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nä 07/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Politik

Mal herrscht Einigkeit, bei anderen Themen wird heftig diskutiert

Ärztegesundheit und das elektronische Logbuch gehörten zu den Schwerpunktthemen auf dem 122. Deutschen Ärztetag in Münster / Viele Mitglieder der niedersächsischen Delegation beteiligten sich an der Debatte


 


Viele der Themen, Anliegen und Streitpunkte, die schon im Rahmen der Eröffnung angeklungen waren, zogen sich wie ein roter Faden durch die Anträge und Redebeiträge des 122. Deutschen Ärztetags in Münster. Auch das Schwerpunktthema "Wenn die Arbeit Ärzte krank macht" wurde wiederholt in Redebeiträgen der 250 Delegierten aus den 17 deutschen Landesärztekammern aufgegriffen. Hinsichtlich des großen Stellenwerts der Arztgesundheit für die Patientensicherheit waren sich alle drei Referenten einig: Professorin Dr. med. Monika Rieger, Ärztliche Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen, stellte als Beispiel ergonomische Verbesserungen für Chirurgen vor. Auf die psychischen Belastungen von Ärztinnen und Ärzten ging neben Rieger auch Professor Dr. med. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, ein. Gündel empfahl, bei Bedarf in Workshops oder Kompetenztrainingsangeboten "Wege aus beruflichen Zwickmühlen" zu suchen. Unter dem Motto "Hilfe statt Strafe" stellte schließlich Dr. med. Klaus Beelmann, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Hamburg, Interventionsprogramme der Landesärztekammern für suchtkranke Ärztinnen und Ärzte vor.

"Die eigene Gesundheit zu beachten, ist auch eine Frage der Ethik des Berufs"


Rege beteiligten sich einige der insgesamt 20 niedersächsischen Delegierten an der Aussprache über die neuerdings im Genfer Gelöbnis niedergelegte Forderung, Ärzte sollten auf ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlergehen achten. Professor Dr. med. habil. Bernd Haubitz brachte gleich zu Beginn seinen eigenen "Case-Report" in die Debatte ein und schilderte, wie er 2010 als Patient auf der Intensivstation landete. Zuvor habe er über Jahre hinweg 70 bis 80 Stunden im Monat zusätzlich zur Kernarbeitszeit gearbeitet, berichtete der Facharzt für Radiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Doch die Erkrankung habe bei ihm zu einem Paradigmenwechsel geführt: "Die eigene Arztgesundheit ist eine Frage der Berufsethik!", lautete Haubitz´ Erkenntnis. An die jungen Kollegen appellierte er daher, schon am Anfang ihrer Karriere auf sich zu achten, damit sie ihr "Wissen und Können über ein langes Berufsleben hinweg den Patienten zur Verfügung stellen können".

Auch Gewalt gegen Ärzte macht krank


Krank machende äußere Umstände beklagte Marion Charlotte Renneberg, Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und niedergelassene Hausärztin in Ilsede. "Wir erleben ein großes Anspruchsdenken bis hin zu Gewalt in den Praxen", berichtete Renneberg. "Auch das macht uns, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter krank." Deshalb sei es wichtig, die im Gesundheitswesen Tätigen für das Thema zu sensibilisieren und Fortbildungsangebote zu schaffen, forderte die Leiterin der niedersächsischen Delegation.

Die "inakzeptablen" übergriffe auf Rettungskräfte sprach ebenfalls Dr. med. Martina Wenker an, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und bis zu den turnusmäßigen Neuwahlen während des Ärztetags amtierende Vizepräsidentin der Bundeärztekammer. Es sei skandalös, dass heute bei Notfällen zunächst einmal die eigene Sicherheit geklärt werden müsse. Wenker beklagte diese Entwicklung vehement, denn sie hindere Ärztinnen und Ärzte "das zu tun, wofür sie angetreten sind."

Das Problem der ökonomisierung


Einen anderen, von den Referenten erwähnten Aspekt der Debatte griff Detlef Schmitz vom Klinikum der Stadt Wolfsburg auf: "In der Realität heißt es, das ist zu teuer", beschrieb der niedersächsische Delegierte seine Erfahrungen. "Wir erleben Rahmenbedingungen, gegen die wir nichts unternehmen können und einen Stellenplan, der nicht auf Kante, sondern auf Lücke genäht ist", kritisierte der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und warnte vor der ökonomisierung: "Sie ist das Problem - da müssen wir raus." Zugleich riet Schmitz aber auch von Modellen ab, wie sie in Norwegen üblich seien: Dort sei der Zugang zum Arzt stark reglementiert. Gegebenenfalls werde ein Patient sogar weggeschickt, wenn die Praxiszeit vorbei sei, auch wenn der Betroffene 60 Kilometer weit angereist sei. "Das finde ich schwierig", räumte Schmitz ein, "wir wollen unsere Gesundheit nicht auf Kosten der Patienten durchsetzen".

Dokumentation der Weiterbildung im elektronischen Logbuch


Den Landesärztekammern zu empfehlen, dass sie zur Dokumentation des Kompetenzerwerbs der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung das elektronische Logbuch (eLogbuch) einführen, hat der Ärztetag in Münster nach einer intensiven kontroversen Aussprache beschlossen. Das Softwareprogramm stellte den Delegierten des Ärztetags Ulf Kester vom Münchner Unternehmen Steadforce vor. Bereits zum 1. Juli sollte das System betriebsbereit sein.

"Digitalisierung geht anders", brachte der niedersächsische Delegierte Klaus-Peter Schaps ohne Umschweife seine Kritik auf den Punkt. Er forderte zum Beispiel, einen Algorithmus zu hinterlegen, der Plausibilitätsprüfungen durchführe. Vor allem aber wünschte sich Schaps ein "voll digitales eLogbuch mit bundeseinheitlicher Funktionalität". Die Handhabung indes animierte ihn zu harscher Kritik: "Ein Tool, das nicht selbsterklärend ist - das kann doch nicht wahr sein!"

Leichte Bedienbarkeit des eLogbuchs im Fokus


Enttäuscht von der Demonstration des Systems war auch Schaps´ Delegationskollege Detlef Schmitz. Er hatte in erster Linie die Bedienbarkeit für die Nutzer im Fokus: "Wir als Weiterbildungsbeauftragte müssen damit arbeiten. Deshalb muss sich das eLogbuch logisch erschließen und die Handhabung der sehr komplexen Weiterbildungsordnung erleichtern", forderte Schmitz. Nicht zuletzt sei die Evaluation der Weiterbildung sehr wichtig, daher müsse das eLogbuch "entwicklungsfähig" sein. Darüber hinaus meldete der niedersächsische Delegierte bereits detaillierte Wünsche an wie eine Notizfunktion oder das Ermöglichen von Änderungen.

"Die große Erwartungshaltung an das System sollte nicht dazu führen, dass wir uns lähmen lassen und das Projekt nicht weiterentwickeln", mahnte schließlich Dr. med. Gisbert Voigt. Als Mitglied der niedersächsischen Delegation und Vertreter der Ärztekammer Niedersachsen in der Ständigen Konferenz "Ärztliche Weiterbildung" der Bundeärztekammer griff er die Forderung auf, das eLogbuch solle funktionieren wie ein Smartphone: "Was wir jetzt haben, ist ein Anfang. Es ist noch verbesserungswürdig und noch nicht die Endausbaustufe. Aber wir können damit starten." Dieser Einschätzung schloss sich Voigts Delegationskollege, der Oldenburger Allgemeinmediziner Uwe Lange, ohne Einschränkungen an: "Ich habe das Gefühl, es ist eine dynamische Firma, die all die Herausforderungen in den Griff bekommen wird", sagte Lange und schloss: "Ich bin vehement dafür, dem jetzt zuzustimmen."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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