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nä 07/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Fortbildung

Zwischen Herzensangelegenheit und Case-Management

48. Psychotherapiewoche der Ärztekammer Niedersachsen auf Langeoog / Vorträge, vertiefende Seminare, Diskussionsgruppen und Vorlesungen auch zu E-Mental Health oder der Arbeit mit Migrantinnen und Migranten


 


Mehr als 600 Teilnehmende kamen zur 48. Psychotherapiewoche der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) in der Zeit vom 27. Mai bis 1. Juni 2019 auf die Insel Langeoog. Unter dem Motto "Psychotherapie - Zwischen Herzensangelegenheit und Case-Management" umfasste das anregende und vielfältige Fortbildungsprogramm elf Hauptvorträge, 30 vertiefende Seminare, zwei Diskussionsgruppen sowie eine fortlaufende Vorlesung. Die Fortbildungswoche wurde von Baris Oral, Leiter der ÄKN-Fortbildungsabteilung, eröffnet. Anschließend trat in gewohnt humorvoller Manier der Bürgermeister der Insel, Uwe Garrells, ans Mikrofon, um die Teilnehmenden willkommen zu heißen. Danach führte Professorin Dr. med. Anette Kersting, die Leiterin des wissenschaftlichen Beirats der Psychotherapiewoche, in das Tagungsthema ein und erläuterte das Programm.

Im Spannungsfeld zwischen Empathie und Evidenzbasierung


Mit einem Vortrag über "Psychotherapie zwischen Empathie und Evidenzbasierung" eröffnete Professor Dr. med. Dr. theol. Gereon Heuft vom Universitätsklinikum Münster, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, die diesjährige Psychotherapiewoche. Das Spannungsfeld seines Vortrags veranschaulichte Heuft anhand von Beispielen aus der Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie. Die Rolle des gesundheitspolitischen sowie des soziokulturellen Kontexts müsse auch in der Psychotherapie berücksichtigt werden. Abschließend plädierte Heuft dafür, unter dem Dach des eigenen Verfahrens verschiedene konzeptuelle Ansätze zu lernen und zu lehren, zum Beispiel Kurz- und Langzeittherapie, hoch- und niederfrequente Behandlung sowie störungsspezifische Behandlungen.

Einen mitreißenden Vortrag über "Evidenzbasierte Resilienzförderung in der Psychotherapie" hielt Dr. phil. Aleksandra Kaurin aus der Abteilung für Klinische Psychologie und Neuropsychologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie verstehe Psychotherapie als resilienten Anpassungsprozess. Es sei jedoch wichtig, Resilienz aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu betrachten, um einen soziopolitischen Missbrauch des Konstrukts zu vermeiden.

Erst genesen, dann arbeiten?


Mit "Arbeitsplatzbezogenen Störungen" befasste sich der Beitrag von Dr. rer. biol. hum. Dipl. Psych. Lotta Winter aus der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Zentralität der Berufsrolle und der Leistungsanspruch an Erwerbstätige würden bei manchen Patienten und Patientinnen zu Sinnkrisen beitragen. Gleichzeitig werde Berufstätigkeit in aller Regel als sinnstiftend erlebt. Die Haltung "Erst genesen, dann arbeiten" wurde von ihr kritisch hinterfragt. Am Beispiel des Programms "Return to Work" stellte Winter Optionen für den Einbezug arbeitsplatzbezogener Themen in die Psychotherapie vor.

Dem Thema "E-Mental Health" widmete sich Privatdozentin Dr. rer. soc. Stephanie Bauer von der Forschungsstelle für Psychotherapie des Universitätsklinikums Heidelberg. Sie gab einen überblick über das breite, heterogene Feld unterschiedlicher Interventionen und Anwendungsmöglichkeiten in Prävention, Therapievorbereitung, ambulanter sowie stationärer Behandlung und Nachsorge. Evidenz liege mittlerweile für einzelne internetgestütze kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapieprogramme vor. Allerdings mangele es an Studien zum direkten Vergleich zwischen internetgestützter und Face-to-Face-Psychotherapie. Bisherige Studien würden zudem eine unerwartet geringe Akzeptanz internetgestützter Psychotherapieangebote auf Patientenseite zeigen.

Professor Dr. med. Dr. phil. Andreas Maercker aus dem Psychologischen Institut der Universität Zürich beschrieb in seinem Vortrag zu "Posttraumatischem Wachstum" positive Zuwächse, die im Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit traumatisch Erlebtem auftreten können. Dazu gehören beispielsweise eine erhöhte Wertschätzung des Lebens, veränderte Prioritätensetzungen, die Intensivierung der persönlichen Beziehungen oder das Bewusstwerden eigener Stärken. Er ging auf den klinischen Stellenwert des Phänomens Posttraumatisches Wachstum ein, tangierte eine mögliche illusorische Komponente, nannte Grenzen der Wachstums-Metapher und versuchte einen therapeutischen Ausblick.

Im Mittelpunkt des Vortrags "Psychosomatische Medizin - Quo vadis?" von Professor Dr. med. Johannes Kruse vom Uniklinikum Gießen und Marburg, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, stand die Zukunft der psychosomatischen Versorgung. Ausgangspunkt waren die veränderten Rahmenbedingungen im Zuge von Psychotherapie-Richtlinien, Krankenhausfinanzierungssystemen und der Entwicklung psychosomatischer Ambulanzen. Kruse ging zudem näher auf die psychosomatisch-psychotherapeutische Komplexbehandlung ein und zeigte deren mögliche Entwicklungstendenzen auf.

Psychotherapie - eine Herzensangelegenheit


Zum Nachdenken und zur Diskussion über moderne Konzepte Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie (TP) regte das Referat von Dipl.-Psych. Annegret Boll-Klatt aus der Ambulanz des Instituts für Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf an. Unter dem Titel "Fall aus der Praxis: Zeitgemäße Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie - (m)eine Herzensangelegenheit" schilderte sie den Verlauf einer ambulanten TP-Langzeitbehandlung und veranschaulichte die Möglichkeiten und die Grenzen des Vorgehens. Der Beitrag befasste sich auch mit der Differenzierung zwischen Struktur- und Konfliktpathologie sowie der spezifischen Handhabung von übertragung und Gegenübertragung.

Neben den genannten Vorträgen, die sich dem Tagungsthema widmeten, gab es auch einige Beiträge, die auf andere bedeutsame Themen in der Psychotherapie fokussierten. Dr. med. Karl-Albrecht Dreyer, Lehranalytiker und Supervisor aus Ulm, hielt einen Vortrag über "Transparenz und Teilhabe als fördernde Elemente". Ausgehend von überraschenden Gegenübertragungsmomenten, die Ausdruck einer introjektiven Identifizierung der behandelnden Person mit dem Patienten oder der Patientin sein können, wurde anhand eines Fallbeispiels der Nutzen transparenten Austauschs über diese besonderen Momente und darüber hinaus beschrieben. Teilhabe sei eine wechselseitige Haltung zwischen behandelnder und behandelter Person, bei der die introjektive Identifizierung als Brückenkonzept genutzt werden könne.

Besonderheiten der interkulturellen Begegnung


über "Psychotherapie mit Migranten und Geflüchteten" sprach Professorin Dr. med. Yesim Erim, Universitätsklinikum Erlangen, Psychosomatische und Psychotherapeutische Abteilung. Angesichts der Tatsache, dass 20 bis 25 Prozent unserer Patientinnen und Patienten einen Migrationshintergrund haben, versuchte die Referentin, die Zuhörenden für die Besonderheiten der interkulturellen Begegnung zu sensibilisieren. Sie thematisierte die Bedeutung von kultureller Adaptation, transgenerationeller Transmission von Werten sowie von politischen Unsicherheiten und sprach sich für eine kultursensitive Psychotherapie und Förderung der Individuation der Patientinnen und Patienten aus.

Erhöhtes Risiko für suizidale Handlungen


Wie bereits in den Vorjahren beinhaltete das Programm auch diesmal wieder ein Thema aus dem Kinder- und Jugendbereich. Professor Dr. med. Michael Kaess von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern gab einen überblick über den derzeitigen Forschungsstand zu Epidemiologie, Phänomenologie und Pathogenese von nicht-suizidalem selbstverletzenden Verhalten (NSSV). NSSV beginne in aller Regel in der frühen Adoleszenz und weise im Jugendalter eine Prävalenz von 20 Prozent auf. Es stelle einen Risikomarker für unterschiedliche Störungen der Affektregulation dar und gehe mit einem erhöhten Risiko für suizidale Handlungen einher.

Einen Blick über den eigenen Tellerrand gestatteten der Abendvortrag zum Auftakt der Woche sowie der Abschlussvortrag. Die Berliner Dramaturgin und Regisseurin Dr. phil. Eva-Maria Fahmüller von der Master School Drehbuch demonstrierte und kommentierte anhand von Filmausschnitten die Unterschiede in der Dramaturgie von deutschen und amerikanischen Kinofilmen, in denen Menschen mit psychischen Störungen die Protagonisten sind. Dr. phil. Maxie Bunz vom Umweltbundesamt in Berlin referierte schließlich über den direkten und indirekten Einfluss des Klimawandels auf die physische und psychische Gesundheit. Sie ging vor dem Hintergrund individueller Prädispositionen, Resilienz und Anpassungsleistung auf Krankheiten und psychosoziale Belastungen ein, mit denen bei fortschreitendem Klimawandel zu rechnen sei.

Die Veranstaltung endete mit dem Ausblick auf die 49. Psychotherapiewoche in der Zeit vom 18. bis 23. Mai 2020. Das vielversprechende Tagungsthema lautet: "Zufriedenheit - oder brauchen wir das große Glück?"

Verfasser/in:
Prof. Dr. med. Dr. p Astrid Müller
MHH, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Wissenschaftlicher Beirat der Psychotherapiewoche



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