommen und Unsicherheiten abzubauen.

Ehra-Lessien befindet sich am östlichen Rand Niedersachsens und grenzt an Sachsen-Anhalt. Warum gehen Sie gerade hierher?
Dr. Niemann: Die ehemalige Bürgermeisterin von Ehra, Jenny Reißig, hatte mich privat angesprochen, ob ich Interesse hätte, als Ärztin in Ehra zu arbeiten. Ich konnte mir das zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Ich habe es mir nicht zugetraut, wollte erst noch mehr Erfahrung und fachliche Kompetenzen erwerben. Dann gab es im Jahr 2015 ein "Dorfgespräch": Die Einwohner von Ehra waren zu einem gemeinsamen Gespräch zur ärztlichen Versorgung eingeladen, mit niedergelassenen Ärzten aus der Gemeinde und unter Beteiligung der KVN. Der Arzt im Dorf, Herr Trabulsi, sagte, er bleibe so lange, bis sich ein Nachfolger findet. Und das hat er letztlich auch gemacht.
Damals bekam ich gerade eine Stelle als Oberärztin im Klinikum Wolfsburg. In dieser Position habe ich noch viel gelernt. Mit diesem Hintergrund konnte ich mir dann vorstellen, die Praxis Trabulsi tatsächlich zu übernehmen.
Letztlich spielte dabei auch meine familiäre Situation eine entscheidende Rolle. Ich wollte keine Schichtdienste mehr. Ich hatte familiär viele Abstriche machen müssen und wollte zu Hause mehr präsent sein. Mit der Niederlassung möchte ich Familie und Beruf zukünftig mehr in Einklang bringen.

Dr. Niemann, Sie planen einen Neubau. Auf was legen Sie dabei besonderen Wert?
Dr. Niemann: Natürlich erst einmal auf Barrierefreiheit und ausreichende Parkmöglichkeiten. Als wir die Immobilie ausgewählt haben, haben wir auch geschaut, dass wir sehr zentral im Ort liegen, damit die Patienten uns auch finden. Wir sind jetzt direkt neben der örtlichen Bank, fußläufig sind die Rettungswache und die Seniorenresidenz.

In der Praxis sind mir kurze Wege wichtig, um ein möglichst schnelles und effizientes Arbeiten zu ermöglichen. Dazu zählt die Anordnung der Sprechzimmer, das Labor. Wir haben einen Rundlauf konzipiert. Man kommt rein, in der Mitte sind der Empfang und ein Notfallraum, zu dem auch der Rettungsdienst einen einfachen Zugang hat. Dann kommt das Wartezimmer. Die Funktionsräume sind auf der anderen Seite, einfach damit ich nicht so präsent bin und nicht ständig an den Patienten vorbeilaufe. 185 Quadratmeter sind geplant. Großzügigkeit war uns wichtig. Ich arbeite auch gerne im Team und möchte vorausschauend planen. Vielleicht kommt später ja noch ein Weiterbildungsassistent oder eine -assistentin mit rein oder ich kann jemanden anstellen. Perspektivisch soll eine große Landarztpraxis entstehen. Die Kollegen im Umkreis sind nicht mehr die Jüngsten. Man braucht man eine zentrale Anlaufstelle.

Wie lange habe Sie für eine so umfassende Planung gebraucht und wo haben Sie Unterstützung erhalten?
Dr. Branka: Von den ersten Planungen bis zum ersten Spatenstich sind ca. 15 Monate vergangen, gefolgt von einer achtmonatigen Bauphase. Ohne die finanzielle Förderung der KVN, der Gemeinde Rühen und durch den Landkreis Gifhorn wäre das nicht möglich gewesen, aber vor allem nicht ohne meinen Mann. Er hat die Planungen und das ganze Organisatorische gemacht, von den ersten Skizzen bis zur Fertigstellung. Ihm gilt mein großer Dank dafür! Aber auch ohne mein Team wäre ich den Weg nicht gegangen. Das hat mich erst auf den Gedanken gebracht und gab mir den Impuls: Wenn mein Team mitkommt, dann mache ich das!

Wie haben Sie sich als Arbeitgeber für Ihr Praxispersonal attraktiv gemacht?
Dr. Branka: In erster Linie kommt es sicherlich auf eine entspannte Arbeitsatmosphäre an, Führung mit Wertschätzung und Lob. Fehler passieren, wir sind alle Menschen, dann gibt es Konsequenzen, aber im Sinne von "Was machen wir demnächst besser?" Für meine Mitarbeiterinnen ist es wichtig zu wissen, dass wir über alles in Ruhe reden können. Dann finden wir Lösungen. Vertrauen verbindet mehr als Drohungen und ein lauter Ton. Hinzu kommen sicherlich die Vorteile von modernen, einfachen Arbeitsabläufen, nicht zuletzt dank Digitalisierung.

Heutzutage ist es aber auch immer wichtiger, als Arbeitgeber familienfreundlich zu sein. Wenn jemand aus dem Team mal wegen des Kindes früher weg muss, ist das selbstverständlich kein Problem. Außerdem gibt es in meiner Praxis ein "Kinderzimmer" mit Fernseher, DVD und Schlafsofa. Das nutzen nicht nur meine eigenen Kinder gerne, sondern auch meine Mitarbeiterinnen können bei Bedarf ihre Kinder mitbringen.

Mit Dr. Niemann und Dr. Branka sprach Sonja Bäckert.

Verfasser/in:
Sonja Bäckert
KVN Bezirksstelle Braunschweig




inhalt 08/ 19
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Beide Niederlassungsorte befinden sich im Landkreis Gifhorn im Osten des Landes Niedersachsen, die Gemeinden grenzen an Sachsen-Anhalt. Die Gemeinde Ehra-Lessien hat 1.852 Einwohner. Die Gemeinde Rühen liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadt Wolfsburg. Durch ihre Lage im Wolfsburger Umland weist Rühen ein außergewöhnlich starkes Bevölkerungswachstum auf. Seit 1970 wuchs die Bevölkerung um mehr als das 2,5fache und liegt aktuell bei 5.587 Einwohnern.
(Einwohnerzahlen Stand 31. Dezember 2017)

Werdegang Dr. Denise Niemann:


2007 Studienabschluss Humanmedizin an der Universität Leipzig
01.01.2008-31.03.2015 Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin im Helios Klinikum St. Marienberg Helmstedt, seit 23.10.2014 Fachärztin für Innere Medizin
01.04.2015-31.07.2015 Städtisches Klinikum Braunschweig, Internistische Intensivstation
01.08.2015-08.03.2019 Klinikum Wolfsburg Zentrale Notaufnahme, seit 01.04.2018 Oberärztin der ZNA
15.12.2010 Verleihung des akademischen Grades Dr.med.
26.03.2012 Erwerb der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin
27.10.2015 Erwerb der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin

Dr. Niemann ist verheiratet und hat 2 Kinder (9 und 1 Jahr).

Werdegang MUDr. (UNIV.Bratislava) Daria Branka


Studium der Medizin an der Komenian Universität Bratislava, Slowakei
1999 Abschluss als Allgemeinärztin in Juli, Facharztausbildung
1999-2002 tätig als Assistenzärztin im Universitätskrankenhaus in Bratislava, Slowakei, Schwerpunkt Innere Medizin, Hämatologie und Transplantationsmedizin
2002-2004 tätig im Median Klinikum Flechtingen, Schwerpunkt Neurologie
2005 Approbation als Ärztin in Deutschland
2004-2007 Klinikum Wolfsburg, Schwerpunkt Intensivmedizin, Kardiologie
2007-2008 Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Bühl, Schwerpunkt Gastroenterologie und Geriatrie
2008 Qualifikation als Fachärztin für Innere Medizin
2010 Zulassungsprüfung als Allgemeinärztin gemäß chinesischer Prüfungsordnung (Peking, China)
2009-2011 Internistin und Allgemeinärztin in der International SOS Klinik in Peking, China
2011-2014 Internistin und Allgemeinärztin in der Parkway Health Klinik Chengdu ; parallel notärztliche Bereitschaftsärztin für das VW Werk Chengdu, China
05/2014-12/2018 tätig als Hausärztin im MVZ Schachtweg in Wolfsburg,

Dr. Branka ist verheiratet und hat 2 Kinder (8 und 11 Jahre alt).


Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2019. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.08.2019.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung