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nä 07/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Fortbildung

Kranke Familien

17. Woche der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie auf Langeoog / Programm aus Vorträgen und Seminaren / Auch Dynastien, die Großeltern oder Ähnlichkeiten zu Wolfsfamilien waren ein Thema


 


Wie selbstverständlich beschäftigen wir uns täglich mit kranken Kindern und Jugendlichen, und in den letzten Jahren auch zunehmend mit Kindern psychisch kranker Eltern. Der Blick auf die Gesamtkonstellation - die Familie - mag dabei mitunter verloren gehen. So war es an der Zeit, die kranke Familie zum Tagungsthema der 17. Woche der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie auf Langeoog zu machen.

Kranke Familien leben in Zeiten, in denen es allen Fortschritten zum Trotz nicht unbedingt leichter geworden ist. Die Ansprüche an Flexibilität und Arbeitsfähigkeit gelten für alle Familienmitglieder: Jeder muss seinen Beitrag leisten, unabhängig davon, ob es sich um Schule oder Arbeitsplatz handelt. Familien sind organisiert wie Kleinstunternehmen, in denen alle Räder ineinander greifen - greifen müssen. Fällt ein Rädchen aus, ist die Katastrophe da. Noch viel schwieriger ist es für die Familien, die schon krank sind. Wie erkennt man sie? Welche Hilfesysteme können reagieren? So wenig Diagnosen es für kranke Familien gibt, so selten ist auch das Hilfesystem.

Keine Diagnosen für kranke Familien


Familien sind bis heute die Kernstruktur aller Gesellschaften. Kranke Familien sind nicht nur durch kranke Mitglieder gekennzeichnet, sondern auch durch dysfunktionale Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen (Professor Dr. med. Franz Resch). Familienunternehmen machen in Deutschland die Mehrheit aller Unternehmen aus und erwirtschaften fast die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Es gibt Familienunternehmen, die in hochkomplexen familiären Strukturen organisiert sind und es gibt solche, die an der Weitergabe der Familientradition scheitern (Professorin Dr. rer. pol. Christina Hoon).

Die Hauptvorträge der Fortbildungswoche waren wie immer ergänzt durch spannende Kasuistiken. Einmal ging es um eine sehr komplexe Behandlung (Dr. med. Verena Halb), einmal um die frühe Beziehungsanbahnung (Dr. med. Susanne Mudra) und einmal um eine Behandlung gegen die Regeln (Dipl.-Psych. Gloria Fischer-Waldschmidt). Wie wichtig die familiäre Interaktion ist, zeigt sich unter anderem, wenn man realisiert, wie intensiv körperliche und seelische Erkrankungen von gestörter Interaktion abhängen können (Professorin Dr. med. Eva Möhler). Hier setzt die Familientherapie an, die sich schon lange als erfolgreiche Psychotherapiemethode etabliert hat (Dipl.-Psych. Michael Bachg). Familiengeschichten gibt es in jeder Familie - wenn sie erzählt werden, entsteht prosaische Lebendigkeit (Dr. med. Paulus Hochgatterer). Die transgenerationale Weitergabe (Dr. phil. Dipl.-Psych. Anna Fuchs) leitete über zu den Großeltern, die nicht zuletzt aufgrund steigender Lebenserwartungen immer wichtiger werden (Dipl.-Soz. Katharina Mahne). Und schließlich unterscheiden wir uns nicht so sehr vom Wolfsrudel, in dem sich auch ein lebenslanges Alphapaar die Aufzucht der Welpen teilt (Markus Bathen). Die Frage nach der gesunden Familie im Abschlussvortrag konnte letzten Endes nur prosaisch gelöst werden, weil der Begriff der Gesundheit in diesem Kontext kaum bestimmbar scheint (Professor Dr. med. Michael Schulte-Markwort).

Wenn Beziehungen enden


Die 17. Woche der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit mehr als 300 Teilnehmern war spannend und ein großer Erfolg. Die Vorträge am Nachmittag wurden ergänzt durch Seminare zu zentralen Themen und Techniken des Fachs. Im nächsten Jahr wird die Veranstaltung "volljährig" und in der Zeit vom 18. bis 22. Mai stattfinden. Dann werden Professor Resch und ich die Leitung der Tagung in jüngere Hände übergeben. Nicht zuletzt deshalb lautet der Tagungstitel: "Wenn Beziehungen enden..." Allerdings ist das ein Thema, das auch für Kinder und ihre Psychotherapeuten von großer Bedeutung ist. Oder für Familien.

Verfasser/in:
Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- un
Wissenschaftlicher Leiter der Langeooger Woche der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
schulte.markwort@uke.de


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