Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Telemedizin & Digita

Datenautobahn bekommt mehr Spuren

Der Anschluss der Praxen an die Telematikinfrastruktur läuft auf vollen Touren. Aber was kommt danach?


 


Der Aufbau der Telematikinfrastruktur im Gesundheitswesen ist derzeit eines der ambitioniertesten IT-Projekte in Deutschland. 109 gesetzliche Krankenkassen, rund 165.000 Praxen von Ärzten, Zahnärzten und Psychotherapeuten, 19.750 Apotheken und 1.950 Krankenhäuser sollen über ein sicheres Netz miteinander verbunden werden - und nicht zuletzt potentiell 73 Millionen GKV-Versicherte, die indirekt, aber unmittelbar davon betroffen sind. Welche Ausbaustufen sind in den nächsten Jahren geplant?

Der Gesetzgeber verspricht sich durch den Aufbau der Telematikinfrastruktur eine Vielzahl positiver Effekte:
- Medizinische Informationen für die Behandlung von Patienten sollen für Ärzte schneller und einfacher verfügbar werden.
- Daten und Informationen sollen über einen sicheren übertragungsweg im Gesundheitswesen ausgetauscht werden können.
- Die Patientensicherheit soll verbessert werden - zum Beispiel durch frühzeitiges Erkennen von Arzneimittelwechselwirkungen.
- Die Wirtschaftlichkeit von Behandlungen soll verbessert werden, etwa durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen.

Doch in der Ärzteschaft sind Unverständnis und Ablehnung spürbar. Das mag daran liegen, dass als erste Anwendung der Online-Versichertenstammdatenabgleich mit den Krankenkassen vorgesehen ist. Er nützt aktuell nur den Krankenkassen. Noch fehlt ein greifbarer Mehrwert für Ärzte und Patienten - wenn man einmal davon absieht, dass auf diesem Wege unberechtigt bezogene Leistungen vermieden werden können.

Die Akzeptanz der Telematikinfrastruktur wird davon abhängen, dass zügig weitere Funktionalitäten zur Verbesserung der Patientenversorgung an sie angedockt werden. Es gibt bereits einen Fahrplan für die nächsten Anwendungen, mit denen sich erstmals auch ein Benefit für die Praxen einstellen soll.

Im Falle eines Falles


Als nächste Funktion der TI ist das Notfalldatenmanagement geplant. Dazu soll ab Ende 2019 auf der eGK ein Notfalldatensatz gespeichert werden, der beispielsweise folgende Informationen enthalten wird:
- Chronische Erkrankungen und wichtige frühere Operationen (z. B. Diabetes, koronare Herzkrankheit, Organtransplantation)
- Medikamente (insbesondere Dauermedikation)
- Allergien und Unverträglichkeiten (insbesondere Arzneimittelallergien mit bekannter schwerer allergischer Reaktion)
- weitere wichtige medizinische Hinweise (z. B. Schwangerschaft oder Implantate)
- Kontaktdaten von Angehörigen, die im Notfall benachrichtigt werden sollen, und von behandelnden Ärzten
(z. B. dem Hausarzt)

Das Notfalldatenmanagement soll Ärzten und medizinischem Fachpersonal im ambulanten Bereitschaftsdienst, in der Krankenhausnotaufnahme oder im Rettungswagen wichtige Informationen zu einem unbekannten Patienten liefern.

Die Anlage eines Notfalldatensatzes wird über die neue EBM-Ziffer 01640 mit 80 Punkten = 8,52 Euro vergütet.

Sichere Verordnung


Eine weitere Anwendung in der nächsten Ausbaustufe der Telematikinfrastruktur ist der elektronische Medikationsplan. Denn die Versorgung mit Arzneimitteln führt im Alltag immer wieder zu Problemen. Auf Patientenseite werden Einnahmehinweise und Informationen zu den Arzneimitteln nicht verstanden oder wieder vergessen, Haus- und Fachärzten, Krankenhäusern und Apotheken liegen unterschiedliche Informationen zu einem Patienten vor. Die Unkenntnis der Gesamtmedikation birgt Risiken für unerwünschte Arzneimittelereignisse. Daher kann der bekannte Medikationsplan künftig auch elektronisch auf der eGK des Patienten gespeichert werden. Die elektronische Version fokussiert vor allem auf Ärzte und andere Heilberufe. Sie soll ihnen eine schnelle und aktuelle Orientierung über die Medikation eines Patienten verschaffen. Für den Patienten bleibt es allerdings bei der Papierform, die für ihn sicher auch besser handhabbar ist.

Patientenakte zum Mitlesen


Das Problem ist bekannt: Medizinische Dokumente werden derzeit oftmals nur in den Praxen und Krankenhäusern gespeichert, in denen sie erstellt wurden. Neu in die Behandlung einbezogenen Ärzten fehlen daher mitunter Informationen für ihre medizinischen Entscheidungen. Eine elektronische Patientenakte (ePa) soll diese Informationen künftig allen beteiligten Ärzten zur Verfügung stehen. Das könnte zur Reduktion von unerwünschten Ereignissen, Doppeluntersuchungen und Informationsverlusten führen.

GKV-Versicherte werden die ePA auf freiwilliger Basis nutzen können. Gesundheitsbezogene Dokumente können dort lebenslang sicher verwahrt und verwaltet werden. Auch Impfausweis, Mutterpass, das gelbe Untersuchungsheft für Kinder und das Zahn-Bonusheft sollen künftig in der ePA gespeichert werden können. Die Informationen stehen ihnen selbst sowie ihren behandelnden Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten und Apothekern zur Verfügung. Der Versicherte muss dafür der jeweiligen Praxis oder Apotheke die Berechtigung erteilen.

Patienten sollen auf ihre Gesundheitsdokumente über Computer, Tablett oder Smartphone zugreifen können. Seitens der Behandler erfolgt der Zugang über die Praxis- oder Apothekensoftware oder das Krankenhausinformationssystem.

Die Vorbereitungen zur Einführung der ePA sind bereits angelaufen. Ende 2018 wurden erste Spezifikationen, Vorgaben und Zulassungsverfahren festgelegt und die KBV mit der Festlegung weiterer Standards für medizinische Inhalte und Dokumente der ePA beauftragt. Der Gesetzgeber hat die GKV verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab dem
1. Januar 2021 eine von der gematik zugelassene ePA zur Verfügung zu stellen. Für die Nutzung der ePA sollen Praxen eine Vergütung erhalten.

Fazit


Der Start der Telematikinfrastruktur ist sehr holperig verlaufen. Doch die Richtung steht fest: Ein effizienter Praxisbetrieb wird ohne Anschluss an das digitale Netz künftig nicht mehr möglich sein. Angesichts der unabsehbaren Möglichkeiten, die die Digitalisierung der Medizin in den nächsten Jahren erschließen wird, ist dieser Weg alternativlos.

Verfasser/in:
Maik Grieger
KVN, UB Beratung




inhalt 06/ 19
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 

Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2019. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.06.2019.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung