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nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Digitalisierung

„Der Halbgott in Weiß ist ein Auslaufmodell“

Tagung über „Lücken im System – Digitalisierung und Geschlecht in der Medizin“ / Noch Nachholbedarf beim Erwerb der Kompetenzen / Bessere Versorgung der Patienten


 


Die Digitalisierung hat den Alltag bereits in vielen Bereichen stark verändert. Zu der Frage, wie Frauen mit diesen neuen Techniken umgehen, veranstaltete Dr. phil. Bärbel Miemietz, Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), jetzt eine Tagung. Unter dem Titel "Lücken im System - Digitalisierung und Geschlecht in der Medizin" beleuchteten die Vorträge des Symposiums im Clinical Research Center Hannover Genderaspekte unter anderem in den Themenbereichen Medizininformatik und Robotik.

"Keine Chancengleichheit beim Erwerb digitaler Kompetenzen"


Inwiefern der dynamische Prozess der Digitalisierung Frauen mit einbezieht, hinterfragte gleich zu Beginn in ihrem Beitrag Professorin Barbara Schwarze, die an der Hochschule Osnabrück den Lehrstuhl für "Gender und Diversity in Ingenieurwissenschaften und Informatik" bekleidet. Die Soziologin warnte davor, auf dem Feld der digitalen Kompetenz, "alte Geschlechterklischees weiter zu perpetuieren". Zwar strotze die Gesundheitswirtschaft vor digitalen Anwendungen von der Telemedizin über Robotik, das Tracking von Gesundheitsdaten per App und personalisierte Medizin bis hin zu digital gesteuerten Gliedmaßen: "Aber es gibt noch keine Chancengleichheit beim Erwerb digitaler Kompetenzen, obwohl der Frauenanteil bei den im Gesundheitssektor Beschäftigten bei 75,8 Prozent liegt", betonte Schwarze und belegte ihre Erkenntnisse mit Studienergebnissen und Zahlen. Deshalb forderte Schwarze nicht nur, die Beschäftigten in die Planung und Umsetzung digitaler Strategien frühzeitig einzubeziehen, damit sie "Teil der digitalen Entwicklung ihres Krankenhauses würden". Sie bekräftigte, dass die Beschäftigten digitale Grundkompetenzen benötigten, zu denen die Soziologie das Verständnis für die Funktionsweisen von Hard- und Software oder auch für Sicherheits- und Qualitätsaspekte zählte.

Der Perspektive für Frauen widmete sich auch der nächste Vortrag. Miemietz stellte das MHH-Forschungsprojekt "Digitale Zukunft der Medizin für Frauen" (DigiMedfF) vor, das vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen gefördert wird. Erste Ergebnisse der Expertinneninterviews, die zunächst den Kern der Forschung gebildet hatten, demonstrierten eine große Offenheit für die Digitalisierung, sagte die Gleichstellungsbeauftrage: "Sie wird den Patientinnen und Patienten einen großen Nutzen bringen - zum Beispiel eine neue Autonomie." Weitere positive Auswirkungen erwarten die Interviewten laut Miemietz zudem für bestimmte Gruppen, etwa Menschen mit seltenen Erkrankungen, ältere Personen oder sozial Benachteiligte.

Den Ansatz von HiGHmed, einem Zusammenschluss von verschiedenen deutschen Medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken sowie weiteren akademischen und privaten Einrichtungen, präsentierten auf der Tagung Professor Dr. med. Dr. Ing. Michael Marschollek und Dr. rer. biol. hum. Marianne Behrends. Die Arbeit des HiGHmed-Konsortiums konzentriert sich zunächst auf medizininformatische Lösungen. Daneben stehen der Datenaustausch und die Analyse von großen Datenmengen im Mittelpunkt der Projekte, mit denen die Versorgung der Patienten verbessert werden soll. "Wir sind nicht konkurrenzfähig, wenn es keinen Austausch von Daten gibt", warnte Marschollek, der an der MHH Medizinische Informatik lehrt und Direktor des Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik ist, Deshalb warb er für den Aufbau der Datenintegrationszentren durch HiGHmed.

Bessere Versorgung der Patienten durch den Austausch von Daten und deren Auswertung


Um die Digitalisierung in der Medizin anschaulich zu machen und in die öffentlichkeit zu bringen, hat ein Team des Reichertz Instituts unter Behrends Mitarbeit darüber hinaus eine Podcast-Reihe entwickelt, die Behrends in ihrer Funktion als Wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Tagung vorstellte: Die inzwischen mit dem ersten Beitrag gestartete Podcast-Reihe (siehe: DigitalisierungDerMedizin.de) vermittle Einblicke in Konzepte und Projekte im Bereich der Medizininformatik, so Behrends. In der ersten Folge erzählen Petra Knaup-Gregori als Leiterin der Sektion Medizinische Informatik am Universitätsklinikum Heidelberg und Antje Wulff, die am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik an der TU Braunschweig und der MHH tätig ist, von ihrem Weg in den Medizinische Informatik und wie sie ganz konkret versuchen, das Leben der Menschen mit Daten zu verbessern.

Dafür, die Digitalisierung als "Chance" zu begreifen, plädierte ebenfalls Jonah Grütters als Studierender der Humanmedizin. So erwartet der Bundeskoordinator für medizinische Ausbildung von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) letzten Endes dadurch eine "höhere Versorgungsqualität und bessere Patientenversorgung". Vor allem aber ist es ihm ein Anliegen, die Digitalisierung im NKLM, dem "Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin", zu verankern. Denn es sei wichtig, bei den Studierenden ein grundlegendes Verständnis für "Medizin im digitalen Zeitalter" zu erzeugen: "Dafür brauchen wir die Kompetenz auf Seiten der Lehrenden ebenso wie die digitalen Lehr- und Lernkonzepte"; sagte Grütters.

Digitalisierung in allen Bereichen


Um weitere Aspekte der Digitalisierung der Medizin drehte sich auch die abschließende Podiumsdiskussion unter der Leitung der Fachautorin Dr. med. Christina Czeschik, an der unter anderem der MHH-Medizinstudent und IT-Referent des Allgemeinen Studentenausschusses Jan Tauwaldt teilnahm. Er stimmte zu, dass sich einiges ändern werde: "Der Halbgott in Weiß ist ein Auslaufmodell", sagte er und verwies auf den großen Frauenanteil von rund 63 Prozent unter den Studierenden. Dr. med. Anke Diehl, in deren Verantwortung als Digital Change Managerin die Digitalisierung der Universitätsklinik Essen liegt, ging dagegen auf die Kosten der Digitalisierung ein: "Wenn wir alle 8.500 Mitarbeiter mit iPads ausstatten, sind das Ausgaben, die nicht durch irgendwelche Sonderzahlungen aufgefangen werden." Auf die Digitalisierung der Lehre angesprochen, räumte wiederum PD Dr. med. Inga Hege ein, die das Curriculum für den neuen Studiengang der Humanmedizin an der Universität Augsburg mit entwickelt, dass ihrer Meinung nach, wissenstechnisch nichts "verzichtbar" sei. Einen Mehrwert in den neuen technischen Möglichkeiten sah schließlich Professorin Dr. rer. biol. hum. Frauke Koppelin von der Jade Hochschule, die von den Studienprogrammen berichtete, in denen Studierende aus den Bereichen Pflege und Pflegeinformatik zusammenarbeiten. "Sie sollen gemeinsame Projekte entwickeln", sagt Koppelin, interprofessionelles Lehren und Lernen sei das Ziel.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




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