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nä 07/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Politik

Flucht aus der Klinik in die Praxis?

Ökonomischer Druck im Krankenhaus, aber auch in der Niederlassung: Intensive Debatten beim „Dialog mit jungen Ärztinnen und Ärzten“ / Gut besuchte Veranstaltung zum Auftakt des 122. Deutschen Ärztetags in Münster


 


Kritik am Gesundheitssystem und an den Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern dominierte die Diskussionsveranstaltung im Vorfeld des 122. Deutschen Ärztetags in Münster. Zum vierten Mal hatte die Bundesärztekammer zum "Dialog mit jungen Ärztinnen und Ärzten" eingeladen. In der gemeinsam mit dem Arbeitskreis "Junge Ärztinnen und Ärzte" der Ärztekammer Westfalen-Lippe veranstalteten Podiumsdiskussion ging es um "Die Versorgung von morgen" und die Frage, wie "die nächsten Generationen die Patientenversorgung sicherstellen" wollen. Wie sehr die Ärztinnen und Ärzte - und zwar nicht nur die Berufsanfänger - diese Themen beschäftigen, zeigte der rege Zuspruch zu dem Forum, denn die mehr als 200 Gäste fanden kaum Platz im Grünen Saal des Congress Centrums Halle Münsterland.

"Ich sehe meine Freiberuflichkeit durch die ökonomisierung in Gefahr"


Zunächst drehte sich die Veranstaltung, durch die der Hamburger Ärztekammer-Präsident Dr. med. Pedram Emami ebenso souverän wie engagiert führte, um die Frage: "Wie erleben junge Ärztinnen und Ärzte die Kommerzialisierung?" "Ich sehe meine Freiberuflichkeit durch die ökonomisierung in Gefahr", warnte Inna Agula-Fleischer, die dem Podium als Vorsitzende des Arbeitskreises "Junge Ärztinnen und Ärzte" der Ärztekammer Westfalen-Lippe angehörte. "Deshalb müssen wir handeln und Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft positiv beeinflussen", forderte die Fachärztin für Chirurgie. Das System der diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) - der sogenannten Fallpauschalen - zum Beispiel wurde denn auch von verschiedenen Diskussionsteilnehmern bemängelt. Selbst Dr. med. Thorsten Kehe, Vorsitzender der Geschäftsführung der Märkischen Gesundheitsholding, räumte durchaus "Webfehler" beim DRG-System ein. Aufgrund der Abrechnung über Fallpauschalen fehle den Krankenhäusern etwa das Geld für Innovationen, die benötigt würden, "um auf der Höhe der Zeit bleiben zu können".

Den Kampf der Krankenhäuser um finanzielle Mittel thematisierten etliche betroffene Ärztinnen und Ärzte während der Diskussion, in die sich auch Gäste aus dem Plenum einschalten konnten. "Wir wollen nicht gezwungen sein, Behandlungen vorzunehmen, die nicht medizinisch notwendig sind", machte auf dem Podium Agula-Fleischer klar. Dem pflichtete eine Veranstaltungsteilnehmerin bei, die das System der vorgeschriebenen Mindestmengen bei Operationen hinterfragte. Das führe in kleinen Kliniken zu Behandlungen, die nicht unumgänglich seien. Entsprechend forderte auch Podiumsteilnehmer Max Tischler, die "Patienten mehr in den Mittelpunkt zu stellen". Dem Arzt in Weiterbildung im Gebiet der Dermatologie an den Märkischen Kliniken in Lüdenscheid war es ein Anliegen, "dass Patienten nicht entlassen werden müssen, obwohl es ihnen immer noch schlecht geht". An vielen Punkten der Diskussion offenbarte sich an diesem Nachmittag immer wieder eine Kluft zwischen den ärztlichen Standpunkten einerseits und den ökonomischen oder gar kommerziellen Bedingungen des Gesundheitssystems andererseits.

"Vielleicht sollten wir Gesundheit ganz anders denken und den Kontakt zu Menschen suchen, bevor sie krank werden"


Die seit vielen Jahren praktizierten Strukturen stellte nicht zuletzt Jana Aulenkamp in ihrer Funktion als ehemalige Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) in Frage: "Wir scheinen als Ärzteschaft etwas verpasst zu haben", schloss die Doktorandin im Praktischen Jahr und sprach mehrmals Alternativen an. "Ich möchte gern mit anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten", sagte Aulenkamp zum Beispiel. Außerdem schlug sie vor, Gesundheit ganz anders zu denken: "Ich kann mir vorstellen, den Kontakt zu den Menschen bereits herzustellen, noch bevor sie krank werden."

In der Regel orientierten sich die Kommentare der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber an der konkreten Arbeit im Krankenhaus und den dortigen Gegebenheiten. Als großes Defizit sprachen viele an, dass die Weiterbildung auf der Strecke bleibe. Eine Ärztin bemängelte, dass im Krankenhaus zu wenig Raum für Weiterbildung vorhanden sei - und der Chef viele Maßnahmen schnell selbst erledige: Das fehlende Wissen kaufe sie sich in Wochenendkursen ein, lautete ihre nüchterne Bilanz. Zu wenig Zeit für die Einarbeitung und allgemein für die Zuwendung zum Patienten durch den Druck der ökonomisierung beklagte ferner Theodor Uden aus dem Arbeitskreis "Ärztlicher Nachwuchs" der Ärztekammer Niedersachsen, der derzeit an der Medizinischen Hochschule Hannover im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin arbeitet.

Die Niederlassung - ein Auslaufmodell?


Der intensive Kontakt zum Patienten war dann auch der große Bonus, mit dem Podiumsteilnehmerin Eva-Maria Ebner in der zweiten Diskussionsrunde für die Niederlassung in der eigenen Praxis warb. Die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde aus Oldenburg in Holstein schätzt es, ihre Patienten nun als Belegärztin von der Anamnese über die Diagnose und Operation bis hin zur Nachsorge begleiten zu können. Zwar wurde es auf Seiten der Klinikärzte als Nachteil empfunden, in der Niederlassung nicht mehr täglich herausfordernde Operationen absolvieren zu können, doch Ebner schrecken die Hörgeräte-Versorgung oder jene Fälle von Kindern nicht, die Schwierigkeiten mit Gehör und Spracherwerb haben. "Ich mache das seit sechs Jahren und habe eine hohe Berufszufriedenheit", gab sie dem Ärztenachwuchs als Entscheidungshilfe mit auf den Weg.

Denn das Bedürfnis zur "Flucht aus der Klinik", sobald es der Stand der Weiterbildung erlaube, dominierte viele der Diskussionsbeiträge. Dass die Generationen Y und Z anders ticken hatte bereits die Ärztin und Personalberaterin Dr. med. Anne Wichels-Schnieber im ihrem Impulsvortrag herausgearbeitet. Ihre Erkenntnis lautete, dass viele der frisch ausgebildeten Ärzte heutzutage das Angestelltendasein bevorzugten. Das geht einher mit der Beobachtung, dass diese Ärztegeneration zugleich sehr viel seltener die Form der Niederlassung in einer Einzelpraxis anstrebt und eher eine Gemeinschaftspraxis vorzieht. Dem stimmte zum Beispiel auch Dr. med. Hannah Tiggemann zu, derzeit noch Ärztin in Weiterbildung am Krankenhaus in Leer und Mitglied des Arbeitskreises "Ärztlicher Nachwuchs" der Ärztekammer Niedersachsen: "Ich fühle mich gut vorbereitet auf eine Niederlassung. Es gibt verschiedenste Hilfestellungen von Seiten der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Kommunen. Ich kann mir daher vorstellen, mich später in einer Gemeinschaftspraxis niederzulassen."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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