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nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Bezirksstellen

Wenn der Schlaf zum Albtraum wird

Ärzteforum Weser-Ems der Bezirksstellen Aurich, Oldenburg, Osnabrück und Wilhelmshaven: Neue Methoden in der Geriatrie, bei Adipositas und Varikosis sowie Schlafstörungen gehörten zum vielfältigen Themenangebot


 



Nach dem Krankenhaus ins Pflegeheim - dieser Weg kann gebrechlichen und dementen Patienten nach einem Sturz erspart werden. Wie die spezielle Betreuung durch ein Geriatrieteam nicht nur Bettlägerigkeit, sondern sogar Todesfälle nach sturzbedingten Operationen verhindern kann, schilderte Peter Plettenberg, Chefarzt des Alterstrauma-Zentrums Friesland in seinem Eröffnungsvortrag beim Ärzteforum Weser-Ems in Garrel. "Wir individualisieren den Fall und werden dadurch den Bedürfnissen des Patienten gerecht", umriss Plettenberg das Betreuungsprogramm in seinem Haus, das zum St. Johannes-Hospital in Varel gehört. So könne man auch polypharmazeutischen Auswüchsen begegnen und ungeklärten, vielfach jahrelang bestehenden Schmerzzuständen der oft hochbetagten Patienten auf die Spur kommen.

Bereits zum achten Mal hatten am 11. Mai die nord-westlichen Bezirksstellen der Ärztekammer Niedersachsen, also Aurich, Oldenburg, Osnabrück und Wilhelmshaven, zu der Fortbildungsveranstaltung eingeladen. Der bewährte Themenmix aus 17 praxisbezogenen Vorträgen lockte wieder rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kliniken, Praxen und anderen Tätigkeitsfeldern in das idyllisch gelegene Hotel Heidegrund an der Thülsfelder Talsperre.

Alterstrauma-Zentrum gegen Bettlägerigkeit


Der Geriater Peter Plettenberg berichtete wie auch die anderen Vortragenden aus dem jeweiligen Spezialgebiet. Das seit 2016 bestehende und inzwischen zertifizierte Alterstrauma-Zentrum Friesland, an dessen Aufbau sein Chefarzt maßgeblich beteiligt war, ist ein Kooperationsprojekt der Orthopäden, Unfallchirurgen und Altersmediziner der Friesland-Kliniken in Varel und Sande. Die unfallchirurgische und die internistisch-geriatrische Behandlung werden kombiniert: "Bei gemeinsamen Visiten in der Chirurgie prüfen wir sehr genau, welche Defizite der Patient hat und was er erreichen will", sagte Plettenberg. Ergo- und Physiotherapeuten kommen nach der Operation jeden Tag zu den Patienten, bei Bedarf wird auch eine Ernährungsberatung, eine logopädische oder psychologische Therapie angeboten. Nach der Akutbehandlung kann eine weitere Versorgung im Geriatriezentrum angeschlossen werden. So sei die Sterberate der multimorbiden Patienten, die zum großen Teil eigentlich auf einer IMC-Station (Intermediate Care) behandelt werden könnten, dies aber nicht mehr möchten, drastisch gesenkt worden. Auch internistisch schwierige Fälle könne das Geriatriezentrum häufig ganzheitlich lösen, sagte Plettenberg. "Wir schaffen es zu 80 Prozent, Patienten wieder nach Hause zu entlassen."

Nach dem Eröffnungsvortrag standen konkrete Krankheitsbilder und ihre Behandlungsmöglichkeiten auf dem Seminarplan. Neben dem Dauerbrenner "Dermatologie für Nichtdermatologen" waren besonders die Themen "Seltene Erkrankungen" und "Schlafstörungen" bei den Teilnehmern beliebt.

Wichtig ist die Tiefschlafphase


Zur Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen referierte Professorin Dr. med. Sylvia Kotterba, die Chefärztin der Klinik für Geriatrie im Klinikum Leer. Die Fachärztin für Neurologie, Geriatrie, Palliativmedizin, neurologische Intensivmedizin und Schlafmedizin betonte, dass zwischen normalen und krankhaften Schlafstörungen genau unterschieden werden müsse. "Es ist nicht schlimm, wenn Sie nachts mal wach werden", sagte die Schlafmedizinerin. Das komme ab Mitte 50 sogar meist regelmäßig vor. Wichtig sei ein ungestörter Tiefschlaf in den ersten vier Stunden; aber auch dieser nehme im hohen Alter jenseits der 90 allmählich ab. Zu beachten sei, dass ferner das Schlafbedürfnis zwischen vier und zwölf Stunden variiere.

Krankhafte Schlafstörungen kämen bei Frauen häufiger vor als bei Männern, erklärte Kotterba: "Frauen bekommen durch die Doppelbelastung von Beruf und Familie weniger Schlaf, als sie brauchen. Das kann zu Schlafstörungen führen." Andererseits könne zu frühes Ins-Bett-Gehen ebenfalls Insomnien, also Ein- und Durchschlafstörungen, fördern. Manche Durchschlafstörungen würden nicht als solche empfunden, sondern äußerten sich durch eine Schläfrigkeit am Tage. Dies sei beispielsweise bei schlafbezogenen Atmungsstörungen wie dem obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom der Fall. Die Atemstörung verursacht nur kurze, nicht bewusst wahrnehmbare Weckreaktionen - sogenannte "Arousals".

Tagesschläfrigkeit hat viele Ursachen


Tagesschläfrigkeit wirkt sich nicht zuletzt auch auf die Fahrtüchtigkeit aus und kann zu spektakulären Unfällen führen, von denen man immer wieder in der Zeitung liest. Doch wann ist der Fahrer schuldig und kann haftbar gemacht werden? In einem Exkurs setzte sich die Schlafmedizinerin mit dieser Frage auseinander: Schuldhaft sei es, sich mit einer bekannten, aber nicht behandelten Schlafstörung ans Steuer zu setzen, sagte sie und verwies auf Checklisten zur Tagesmüdigkeit. Wünschenswert sei eine Abklärung vor allem für Lkw- und andere Berufskraftfahrer, sagte Kotterba: "Meist führen diese den Test aber nicht freiwillig durch."

Rund 80 Schlafstörungen listet die ICSD 3 (International Classification of Sleep Disorders) auf, wie Kotterba erläuterte. Dennoch seien die Untersuchungsplätze in Schlaflaboren knapp. In ihrem stationären Schlaflabor in Leer betrage die Wartezeit drei bis vier Monate. Falls der Verdacht auf eine Schlafstörung besteht, sollte ein Hausarzt erst einmal einen Vorcheck vornehmen. Dazu gehöre bei einer Schlafapnoe auch der Gang zum HNO-Arzt. "Ein Patient, der nur nachts seinen Hypertonus bekommt, hat häufig eine Schlafapnoe", sagte Kotterba. übergewichtige mit Bauchfett zählten ebenfalls per se zum Patientenkreis, da dieses auf den Brustkorb drücke. "Das führt förmlich zu Schlafaussetzern."

Besonders auf neurologische Schlaferkrankungen ist das Schlaflabor in Leer spezialisiert. Dazu gehören beispielsweise Narkolepsie - unvermittelte Schlafphasen tagsüber - und nächtliche Parasomnien wie Schlafwandeln, Albträume und REM-Schlaf-Verhaltensstörungen, in denen die Schläfer auch Handlungen vornehmen können, wie Kotterba an Patientenvideos demonstrierte. Die Unterscheidung zwischen Schlafwandeln, REM-Schlafstörung oder auch Epilepsien im Schlaf ist nicht immer leicht und kann nur anhand detaillierter Differentialdiagnostik erfolgen, zu der eine Polysomnografie mit EEG, EKG und Messungen des Muskeltonus gehört. Zur Behandlung eignen sich bei Schlafwandeln und REM-Schlafstörung Medikamente wie Clonazepam, das den Tiefschlaf reduziert und Melatonin. Bei Narkolepsie wird derzeit erforscht, ob es hilft, einen dabei bestehenden Hypocretinmangel zu ersetzen, wie Kotterba berichtete. Auch Antidepressiva wie Clomipramin können wirksam sein. Gegen die mit der Krankheit einhergehenden Durchschlafstörungen in der Nacht helfe ein ungewöhnliches Mittel, sagte die Schlafmedizinerin: "Es wirken auch Gaben von Gamma-Hydroxybuttersäure - also K.O.-Tropfen. Hierdurch werden aber auch wesentlich Kataplexien reduziert."

Neue chirurgische Ansätze bei Adipositas


Den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie widmete sich in einem anderen Themenblock Dr. med. Ralf Weise, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Bauchchirurgie im St.-Marienhospital Friesoythe. Magen-OPs gegen morbide Adipositas gehören zwar zu seinem Spezialgebiet. "Aber wir wollen den Patienten umfassend behandeln und nicht nur operieren", betonte Weise. Nach der Operation gebe es ein umfangreiches Nachsorgeprogramm mit Ernährungsberatung und Verhaltenstherapie für die Patienten. Denn: "Die morbide Adipositas ist eine chronische Erkrankung", so der Arzt.

Die Operation der morbiden Adipositas sei nicht kosmetischen, sondern medizinischen Gründen geschuldet, wie Weise erläuterte. Operiert würden in dem Adipositas-Zentrum seiner Klinik zumeist Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) jenseits von 35: Sie hätten nicht selten ein Gewicht von 190 Kilogramm und mehr und litten unter diversen Komorbiditäten wie dem metabolischen Syndrom. Ihr Karzinomrisiko sei um 20 Prozent erhöht. Aber nicht jeder übergewichtige sei ein Kandidat für einen chirurgischen Eingriff. Lediglich ein Drittel der rund 1.000 Patienten, die sich jährlich in Friesoythe vorstellten, werde operiert. "Unsere Patienten sollen keine Mannequins werden, sondern wir wollen sie gesünder machen", betonte der Chirurg.

Dennoch können sich der Verlust an Fettmasse und der gesundheitliche Gewinn sehen lassen. Innerhalb eines Zwei-Jahres-Zeitraums verlören die meisten 70 Prozent ihres überwichts, berichtete Weise. Verbunden sei dies zumeist mit einer vollständigen Remission der metabolischen Entgleisungen. Auch kardiovaskulär habe eine Adipositas-Chirurgie einen "sehr positiven Einfluss". Voraussetzung für die metabolische Remission, vor allem auch des Diabetes Typ II, sei aber die Wahl der geeigneten OP-Methode, bekräftigte der Chirurg. In seinem zertifizierten Adipositas-Zentrum wird am häufigsten das Gastric-Bypass-Verfahren angewendet, das zu einer Malabsorption der Nahrungsbestandteile führt. "Jedes Bypass-Verfahren ist besser als die Verkleinerung zu einem Schlauchmagen", betonte Weise. "In zertifizierten Zentren geht der Trend wieder davon weg."

Stripping oft nicht die erste Wahl bei Varikosis


Auch ein anderer Referent, ebenfalls Chirurg in einem zertifizierten Zentrum, beleuchtete Für und Wider methodischer Neuentwicklungen auf einem seiner Fachgebiete. "In den vergangenen 20 Jahren hat es bei der Behandlung der Varikosis einen relativ dramatischen Paradigmenwechsel gegeben", sagte Dr. med. Reinald Zinn, Funktionsoberarzt der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie in der Ammerlandklinik Westerstede. Anstelle stationärer Behandlungen würden fast ausschließlich ambulante Eingriffe durchgeführt. Die neuen endovenösen Methoden wie Laser- oder Radiowellentherapie sowie die Schaumsklerotisierung machten je nach Anwender heute bis zu zwei Drittel der Behandlungen aus. Zinn empfahl, die Methode am Durchmesser der kranken Stammvene auszurichten. Nur bei sehr großen Venendurchmessern von mehr als 1,5 Zentimetern sei ein Stripping noch die Methode erster Wahl. Bei kleineren Durchmessern sollte an andere Methoden und auch an den Erhalt der Stammvene gedacht werden, riet der Gefäßchirurg: "Später brauchen wir die Stammvenen für einen Bypass."

Verfasser/in:
Christine Koch





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