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nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Selbstverwaltung

Der Präsident auf Visite

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ehefrau Elke Büdenbender und Ministerpräsident Stephan Weil informierten sich in Esenser Hausarztpraxis über Gesundheitsversorgung


 


Im Zuge seiner Reisen unter dem Motto "Land in Sicht" besuchte der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 9. April den Landkreis Wittmund/Nordsee. Begleitet wurde er dabei von seiner Ehefrau Elke Büdenbender und dem niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil. Einer der Lokaltermine führte in die Hausarztpraxis der Dres. Nagel, Odefey und Raytarowski in Esens. Die Staatskanzlei Hannover hatte um diesen Termin gebeten, da der Bundespräsident den Wunsch geäußert hatte, sich über "Die Zukunft der Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen" informieren zu wollen.

Um die verschiedenen Faktoren für eine zukunftsweisende ärztliche Versorgung darzustellen, nahmen von Seiten der Praxis auch Frau Dr. Solveig Helmers (Ärztin in Weiterbildung) und Frau Seraphina Schwindtke (VeraH) teil. Außerdem hatte Dr. Wolfram Nagel, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Wittmund, noch weitere Gesprächsteilnehmer hinzugeladen: Dr. Hagen Behnke, ärztlicher Direktor des Krankenhauses in Wittmund, Dieter Krott, Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sowie Prof. Dr. Michael Freitag, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin an der medizinischen Fakultät in Oldenburg.

Die Präsidenten und seine Gattin interessierten sich vor allem dafür, wie die Gesundheitsversorgung im ländlichen Bereich auch zukünftig gelingen kann. Die Gesprächsteilnehmer stellten ihnen eindrucksvoll dar, wie im Landkreis Wittmund bisher eine relativ gute Versorgung gewährleistet wird und welche Faktoren und Entwicklungen notwendig sind, damit das auch weiterhin möglich bleibt.

Weitsichtige Planung ...


Dazu gehört natürlich der ärztliche Nachwuchs. Dr. Nagel vertrat dabei die Auffassung, dass mit einer guten Ausbildung auch die Förderung und Professionalisierung der berufsethischen Grundhaltungen der jungen Kolleginnen und Kollegen Hand in Hand gehen müsse. Bleibe die Leidenschaft für hilfsbedürftige Menschen, mit der eine große Anzahl Studierender startet, im Zuge der Aus- und Weiterbildung erhalten und verbinde sich fachliche Exzellenz mit den ursprünglichen Idealen der jungen Ärzte, dann würden viele junge Medizinstudierende auch nach der Ausbildung versuchen, diese Synthese fachlicher Ausrichtung beruflich umzusetzen. Dazu sei dafür gerade die Hausarztmedizin auf dem Lande prädestiniert.

Wo aber liegen die strukturellen Probleme der medizinischen Versorgung vor Ort? Sicher gebe es in manchen Praxen vor Ort Optimierungspotenzial (QM, Zeitmanagement, Unternehmensstruktur), räumten die Gesprächspartner ein. Vor allem aber müssten Hürden und strukturelle Hindernisse abgebaut werden für Kollegen, die über eine Niederlassung als Hausarzt nachdenken. Dazu gehöre die Abschaffung der Zulassungsbeschränkungen vor allem in den gefährdeten ländlichen Bereichen sowie die Abschaffung von Budgets und Regressdrohungen. Diese "systemischen" Instrumente, so Nagel, seien dem "lebensweltlichen" Charakter des ärztlichen Tuns derart wesensfremd, dass sie das Potenzial hätten, gerade die hausärztliche Versorgung stark zu beschädigen.

Daneben ging es auch um die Aus- und Weiterbildung von Medizinern. Gerade die Kollegen im Landkreis Wittmund sind beispielhaft engagiert: Die Hälfte aller Allgemeinpraxen im Landkreis sind als Lehrpraxen der Abteilung für Allgemeinmedizin an der "European Medical School" in Oldenburg aktiv und die Kreisärzteschaft betreibt eine qualitativ hochwertige Verbundweiterbildung in der Allgemeinmedizin (www.verbundweiterbildung-nordsee.de). Die Erfahrung im Landkreis Wittmund zeige, dass durch dieses Engagement tatsächlich regional ärztlicher Nachwuchs herangezogen werden kann, betonte Prof. Freytag. Von 15 Ärztinnen und Ärzten aus der Verbundweiterbildung Allgemeinmedizin arbeiteten aktuell noch zehn im Landkreis.

... und Brennpunkte der Gegenwart


Zwei sehr aktuelle Anliegen für den Landkreis Wittmund kamen ebenfalls zur Sprache. Zum Jahresende musste die Abteilung für Geburtshilfe am Krankenhaus Wittmund geschlossen werden müssen - aus vielfältigen Gründen. Seitdem ist ein Teil der Grundversorgung, zu der die Geburtshilfe gemäß GBA-Beschluss aus dem Jahre 2018 zählt, für die Bevölkerung im Landkreis nicht mehr gewährleistet. "Damit können und werden wir uns nicht abfinden", unterstrich Nagel. Etwa 300 bis 350 Kinder wurden pro Jahr in Wittmund geboren. "Jetzt müssen werdende Mütter rund 40 Minuten bis zur nächsten Geburtsstation fahren." Diesen Missstand zu beheben sahen die Gesprächspartner auch als Aufgabe der Politik.

Und trotz allem Engagement für Aus- und Weiterbildung im Landkreis sahen die Fachleute eine Lücke im Bereich des Praktischen Jahres. Wenn das Krankenhaus Wittmund die Akkreditierung zum "Akademischen Lehrkrankenhaus" erlangen könnte, sei dies nicht nur für den ärztlichen Nachwuchs im Landkreis, sondern auch für die angehenden Ärzte selbst ein großer Vorteil. Dr. Behnke brachte als Direktor des Krankenhauses sein Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass das Krankenhaus in verschiedenen Fächern bis zur Facharztreife weiterbilden könne, aber Studenten im Praktischen Jahr nicht ausbilden dürfe. Minsterpräsident Weil stellte in Aussicht, sich in dieser Sache persönlich einzubringen.

Der Bundespräsident und seine Frau und der niedersächsische Ministerpräsident waren aufmerksame Zuhörer und beteiligten sich engagiert und kenntnisreich an dem Gespräch. Das Treffen stand zudem unter intensiver Beachtung seitens der Medien. So bleibt die Hoffnung, dass das Treffen genutzt werden konnte, um notwendige Entwicklungen anzustoßen, und konstruktive Resultate in nächster Zeit sichtbar werden.

Verfasser/in:
Dr. Wolfram Nagel, MAE
Vorsitzender der Kreisärzteschaft Wittmund




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