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aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Arzneimittel & Veror

Nachgefasst bei Metamizol

ATIS informiert: Fünf Fragen zum ATIS-Artikel „Panzytopenie unter Metamizol“ im niedersächsischen ärzteblatt 3/2019


 


Zu unserem Beitrag "Panzytopenie unter Metamizol  unverzügliches Absetzen erforderlich" im niedersächsischen ärzteblatt März 2019 erreichte uns der Leserbrief eines Kollegen mit fünf ergänzenden Fragen zu Metamizol:
1. Zählen Erkrankungen aus dem "rheumatischen Formenkreis" zu den zugelassenen Indikationen von Metamizol und wenn ja, welche Form genau?
2. Welche Abstände sind gemeint, wenn von "regelmäßigen Blutbildkontrollen" unter Therapie mit Metamizol gesprochen wird?
3. Was ist über die Häufigkeit der metamizolinduzierten Agranulozytose in Deutschland bekannt?
4. Wie ist die Therapie der metamizolinduzierten Agranulozytose, wenn es nach sofortigem Absetzen nicht zu einer spontanen Remission kommt?
5. Wie ist die Prognose der metamizolinduzierten Agranulozytose?

Antwort von ATIS


Zugelassene Indikationen von Metamizol
Die zugelassenen Anwendungsgebiete von Metamizol sind (1):
- hohes Fieber, das auf andere Maßnahmen nicht anspricht
- akute starke Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen
- Kolikschmerzen
- Tumorschmerzen
- sonstige akute oder chronische starke Schmerzen, soweit andere therapeutische Maßnahmen nicht indiziert sind
Letztere Indikation ist weit gefasst und beinhaltet u.a. auch entzündliche und nicht-entzündliche Schmerzen des Bewegungsapparats.

Abstände der Blutbildkontrollen
Es existiert kein etabliertes Protokoll für Blutbildkontrollen unter Metamizol (2). Weder die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) noch die verschiedenen Fachinformationen zu Metamizol spezifizieren, wie oft Blutbildkontrollen unter Therapie mit Metamizol durchzuführen sind (1, 3, 4). Patienten nehmen Metamizol in vielen Fällen nur intermittierend ein, was die Schwierigkeit für eine allgemeingültige Empfehlung erhöht. Hinzu kommt, dass eine Agranulozytose zu jedem Zeitpunkt der Behandlung mit Metamizol auftreten kann (5). Eine Orientierung zur Auftretenswahrscheinlichkeit bietet die Untersuchung von Stammschulte et al. (2): Von insgesamt 161 Fällen einer Metamizol-induzierten Agranulozytose traten 44 Prozent innerhalb der ersten zwei und 59 Prozent der Fälle innerhalb der ersten vier Wochen nach Therapiebeginn auf. Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse halten wir Blutbildkontrollen vor sowie vier Wochen nach Beginn einer Metamizol-Therapie für sinnvoll. über die nachfolgenden Kontrollintervalle sollte individuell in Abhängigkeit von Praktikabilität und Risikoprofil entschieden werden. Mindestens ebenso wichtig wie regelmäßige Blutbildkontrollen ist die Aufklärung des Patienten über mögliche Agranulozytose-Symptome und die Notwendigkeit einer umgehenden ärztlichen Vorstellung bei deren Auftreten (2-4).

Häufigkeit der metamizolinduzierten Agranulozytose
Die AkdÄ stuft die metamizolinduzierte Agranulozytose als sehr seltene unerwünschte Arzneimittelwirkung ein (<1 pro 10.000) (3, 6). Huber et al. berechneten die Inzidenz der metamizolinduzierten Agranulozytose in Deutschland auf ca. 1 pro 1 Million Einwohner pro Jahr (7). Durch die millionenfache Anwendung von Metamizol in Deutschland erlangt diese Nebenwirkung trotz ihrer Seltenheit klinische Relevanz.

Therapie der metamizolinduzierten Agranulozytose
Eine spezifische Therapie der metamizolinduzierten Agranulozytose existiert nicht. Eine Agranulozytose, die sich mit der typischen Symptomkonstellation aus Fieber, Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Abgeschlagenheit und schmerzhaften Mundschleimhautulzera manifestiert, wurde in Fallberichten kombiniert antibakteriell-antimykotisch behandelt. Zur Erhöhung der Zahl der neutrophilen Granulozyten wurde off-label Granulozytenkolonie stimulierender Faktor (G-CSF), z.B. Filgrastim oder Lenograstim eingesetzt (3, 8). Hierbei handelt es sich um eine rein empirische Therapie. Offizielle Empfehlungen existieren nicht.

Prognose der metamizolinduzierten Agranulozytose
Die Letalität der metamizolinduzierten Agranulozytose wird mit 10 Prozent angegeben (8). Die der AkdÄ gemeldeten Verdachtsfälle endeten sogar in ca. 20 Prozent der Fälle tödlich. Diese zweite, höhere Zahl kommt vermutlich durch Reporting Bias zustande, das heißt, tödlich verlaufene Fälle werden häufiger als unkomplizierte Verläufe gemeldet (3). Die Prognose ist gut, wenn frühzeitig mittels eines Blutbildes bzw. anhand der typischen klinischen Symptomatik die richtige Diagnose gestellt, Metamizol umgehend abgesetzt sowie eine Prophylaxe bzw. Therapie infektiöser Komplikationen eingeleitet wird (8).


Verfasser/in:
Johannes Heck
Institut für Klinische Pharmakologie
Medizinische Hochschule Hannover

PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Literatur


(1) Fachinformation; Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2019
(2) Stammschulte T, Ludwig WD, Mühlbauer B, Bronder E, Gundert-Remy U. Metamizole (dipyrone)-associated agranulocytosis. An analysis of German spontaneous reports 1990-2012. Eur J Clin Pharmacol 2015; 71: 1129-1138
(3) Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Agranulozytose nach Metamizol - sehr selten, aber häufiger als gedacht. 2011; 108: A1759
(4) Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Agranulozytose nach Einnahme von Metamizol. Drug Safety Mail 2017-37, 15.11.2017. https://www.akdae.de/ Arzneimittelsicherheit/Medikationsfehler/2017-37.html
(5) Lampl C, Likar R. Metamizole (dipyrone): mode of action, drug-drug interactions, and risk of agranulocytosis. Schmerz 2014; 28: 584-590
(6) Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Nebenwirkungen melden - ein Leitfaden für Ärzte. 2019. https://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/LF/PDF/Nebenwirkungen_melden.pdf
(7) Huber M, Andersohn F, Sarganas G et al. Metamizole-induced agranulocytosis revisited: results from the prospective Berlin Case-Control Surveillance Study. Eur J Clin Pharmacol 2015; 71: 219-227
(8) Gonnert FA, Meißner W. Kasuistik: Metamizol-induzierte Agranulozytose. Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2018; 53: 388-394

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