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aktualisiert am: 15.08.2019

 

  Politik

Ein Recht auf saubere Luft

Ärztlicher Blick auf die Luftverschmutzung: Podiumsdiskussion der Universität Osnabrück und der ÄKN-Bezirksstelle Osnabrück mit Barbara Metz von der Umwelthilfe und Dr. iur. Jan-Christoph Weise vom Umweltministerium


 


Nicht um die Grenzwerte für die unterschiedlichen Schadstoffe drehte sich die Podiumsdiskussion beim gemeinsam von der Universität Osnabrück und der Bezirksstelle Osnabrück der Ärztekammer Niedersachsen veranstalteten "GesundheitsTalk". Wie wichtig es sei, die Schadstoffbelastung allerorts zu senken - darüber waren sich die Teilnehmer auf dem Podium in der Aula der Universität Osnabrück am 26. Juni einig: die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe Barbara Metz, der Fachreferatsleiter und Immissionsexperte im Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz Dr. iur. Jan-Christoph Weise, der außerplanmäßige Professor Dr. med. Henning Allmers von der Universität Osnabrück sowie Ärztekammer-Präsidentin Dr. med. Martina Wenker und Dr. med. Gisbert Voigt, der Vorsitzende der ÄKN-Bezirksstelle Osnabrück.

Bevor es aber mitten hinein in die von Thomas Spieker, Pressesprecher der Ärztekammer Niedersachsen, moderierte Debatte über "Feinstaub: Gefahr für die Lunge?" ging, erinnerte Wolfgang Lücke, Präsident der Universität Osnabrück, an den besonderen Bezug der Hochschule zu dem Thema: "Osnabrück war die erste Uni Deutschlands, die in den Neunzigern ein eigenes Umweltkonzept entwickelte", erzählte Lücke und verwies stolz auf den universitätseigenen Fuhrpark: "Heute haben wir Dienst-Fahrräder, E-Bikes, Lastenräder und demnächst auch E-Roller."

"Saubere Luft zu atmen, ist ein Menschenrecht"


Auf dem Podium war es den drei teilnehmenden Ärzten ein Anliegen, zunächst die krankmachenden Auswirkungen der Luftschadstoffe - Stickoxide und Feinstaub - zu verdeutlichen. "Saubere Luft atmen zu können, ist ein Menschenrecht", stellte Wenker heraus und verwies darauf, dass es sich bei den Grenzwerten um Kompromisse zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren handle. "Denn aus ärztlicher Perspektive gibt es keinen Grenzwert, unterhalb dessen Luftschadstoffe nicht auch schädlich sind", gab die Lungenfachärztin zu bedenken. So litten nicht nur Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden an der Luftverschmutzung. Sondern vor allem die besonders vulnerablen Gruppen wie Schwangere, ältere Menschen und kleine Kinder drohten vermehrt krank zu werden.

Eine deutlich höhere Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu früher bestätigte Dr. med. Gisbert Voigt: "Die Zahl der Kinder mit chronischen Atemwegserkrankungen nimmt zu - vor allem in Kombination mit Allergien", sagte der Kinderpneumologe. Dabei stellte der Vorsitzende der Ärztekammer-Bezirksstelle Osnabrück einen eindeutigen Bezug zu den belastenden Umweltfaktoren her: "Entsprechende epidemiologische Studien des Robert-Koch-Instituts gehen davon aus, dass jedes fünfte Kind von dieser Problematik betroffen ist."

Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Diabetes-Erkrankungen


Die Schädlichkeit der Luftverschmutzung bestätigte auch Dr. med. Henning Allmers, außerplanmäßiger Professor der Universität Osnabrück. Der Facharzt für Arbeitsmedizin, Allergologie und Umweltmedizin wies zum Beispiel auf eine in der renommierten Zeitschrift "The Lancet Planetary
Health" veröffentlichte Studie hin, die den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Diabetes-Erkrankungen bei ehemaligen US-Soldaten aufzeigt.

Keiner der Teilnehmer auf dem Podium bezweifelte somit die Sinnhaftigkeit der Grenzwerte, wenngleich die Messungen unter anderem in Niedersachsen immer noch Anlass zu Kontroversen geben. Dr. iur. Jan-Christoph Weise, Experte aus dem niedersächsischen Umweltministerium, beschrieb den Status quo: "Der Grenzwert für NO2 muss seit 2013 eingehalten werden und es gab noch eine Verlängerung bis 2015 für niedersächsische Städte." Trotzdem sei er bisher nicht eingehalten worden. "Das Instrument Luftreinhalteplanung hat versagt", folgerte Weise daraus, verwies aber zugleich auch auf die Verantwortung der Autobauer. "Wir hätten kein Problem mehr, wenn die Industrie ihre Grenzwerte eingehalten hätte."

"Es geht um eine Mobilitätswende"


An dieser Stelle hakte Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe ein und forderte die Politik auf, die aktuelle Diskussion über die NO2-Werte für Maßnahmen zu nutzen. Gleichzeitig verwies sie darauf, wie wichtig "der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs" und die "Reduktion des Individualverkehrs in den Städten" seien. "Es geht nicht darum, jedem seine Mobilität wegzunehmen, sondern um eine Mobilitätswende", betonte Metz. Das Ziel sei ein neues Mobilitätsverhalten und da müsse man dort anfangen, wo es möglich sei - "und das sind nun mal die Städte, wo man umsteigen kann auf den öffentlichen Verkehr, auf den Rad- oder den Fußverkehr".

"Wenn es effektive Maßnahmen dagegen gibt, müssen die so schnell wie möglich ergriffen werden, und zwar so konsequent wie möglich!"


In den Botschaften an die Politik herrschte im Fortgang der Debatte über weite Strecken Einigkeit unter den Teilnehmern. Vor Umweltstressoren wie Hitze, Lärm oder Luftverschmutzung könne sich der einzelne nicht effektiv schützen, führte etwa Ärztekammer-Präsidentin Wenker aus. "Wenn wir diese Umweltstressoren kennen und wenn es effektive Maßnahmen dagegen gibt, müssen die so schnell wie möglich ergriffen werden, und zwar so konsequent wie möglich", forderte Wenker. "Das betrifft nicht nur Stickoxide und Diesel. Das betrifft alles, was an Schadstoffen in der Luft herumschwirren kann."

Anschließend ging Wenker dezidiert auf die besondere Gefährlichkeit des Feinstaubs ein: Er sei ja nicht nur in der Lage, bis in die Alveolen vorzudringen, sondern werde häufig zudem vom Körper aufgenommen, berichtete die Ärztekammer-Präsidentin. Deshalb sei der Feinstaub ein extremer Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und führe Untersuchungen zufolge sogar zu Demenz: "Die ultrafeinen Feinstaubpartikel lösen im Körper permanente Entzündungsreaktionen aus, gegen die er sich nicht immunisieren kann", so Wenker.

Wenkers ÄKN-Vorstandskollege Voigt führte die Forderungen der Ärzte auf dem Podium am Ende der Debatte zusammen, als er sagte: "Wir haben Erkenntnisse, die man nicht weiter ignorieren darf und die politische Konsequenzen haben müssen. Natürlich sind auch Konsequenzen im Individualverhalten angezeigt, aber vor allem müssen die Umgebungsbedingungen so weit verändert werden, wie es optimal geht. Null werden wir in unserer hoch entwickelten Gesellschaft nicht schaffen, aber wir müssen anstreben, gen Null zu kommen."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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