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aktualisiert am: 15.08.2019

 

  Bezirksstellen

Bewegung fürs Hirn

Ärzteforum Leinetal der Bezirksstellen Braunschweig, Göttingen und Hildesheim: Themen rund um die Ernährung / Vortrag über hilfreichen Sport bei Demenz und Depressionen / Vergiftungen im Kindesalter


 


Eine Runde Gäste zu bewirten, ist in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Wer zu einer Essenseinladung kommt, bringt häufig neben dem Blumenstrauß auch besondere Ansprüche mit. Vegan oder zumindest vegetarisch soll das Dinner sein, bio oder paleo oder wahlweise frei von Laktose, Gluten oder Kohlenhydraten. Nach einer Studie der Universität Göttingen folgt jeder fünfte Deutsche inzwischen einem speziellen Ernährungsstil - häufig ohne gesundheitliche Notwendigkeit. "Der soziale Zusatznutzen über Gesundheit hinaus ist dabei enorm", sagte Ernährungspsychologe Privatdozent Dr. med. Thomas Ellrott in seinem Eröffnungsvortrag beim Ärzteforum Leinetal in Einbeck. Ellrott, der das Institut für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen leitet, sprach bei der gemeinsam von den ÄKN-Bezirksstellen Braunschweig, Göttingen und Hildesheim organisierten Fortbildungsveranstaltung über den "Heiligenscheineffekt" von glutenfreien, laktosefreien und biologisch erzeugten Lebensmitteln, den man auch als gefühlte Gesundheit bezeichnen könne. Für Teile der Bevölkerung werde der Ernährungsstil heute zum Religionsersatz, so Ellrott.

Ernährungsstil als Religionsersatz


Wie eine Religion auch kann ein Ernährungsstil Halt, Sinn und Orientierung liefern. Wer nicht normal isst, bekommt Aufmerksamkeit und Zuwendung und hebt sich von anderen ab. Zudem ist innerhalb der entsprechenden Communities wie vegan, glutenfrei oder auch paleo ein deutlicher Effekt auf die soziale Zugehörigkeit zu beobachten. Anhänger finden dort nicht nur Anerkennung, sondern auch neue soziale Netzwerke. Es ist auch zu beobachten, dass ein sich Bekennen zu gesellschaftlich anerkannten Werten wie Gesundheit und Nachhaltigkeit, zum Beispiel im Rahmen eines veganen Ernährungsstils, das Selbstwertgefühl und somit die Wahrscheinlichkeit steigert, das eigene Leben als erfüllt und sich selbst als wertvoll, schließlich als moralisch überlegen zu erfahren. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich nennt dies Gewissenshedonismus. Ernährungsstile können somit einen erheblichen sozialen Mehrwert haben, folgert Ellrott. Warum gerade das Essen dafür inszeniert wird, liege insbesondere an dessen ausgezeichneter "Instagramability": "Essen kann man so schön in digitalen sozialen Netzwerken zur Schau stellen."

Das Ärzteforum Leinetal am 22. Juni im Hotel Freigeist hatte in diesem Jahr sein modulares Seminarangebot auf zwei Dutzend Veranstaltungen aufgestockt. Nicht nur Dauerbrenner wie Dermatologie standen auf dem Programm, sondern eine breite Themenpalette vom neuen Niedersächsischen Bestattungsgesetz bis hin zu "Augenärztlichen Notfällen im ärztlichen Bereitschaftsdienst". Der Eröffnungsvortrag widmete sich nicht als einziger dem Thema Ernährung. In weiteren Referaten ging es um die Bedeutung des Riechens und Schmeckens für die Ernährung und sogar um die Zahngesundheit.

Lebensstil beeinflusst Risiko für Demenz


Nach Verbindungen zwischen der Ernährung und dem Demenzrisiko fragte Dr. med. Christiane Walter, Chefärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Asklepios Fachklinikum Göttingen, und bezog sich dabei auf die Mitte Mai veröffentlichten neuen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Das persönliche Demenzrisiko ist zwar zu 65 Prozent der genetischen, familiären und individuellen Veranlagung geschuldet", sagte Walter, "aber auch zu 35 Prozent dem persönlichen Lebensstil." Dabei sei der metabolische Bereich derjenige, an dem man ansetzen könne. Die Senkung kardio-metabolischer Risikofaktoren wie arterieller Hypertonie, Diabetes mellitus oder Dyslipidämien - besonders schon im mittleren Lebensalter - reduzieredas Demenzrisiko signifikant. "Spätestens ab dem 50. Lebensjahr sollte man den Risikofaktoren entsprechend leben", betonte die Gerontopsychiaterin.

Nach den Erkenntnissen der International Alzheimer´s Association von 2018 bedingen der persönliche Lebensstil und die pathologischen Amyloidablagerungen im Hirn sogar je zur Hälfte das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Das berichtete Walter und gab ebenfalls die Ernährungsempfehlung der WHO zur Demenzprävention weiter. Wünschenswert ist demnach eine mediterrane Ernährung mit viel (grünem) Gemüse, Obst und pflanzlichem Eiweiß, dazu möglichst wenig rotes Fleisch: "Es gibt nicht die eine Diät, die einen positiven Effekt auf Alzheimer hat", schränkte Walter allerdings ein. Auch eine Supplementierung mit Vitaminen oder Fettsäuren bringe nichts. Und schließlich gebe es nicht einmal eine gesicherte Evidenz, dass eine eiweißreiche Ernährung das Risiko für Amyloidplaques erhöhe. Sehr von Vorteil bei der Vorbeugung von Alzheimer ist jedoch körperliche Aktivität: Die Demenzrate sinke proportional zur gesamten Bewegung im Laufe des Lebens, sagte die Gerontopsychiaterin. "Bewegung hat einen direkten positiven Effekt auf die Hirnleistung." Die WHO empfehle Menschen, die älter als 65 Jahre sind, mindestens 150 Minuten moderates oder 75 Minuten intensives Training in der Woche.

"Multimodale Lauftherapie ist kein Training"


über eine neuartige psychosoziale Körper- und Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen berichtete Professorin Dr. phil. Sabine Mertel von der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK). Mertel leitet an der Hochschule das seit 2014 bestehende Projekt "Multimodale Lauftherapie" (MML). Dabei arbeiten die Lauftherapeuten meist mit Kliniken zusammen, können aber auch ambulant gebucht werden. Seit einiger Zeit bietet die HAWK zudem eine hochschulzertifizierte Weiterbildung für Gesundheitsberufe an, die europaweit bislang einmalig ist.

"Durch das Laufen erhalten unsere Teilnehmer Zugang zu ihrem Inneren, zum Reflektieren", erklärte Mertel. "Wir gehen davon aus, dass Bewegung im Außen mit Bewegung im Inneren einhergeht." Ziel sei es, das aktive Körper-Leib-Erleben zu nutzen, um Körperbewusstheit und Selbstwirksamkeit zu verbessern. Die MML-Therapie beinhalte systematisch kontrollierte und supervisierte Laufeinheiten - in aerobem Tempo mit Gehpausen dazwischen. "Das ist Therapie, kein Training", betonte Mertel. Die Lauf- und Geheinheiten seien genau strukturiert und festgelegt. Sie dauerten insgesamt bis zu 45 Minuten und würden auf der Basis von Lauffeedbackfragebögen und Lauftagebüchern der Teilnehmer individuell angepasst.

Die MML-Therapie könne zwar keine Medikamente ersetzen, aber bei leichten und mittelschweren Depressionen helfen, die Antidepressiva herunter zu dosieren, sagte Mertel: "Wir wirken mit unserer Therapie ab dem ersten Tag." Das Laufen in der Gruppe ist Mertel zufolge schon aufgrund der Gruppendynamik sinnvoll - und für viele Teilnehmer gar nicht anders möglich. "Wir laufen mit Menschen, die antriebslos und depressiv sind", sagte die Sozialwissenschaftlerin. "In der Gruppe fordern wir sie heraus, aktiv zu sein." Auch für Patienten mit Zwangs- und Angststörungen oder Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sei die Therapie geeignet. Viele der Teilnehmer würden gerne nach der stationären Behandlung weiterlaufen. Dafür wäre im ambulanten Bereich vorgesehen, psychosoziale Beratung und Entspannungsübungen in die Lauftherapie zu integrieren, so Mertel. Aber im Nachsorgebereich fehle vielfach noch die Vernetzung zwischen Ärzten, Psychotherapeuten und anderen Gesundheitsfachberufen. "Hier brauchen wir mehr Austausch untereinander", forderte Mertel.

Vergiftungen im Kindesalter oft undramatisch


Nicht um Nahrungsmittel, sondern um Gifte ging es im Vortrag von Professor Dr. med. Andreas Schaper. Der Klinische Toxikologe und Facharzt für Chirurgie ist einer der beiden Leiter des Giftinformationszentrums-Nord (GIZ), das zur Universitätsmedizin Göttingen gehört. Der Notruf berät sowohl medizinisches Fachpersonal als auch Bürgerinnen und Bürger aus Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein 24 Stunden am Tag - rund um die Uhr. Mehr als 40.000 Anrufe gehen jährlich bei den Experten des GIZ ein. Die meisten drehen sich um akute Vergiftungen im Haushalt und der größte Teil dieser Verdachtsfälle betrifft Kinder. Im Kindesalter gehe es vor allem darum, das aufgenommene Gift vor seiner Resorp­tion aus dem Körper zu entfernen, sagte Schaper. Bei dieser pri­mären Giftentfernung raten die Experten mitunter zur Behand­lung mit Aktivkohle: "Eine Magenspülung ist im Kindesalter eine absolute Rarität." Auch Kochsalz, mit dem Erbrechen herbeigeführt werden kann, sei bei Kindern zur Entfernung der No­xe nicht geeignet. Die Anwendung könne zu lebensbedroh­li­chen Elektrolytverschiebungen führen, warnte der Toxikologe. Häufig sei bereits eine symptomorientierte Therapie ausreichend.

Zur Giftentfernung spielen neben Aktivkohle vor allem auch spezielle Gegenmittel - sogenannte Antidota - eine Rolle. So enthielten Frostschutzmittel aus blauen Kühlelementen - süßes - Ethylenglykol, das von Kindern gerne getrunken werde und beim Abbau im Körper die Nieren schädigen könne, erklärte Schaper. "Antidota wirken hier über die Hemmung der Alkoholdehydrogenase." Andere Antidota gebe es für Medikamente wie Paracetamol oder auch Opioide und nicht zuletzt auch für atropin- und scopolaminhaltige Pflanzen, die aufs vegetative Nervensystem wirken: zum Beispiel Tollkirsche, Engelstrompete und Stechapfel.

Viele Pflanzen und Substanzen seien aber nicht so gefährlich wie vermutet, offenbarte Schaper seinen interessierten Zuhörern. Von Eiben etwa könnten bis zu drei Samen gegessen werden, selbst Zigaretten seien in der Regel unbedenklich oral zu konsumieren - wenn sie denn Kindern überhaupt schmeckten: "Nikotin wird nur sehr schlecht resorbiert." Sogar der Inhalt eines Quecksilberthermometers richte zumindest beim Herunterschlucken keinen Schaden an, sagte der Toxikologe: "Das Quecksilber darf man aber nicht ausdampfen lassen," Denn nur vom Quecksilberdampf gehe die Gefahr für die Gesundheit aus.

Verfasser/in:
Christine Koch





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