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nä 08/2019
aktualisiert am: 15.08.2019

 

  Fortbildung

Mehr Wertschätzung für den Arztberuf

67. Woche der Praktischen Medizin im Rahmen der Langeooger Fortbildungswochen / Ein Rückblick auf ein inhaltsvolles und spannendes Programm mit dem Schwerpunkt: MEDIZINETHIK und PRAKTISCHE MEDIZIN


 


Seit 67 Jahren veranstaltet die Ärztekammer Niedersachsen bereits die Fortbildungswoche der Praktischen Medizin auf der Nordseeinsel Langeoog. Auch in diesem Jahr war das Format mit 494 Teilnehmern sehr gut besucht. Die Woche zeichnet sich durch einen thematischen Schwerpunkt aus, der anhand täglicher Eröffnungsvorträge dargestellt wird. In diesem Jahr stand die Medizinethik im Mittelpunkt. Nach den täglichen Vorträgen verteilten sich die Teilnehmer auf die zahlreichen Seminare - zum Beispiel "Freude mit Formularen", "Führungsqualität in der Ärztlichen Praxis" und "Kleine Praktische Chirurgie". Außerdem wurden Ganztagskurse angeboten wie der Grundkurs Reisemedizin nach dem Curriculum der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin (DTG), der Grundkurs Doppler-/Duplexsonographie der Arterien und Venen sowie der Basiskurs Palliativmedizin.

Grundreflexion auf das Elementare


Vor dem thematischen Einstieg begrüßten am Montag, den 3. Juni, zunächst Jens Wagenknecht, ÄKN-Vorstandsmitglied und wissenschaftlicher Leiter der Woche der Praktischen Medizin, der Langeooger Bürgermeister Uwe Garrels und ÄKN-Präsidentin Dr. med. Martina Wenker die Teilnehmer. Wagenknecht und Wenker gingen beide rückblickend auf den gerade erst kurz zurückliegenden 122. Deutschen Ärztetag in Münster ein. Die ÄKN-Präsidentin betonte dabei vor allem den Aspekt des Leitantrags zur Ärztegesundheit: "Wir arbeiten alle gerne, wollen dafür aber auch Wertschätzung erfahren!" Unter Beifall erklärte sie: "Ärztemangel bekämpft man mit mehr Studienplätzen, besseren Strukturen und mehr Wertschätzung für unseren Beruf."

Thematisch eröffnete anschließend Professor Dr. med. Giovanni Maio vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg die 67. Woche der Praktischen Medizin. In seinem Vortrag "Welche Ethik für den ärztlichen Alltag? Eine Grundreflexion auf Werte für die Medizin" betrachtete der Philosoph und Internist zunächst, welche Leistungen Ärzte vollbringen.

"Wir leben in einer Zeit, in der diese Leistung nicht gesehen wird", bedauerte Maio und bewies dies anhand der "Worthülse Leistungserbringer": "Es ist schon bemerkenswert, wie der Begriff des Arztes vermieden wird. Schon das Wort - der Leistungserbringer - verdeutlicht, dass das, was der Arzt leistet, eine käufliche Ware zu sein hat, die im Vorhinein festlegbar, einkaufbar und von außen restlos beurteilbar sein muss. Aber das ist nicht Medizin."

Maio kritisierte, dass heutzutage aufsuggeriert werde, als ginge es bei der ärztlichen Tätigkeit um "die fließbandartige Produktion von unoriginellen Fleißübungen". Es herrsche eine regelrechte Checklistenmentalität, durch die die Medizin reduziert wird auf das Vorhalten vorgefertigter Behandlungsschablonen. "Im Interesse der Patienten der Zukunft, die wir alle sind, müssen wir - wenn wir eine Ethik der Medizin formulieren wollen - neu darauf reflektieren, was denn ärztliches Handeln ausmacht", forderte Maio und erklärte, dass ärztliches Handeln immer einen Dreischritt (Induktion - Reflexion - Aktion) darstellen müsse. Zu Beginn stehe die Suche nach dem Faktum beziehungsweise der Diagnose, was immer eine Induktion darstelle: Was hat der Patient? Um herauszufinden, welche Aktion die passsende ist, bedürfe es der Reflexion, die den eigentlichen Leitungsschritt des Arztes ausmache. "Nur durch das reflexierende Moment ärztlichen Handelns kann ermittelt werden, welche Therapie anhand der gestellten Diagnose nicht nur die richtige, sondern auch die für den Patienten passende ist", erklärte der Philosoph.

"Ärztliche Identität bedeutet im Grunde, die Könnerschaft darin zu schulen, eine überbrückung des faktischen Befunds mit der Lebenswelt des kranken Menschen professionell vornehmen zu können", präzisierte Maio. Es handele sich hierbei also um eine Syntheseleistung - eine Verbindung unterschiedlicher Wissensformen. Der Internist kritisierte jedoch, dass in der heutigen Gesellschaft dieser grundlegende Reflexionsschritt für unerheblich erklärt werde. "Das System ist so aufgebaut, dass man eigentlich so tut, als ergäbe sich die Frage nach dem Tun, nach der Aktion, automatisch aus dem Befund, aus der Diagnose", bedauerte Maio. Er betonte: "Das führt zur Abwertung der eigentlichen Leistung, weil auf diese Weise die Notwendigkeit eines algorithmischen Vorgehens aufsuggeriert wird. So, als würde das, was Sie als Ärzte leisten, im Grund jeder Computer tun können - und das ist grundlegend falsch."

Maio arbeitete in seinem Vortrag heraus, dass sich die Leistung der Ärzte gerade nicht auf die Aktion reduzieren lässt. Sondern die eigentliche Leistung ist die Arbeit an der Beziehung, die Zuhörleistung, die Gesprächsleistung, die Beziehungsarbeit, durch die ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. "Die Beziehungsarbeit ist eine Grundvoraussetzung für die Effektivität der Therapie", erklärte Maio und fasste zusammen: "Medizin ist unweigerlich eine verständigungsorientierte, soziale Praxis, bei der es darum geht, sowohl Evidenz als auch Beziehung zusammenzuführen."

Aus diesen grundlegenden überlegungen zum ärztlichen Handeln leitete Maio abschließend verschiedene Werte der Medizin ab, die bei einer medizinethischen Betrachtung im Vordergrund stehen müssen: Sorgfalt, Geduld, Reflexivität, Behutsamkeit und Ganzheitlichkeit. "Aber all diese Werte würden nicht genügen, wenn man nicht den letzten Wert, nämlich die Treue zum sozialen Auftrag als den Kern der Medizin mit in den Blick nimmt", erklärte der Philosoph. "Der Arztberuf ist ein Sorgeberuf, der einem sozialen Anliegen folgt. Er ist einzig dafür da, den Menschen zu helfen. Eine andere Zielsetzung gibt es für den Arztberuf nicht, und deswegen ist es wichtig, dass die Ärzte sich von dieser identitätsstiftenden Zielsetzung nicht abbringen lassen und sich gegen jedwede Vereinnahmung des Arztberufs für andere Zwecke vehement zur Wehr setzen - im Interesse ihrer Patienten", mahnte Maio.

Medizinische und ethische Entscheidungen am Lebensende


Am zweiten Tag der Woche der Praktischen Medizin eröffnete Professor Dr. med. Friedemann Nauck, Direktor der Klinik für Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen, den Fortbildungstag mit einem Vortrag zur Änderung des Therapieziels als ethischem Entscheidungsprozess. "Therapieentscheidungen im Rahmen der Behandlung schwerstkranker und sterbender Patienten stehen im Spannungsfeld von medizinischer Indikation, ethischen Fragestellungen und rechtlichen Vorgaben", sagte der Anästhesist und Palliativmediziner. Es gebe einen Konflikt zwischen der Furcht vor einer "übertherapie am Lebensende" und - bei Verzicht auf eine intensive Behandlung am Lebensende - der Gefahr einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung nicht nur von alten, sondern auch von kranken und besonders auf Hilfe angewiesenen Menschen.

Die Unsicherheiten bei der Therapieentscheidung am Lebensende beständen vor allem darin, dass es keine sicheren Anzeichen für den bevorstehenden Tod gebe - selbst wenige Tage vor Eintritt nicht. "Die infauste Prognose ist nicht zweifelsfrei zu bestimmen und ist daher notwendigerweise subjektiv", so der Palliativmediziner. Das gelte auch für die Aussage "im Sterben liegen". "Die ärztliche Kunst liegt darin, zur richtigen Zeit die jeweils beste, ethisch und medizinisch gebotene Entscheidung mit dem Patienten zusammen oder in dessen Sinne zu treffen", erklärte Nauck. Ein Sterben in Würde müsse bereits geplant werden, wenn noch überlebenschancen beständen. In der klinischen Praxis sei daher ein kombiniertes Vorgehen von Behandeln und Kämpfen für das überleben und Akzeptanz für das Sterben anzuraten. In dieser Phase sei es wichtig, das Therapieziel immer wieder kurzfristig zu überprüfen: Sind lebenserhaltende Maßnahmen noch indiziert? Oder ist nun eine palliativmedizinische Behandlung angezeigt? "Instrumente wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, die ethische Fallbesprechung für die Entscheidungsfindung sowie die Konzepte und Ziele der Palliativmedizin können eine hilfreiche Ergänzung in der Behandlung von Patienten in Grenzbereichen des Lebens sein", so Nauck.

Abschließend fasste der Palliativmediziner in kurzen Worten die Eckpunkte zusammen, anhand derer grob bestimmt werden kann, ab wann eine lebenserhaltende Therapie nicht aufrechterhalten werden sollte: "Wann dürfen, sollen, müssen wir aufhören, zu behandeln? Wir dürfen bei sterbenden Patienten, sollen bei der Sinnlosigkeit der Therapie und müssen bei fehlender Einwilligung in die Behandlung und wenn keine medizinische Indikation besteht."

Recht auf Wissen vs. Recht auf Unwissen


Direkt im Anschluss referierte Professor em. Dr. med. Jörg Schmidtke, langjähriger Direktor des Instituts für Humangenetik der Medizinischen Hochschule Hannover, über genetische Beratungen. Anhand von anonymisierten Fallbeispielen erläuterte Schmidtke die ethischen Konflikte, die Untersuchungen von Genmaterial häufig mit sich bringen: Das Recht auf Wissen könne gegen das Recht auf Unwissen anderer stehen, Lebensrechte des Ungeborenen gegen Lebensrechte der Schwangeren und Rechte des Einzelnen gegen Rechte der Gesellschaft. "Die genetische Beratung setzt bei den Bedürfnissen der ratsuchenden Person an", erklärte Schmidtke. "Die Beratung vor einer genetischen Untersuchung soll bei der Entscheidungsfindung für oder gegen die genetische Untersuchung Hilfestellung geben. Deshalb soll sie einem Einzelnen oder gegebenenfalls auch einer Familie helfen, medizinisch-genetische Fakten zu verstehen und ihre Relevanz für das weitere Leben einordnen zu können, Entscheidungsalternativen zu bedenken, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und individuell angemessene Verhaltensweisen zu wählen."

Genetische Beratungen dürfen neben Fachärzten für Humangenetik und Ärzten mit der Zusatzbezeichnung "Medizinische Genetik" nur Ärzte durchführen, die eine Fortbildung zur fachgebundenen genetischen Beratung absolviert haben.

Indikation: Professionsethische Herausforderung


Den Mittwoch auf der Insel eröffnete Dr. med. Andrea Dörries, langjährige Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik (ZfG) in Hannover, mit einem Vortrag zu den professionsethischen Herausforderungen bei der medizinischen Indikation in der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Auch das Gesundheitswesen werde zunehmend als ein Dienstleister wahrgenommen, in dem gute Versorgungsqualität bei möglichst hoher Effizienz und guter "Indikationsqualität" erreicht werden soll. Diesen Begriff der Indikationsqualität nahm die Fachärztin für Kinderheilkunde unter die Lupe. Hier stellen sich folgende Fragen: Wann und warum stellt ein Arzt eine Indikation? Welche ethischen überlegungen leiten die Urteilsbildung? Welche moralischen Bewertungen leiten den Patienten? Was ist eine "gute" Qualität? Welchen Stellenwert haben finanzielle Aspekte?

"Die Indikation und die Zustimmung des Patienten nach erfolgter Aufklärung sind die Voraussetzungen für ärztliches Handeln", erklärte Dörries. Eine Indikation zu stellen bedeute nach Raspe (2015), dem objektivierten klinischen Zustand eines Patienten gedanklich eine wirksame und möglichst nützliche medizinische Leistung zuzuordnen, im Hinblick auf ein ethisch zu rechtfertigendes und mit angemessener Wahrscheinlichkeit zu erreichendes Ziel. Den Entscheidungsprozess beschrieb die Fachärztin folgendermaßen: Der Patient stellt sich dem Arzt mit seinen Beschwerden vor. Der Arzt benennt daraus die relevanten Symptome. Es folgt ein erstes Gespräch zwischen Arzt und Patient über das Behandlungsziel (zum Beispiel kurativ, palliativ), woraufhin die eigentliche Indikationsstellung folgt. Arzt und Patient sprechen in einem zweiten Gespräch über die indizierten Maßnahmen. Nach seiner Einwilligung in die Maßnahme kann diese durchgeführt werden.

"Die eigentliche Indikationsstellung durch den Arzt beinhaltet evidenzbasierte Kenntnisse, individuelle ärztliche Erfahrung und eine professionsethische Bewertung", erläuterte Dörries. Die Indikationsstellung sei ein integraler Bestandteil eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses zwischen Arzt und Patient im Hinblick auf ein vereinbartes Ziel. "Für die Bewertung der Indikationsqualität sollte aber der gesamte therapeutische Entscheidungsprozess einbezogen werden", konkretisierte die Fachärztin.

Aber was verstehen wir eigentlich unter Qualität? Die Fachärztin zitierte hierzu die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF): "Unter Qualität ist die ´Wie-Beschaffenheit´ von Strukturen, Prozessen und Ergebnissen zu verstehen, die - zunächst ohne jedes Werturteil - anhand von validen Indikatoren ermittelt ("gemessen") werden kann." Dörries unterscheidet hierbei zwischen zwei unterschiedlichen Qualitätsverständnissen: der quantitativen (Q-)Qualität, die standardisiert mit Qualitätsindikatoren gemessen wird, und der traditionellen, professionsethischen (T-)Qualität, die primär durch qualitative Verfahren beurteilt und durch innerärztliche Fort- und Weiterbildung gesichert wird.

Zum Schluss beschrieb Dörries mit unternehmens- und professionsethischen Ansätzen, wie finanzielle Aspekte im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden könnten. Unter Verweis auf eine Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer (ZEKO), die zwischen Wirtschaft­lichkeit und ökonomisierung unterschied, plädierte sie dafür, ärztlicherseits finanzielle Aspekte nur zweitrangig zu berücksichtigen. Es bedürfe aber gemeinsam vereinbarter, transparen­ter Verteilungskriterien und einer Unternehmenskultur in Krankenhäusern und Praxen, die Werte und Ziele offen diskutiert.

Was heißt eigentlich Innovation?


Am vorletzten Tag der Fortbildungswoche konnten die Veranstalter den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) begrüßen. Professor Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig eröffnete den Tag mit einem Vortrag darüber, was sich eigentlich hinter dem Begriff der Innovation verbirgt und wie Ärzte bei neuen Arzneimitteln einen für den Patienten relevanten therapeutischen Fortschritt erkennen können. 2018 seien insgesamt 37 neue Arzneimittel in Europa und 59 neue Arzneimittel in den USA auf den Markt gekommen, erklärte Ludwig: "Im nächsten Jahr können wir uns deshalb darauf einstellen, in Europa auch über 50 neue Arzneimittel zu bekommen." Auffällig sei dabei, dass viele der als innovativ bezeichneten Präparate keine echten Innovationen sind. Ein Arzneimittel ist dann innovativ, wenn es eine Erkrankung behandelt, für die es noch kein Medikament gibt, oder wenn es gegenüber anderen vergleichbaren Wirkstoffen einen deutlichen Zusatznutzen (zum Beispiel bessere Wirksamkeit, weniger Nebenwirkungen, für Patienten angenehmere Anwendung et cetera) aufweist. "Innovativ ist das neue "neu", zitierte der Hämatologe und Onkologe die Neue Zürcher Zeitung. Grund dafür sei die wirtschaftliche Orientierung der Hersteller, monierte Ludwig: "Es werden die Medikamente entwickelt, die am gewinnbringendsten verkauft werden können." Der Vorsitzende der AkdÄ forderte, dass sich Forschung und Entwicklung zukünftig wieder viel mehr am tatsächlichen medizinischen Bedarf orientieren müssen.

"Die Entscheidung, welches Medikament für eine rationale Pharmakotherapie am besten zu nutzen ist, wird uns Ärzten durch diverse Informationsquellen schwer gemacht, die meist von Interessenkonflikten kontaminiert sind", so Ludwig. Er betonte: "Wir sollten an Arzneimittelstudien grundsätzlich mit einer gesunden Skepsis rangehen." Als unabhängige Informationsquellen empfahl Ludwig den von ihm herausgegebenen Arzneimittelbrief sowie weitere unabhängige Arzneimittelbulletins, wie die von der AkdÄ herausgegebene Zeitschrift "Arzneiverordnung in der Praxis", die alle der International Society of Drug Bulletins (ISDB) angeschlossen sind.

Machbarkeit und Entfremdung


Der Freitagvormittag war geprägt von zwei sehr intensiven Vorträgen. Zunächst sprach Professor Dr. med. Paul Cullen, Internist, Labormediziner und Molekularbiologe, über die ethischen Fallstricke der heutigen Medizin. Als größte ethische Gefahren in der heutigen Zeit identifizierte Cullen zum einen die Verletzung der prinzipiellen Unverfügbarkeit des Menschen als Ausdruck seiner Würde und zum anderen die ökonomisierung aller Lebensbereiche - inklusive der Medizin. Als Beispiel nannte er die Diskussion über den Zeitpunkt, ab wann das menschliche Leben beginnt: Mit der Befruchtung der Eizelle? Mit der Einnistung des Embryos in der Gebärmutter? Ab dem 2. Monat? Mit der Geburt? Die all diesen Fragen zugrundeliegende Frage ist die, ab wann der Mensch zu einer Person wird.

Der Internist vertritt im Einklang etwa mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Auffassung, dass das neue Leben mit der Befruchtung beginnt, also mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. "Die Einzigartigkeit des neuen Menschen wird zu diesem Zeitpunkt festgelegt", so Cullen. "Danach kommt außer Nahrung nichts Neues von Außen hinzu." Seine Ansicht sei stark umstritten, erklärte der Professor und präsentierte verschiedene andere Meinungen, nach denen zum Beispiel das Selbstbewusstsein eines Menschen erst zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr gebildet werde.

Doch die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens bildet den Ausgangspunkt der aktuellen Debatten über Schwangerschaftsabbrüche und Präimplantationsdiagnostik. Cullen verdeutlichte an einigen Beispielen, dass pränatale Selektion und Neo-Eugenik bereits auf dem Vormarsch seien. Der Chef-Ethiker der britischen Ärztekammer sagte 2017 zum Beispiel, dass geschlechts-selektive Abtreibungen während der ganzen Schwangerschaft zugelassen werden sollten. Und in Island würden bereits so gut wie keine Kinder mehr mit Down-Syndrom zur Welt kommen. "Problematisch ist, dass sich hier ökonomisierung und Bioethik treffen", erklärte Cullen anhand eines Zitats, in dem die durchschnittlichen Kosten der vorgeburtlichen Diagnostik zur Vermeidung der zystischen Fibrose mit den Durchschnittskosten der medizinischen Behandlung während des Lebens eines Patienten verglichen werden. "Es herrscht eine Reparatur-Werkstatt-Mentalität vor", beklagte der Internist.

Dann schlug er den Bogen zum Lebensende und kritisierte den ärztlich assistierten Suizid. Er zitierte hierzu aus einem Vortrag von Axel Bauer auf einer Fachtagung des Bundesverbands Lebensrecht: "Man gewinnt den Eindruck, dass das Recht auf Selbstbestimmung neuerdings mit dem Recht auf den selbstbestimmten Todeszeitpunkt geradezu identifiziert wird. Die ständig wiederholte Rede vom selbstbestimmten Sterben oder gar vom Sterben in Würde wirkt irritierend, denn man will uns einreden, wir hätten ungeahnte Spielräume ausgerechnet beim Sterben und ein natürlicher Tod sei damit würdelos."

Schlussendlich machte Cullen in seinem Vortrag deutlich, dass nicht alles, was medizinisch machbar sei, auch unbedingt gemacht werden müsse. Und dass die ökonomisierung in der Medizin unweigerlich zu einer Entfremdung von der Unverfügbarkeit und der Würde der Menschen führe.

Das ethische Fundament der Transplantationsmedizin


Professor Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Eckhard Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth, konnte sich seinem Vorredner nicht ganz anschließen. "Die medizinische Entwicklung erweitert unseren Handlungsspielraum. Wir können uns diesem Fortschritt nicht entziehen", erklärte er gleich zu Beginn seines Vortrags. Die Erfolge der Transplantationsmedizin eröffneten Schwerstkranken neue Lebensperspektiven, betonte Nagel. Die Prämisse für den Erfolg sei jedoch die Solidarität. "Der Transplantationsmedizin ist ein Beziehungsmoment inhärent", verdeutlichte der Professor. "Eine Organtransplantation und damit Lebensperspektiven lassen sich nur realisieren, wenn eine Person etwas für einen Mitmenschen tut."

Vor diesem Hintergrund diskutierte Nagel das Für und Wider der verschiedenen Grundmodelle zur Organspende - die Zustimmungslösung und die Widerspruchslösung. "Der Anteil von Personen, die nicht widersprechen, ist nachweislich höher als der Anteil von Menschen, die einwilligen", so der Transplantationschirurg. Die Widerspruchslösung könne als Ausdruck eines libertären Paternalismus verstanden werden und sollte besser als "gesellschaftliche Zustimmungslösung" bezeichnet werden. Er betonte: "Organspende ist eine gesellschaftliche Aufgabe!" Allerdings würde durch eine Widerspruchslösung die Freiwilligkeit der Spende eingeschränkt. Nagel stellte hierzu eine Empfehlung des Nationalen Ethikrats vor, die eine Balance durch adäquate Rahmenbedingungen versucht. Zunächst solle es eine Pflicht zur Meldung potenzieller postmortaler Organspender der Krankenhäuser durch geeignete gesetzgeberische Maßnahmen geben. Dann müssten alle Kosten, die den Krankenhäusern im Zusammenhang mit der Meldung und Versorgung potenzieller Organspender entstünden, erstattet werden. Diese Empfehlungen sind aktuell im zweiten Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes aufgenommen worden. Außerdem plädiert der Nationale Ethikrat für die Einführung eines Stufenmodells in Verbindung mit der grundsätzlichen Akzeptanz der Organspende bei Verzicht auf persönliche Äußerung:
1| Die Bürger werden aufgefordert zu erklären, ob sie bereit sind zu spenden und ob sie informiert sind, dass die Organentnahme bei unterbliebener Erklärung gestattet ist, wenn nicht Angehörige widersprechen.
2| Die Organentnahme ist zulässig, wenn keine Anhaltspunkte für einen Widerspruch vorliegen und Angehörige nicht widersprechen.

Dieses Stufenmodell könne nur unter der Prämisse eingeführt werden, dass die Bevölkerung hinreichend über die Folgen eines unterlassenen Widerspruchs informiert wurde.

"Die Frage des Schutzes des Lebens ist nicht verhandelbar", machte Nagel abschließend klar. Für die Akzeptanz der Transplantationsmedizin seien daher transparente, nachvollziehbare und kontrollierbare Kriterien und Abläufe essenziell. "Eine strikte Aufklärung von Verstößen und die Identifikation von Verbesserungsmöglichkeiten sind notwendig, um das Vertrauen als Fundament aller medizinischer Hilfe zu stärken", mahnte der Transplantationschirurg.
n Stephanie Aue

Teamwork in der Arztpraxis


In manchen Praxen hat man das Gefühl, in eine Familie geraten zu sein. Andere Teams wirken wie Soldaten auf einer Mission. Wieder andere, als würden sie am liebsten jeden Abend nach Praxisschluss zusammen am Lagerfeuer sitzen. Teamwork ist, wenn alle reibungslos zusammenarbeiten. Aber das ist der selten erreichte Idealzustand. Warum knirscht es manchmal im Team? Warum lahmt die Zusammenarbeit? Warum der gereizte Ton? Wer führt eigentlich das Team oder führt überhaupt jemand? Wie kann sich eine lose Gruppe in ein engagiertes Team verwandeln? Wo liegen die Schwächen meines Teams und wo seine Stärken? Was möchte ich in meinem Team endlich mal ansprechen - und was lieber nie?
Um diese und viele weitere Fragen ging es in dem Seminar von Coach und Fachjournalist Christian Beneker. Das Seminar war ausgebucht und die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagiert bei der Sache. Es wurde in der Runde sehr offen über die verschiedenen Probleme in den Teams gesprochen und diverse Lösungsansätze diskutiert. Ein großes Thema für viele Teilnehmende war, wie der Arzt als Unternehmer seine Ziele durchsetzen kann, ohne "einen Befehlston" anzuschlagen. Insgesamt stellten die Teilnehmer fest, dass es äußerst unterschiedliche Herangehensweisen an die Praxisführung gibt, die auch stark von den jeweiligen Persönlichkeiten abhängen.

Verfasser/in:
Stephanie Aue
Pressestelle der ÄKN




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Demenz - Aktuelles und Wissenswertes aus 28 Jahren Gedächtnissprechstunde


Professor Dr. med. Klaus Hager, Chefarzt des Zentrums für Medizin im Alter (ZMA) des Henriettenstifts in Hannover, bot mit seinem Seminar einen Einblick in die Arbeit der Gedächtnissprechstunde am Henriettenstift und lieferte den Teilnehmern zahlreiche Fallbeispiele. Besprochen wurden die unterschiedlichen Krankheitsbilder von Demenz. Außerdem ging es darum, wie die Diagnostik aussehen kann und was bei der Therapie und im Krankheitsverlauf beachtet werden muss. Ebenfalls behandelt wurden verschiedene Fragestellungen, die vor allem die Lebenswelten der Erkrankten betreffen - zum Beispiel das Autofahren bei fortschreitender Demenz und die Geschäftsfähigkeit. "Die Therapie einer Demenzerkrankung besteht immer aus einer Abwägung zwischen der Krankheitsakzeptanz des Patienten, der Schwere der Symptome und den Kompetenzen, die der Patient noch aufweist", erklärte Hager. Die Therapie müsse also flexibel und individuell sein.

Kleine Praktische Chirurgie


Heiß begehrt war auch in diesem Jahr wieder der Kurs "Kleine Praktische Chirurgie" bei Professor Dr. med. Julian Mall aus dem Klinikum Region Hannover. Der fünftägige Vormittagskurs vermittelt die Grundlagen von Nahttechniken an Haut und Unterhaut und bietet auch praktische übungen. "Im Endeffekt frischen wir in diesem Kurs nur auf, was wir alle einmal im Studium gelernt haben", erklärte Mall, während er immer wieder zwischen den Teilnehmern herumging, um Hilfestellung bei den Nähten zu geben. "Ziel ist es, dass vor allem niedergelassene Ärzte kleinere Wunden selbst nähen und versorgen können", sagte der Chefarzt. So müssten weniger Patienten ins Krankenhaus überwiesen werden. "Außerdem erhalten die Kolleginnen und Kollegen auch bei der Nachsorge von Operationswunden ein besseres Verständnis für den Zustand der Naht und der Wunde", ergänzte Mall.


Medizin und Management in der Notaufnahme

Dr. med. Thomas Fleischmann, Notfallmediziner und seit über 25 Jahren ausschließlich in Notaufnahmen und Notarztdiensten tätig, leitete auf der 67. Woche der Praktischen Medizin ein Seminar zu Medizin und Management in der Notaufnahme. Jeden Vormittag sprach Fleischmann mit den Teilnehmern für zweieinhalb Stunden über die Veränderungen der klinischen Notfallversorgung in Deutschland sowie über die Diagnostik und Therapie bei großen Leitsymptomen. Zum Ende des jeweiligen Seminarabschnitts gab es jeden Tag "Notfallmedizin unplugged": Hier konnten die Teilnehmer über ihre Kenntnisse und Erfahrungen in der Notfallversorgung sprechen und die Inhalte selbst gestalten.

Bereits die Einführungsrunde am ersten Tag war sehr intensiv. Die Teilnehmer berichteten übereinstimmend, dass die Arbeitsbelastungen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser immens seien. Sehr lange Dienste seien die Regel, teilweise mit gleichzeitiger OP-Bereitschaft. Die Flut der Patienten sei nicht mehr zu bewältigen. Die Unzufriedenheit mit den aktuellen Strukturen war deutlich erkennbar und Fleischmann bestätigte, dass ihm das leider nicht neu sei. Er erklärte, dass die aktuelle Situation auf einer langjährigen Fehlentwicklung in der Personalstruktur zurückzuführen sei. "Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Anzahl an Patienten verdoppelt, die Zahl an Pflegekräften in den Krankenhäusern hingegen ist gesunken", bedauerte der Notfallmediziner. Interessant sei, dass vor allem die jüngeren Patienten die Notaufnahmen immer mehr frequentieren. "Wir erleben in den Notaufnahmen einen Generation-Clash", erklärte Fleischmann. Er nannte die Patientengruppe zwischen 20 und 40 Jahre die "Generation Angst" - bei vielen Patienten dieser Altersgruppe könne ein ungewöhnlich hohes Angstniveau, bezogen auf die eigene Gesundheit, festgestellt werden: "Die meisten Patienten - etwa 70 Prozent - kommen aufgrund von Schmerzen in die Notaufnahme. Nur 10 Prozent davon haben starke Schmerzen." Google und Co. würden Ängste vor schweren Erkrankungen schüren und am Abend, wenn die Menschen zur Ruhe kämen, würden diese Ängste immens wachsen. Dies sei eine Entwicklung, auf die sich die Notaufnahmen einstellen müssten - vor allem auch in Sachen Personalstärke. "Wenn Sie zufriedene Patienten haben wollen, müssen Sie zuerst zufriedene Mitarbeiter haben", betonte Fleischmann.


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