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nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Klinik und Praxis

„Hier gibt es Ärzte, die wollen Ihnen etwas beibringen“

Die Ärztekammer-Bezirksstellen in Wilhelmshaven und Stade werben um Ärztenachwuchs: Das Projekt „Land(Er)Leben. Medizin Lernen und Leben von Jade bis Weser“ und das Unternehmen „Landgang Stade“


 


übrigens: Das Wetter ist hier immer so sonnig! Das sagt jeder, der den künftigen Ärztinnen und Ärzten in ihrer Mittagspause auf der Terrasse der Cafeteria des St. Johannes-Hospitals in Varel begegnet. Insgesamt 46 Studierende mit dem Fach Medizin sind an diesem Maiwochenende in die Region nördlich von Oldenburg gekommen, um während ihrer klinischen Semester einen EKG-Kursus zu absolvieren. Für die Kursblöcke verteilen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf fünf Orte in der "Gesundheitsregion Jade-Weser": Wilhelmshaven, Sande, Brake, Nordenham - und eben Varel.

Wie lässt sich mehr ärztlicher Nachwuchs für die "Gesundheitsregion Jade-Weser" rekrutieren?


Die sieben Studierenden, die am St. Johannis-Hospital von Chefarzt Dr. med. Peter Nordmeyer sowohl in die praktische Handhabung als auch in die Auswertung eines EKGs eingeführt werden, sind äußerst interessiert. Als es bei einem Patienten um das Stellen der Diagnose und die zu verordnende Therapie geht, legt sich die Gruppe richtig ins Zeug und stellt dem Kardiologen viele Fragen: "Für die Studierenden ist das ein Bonbon, das wir hier anbieten", urteilt Jens Wagenknecht, Vorsitzender der Ärztekammer-Bezirksstelle Wilhelmshaven und Mitglied im Vorstand der Ärztekammer Niedersachsen. "Ein Teilnehmer hat uns erzählt, sein EKG-Kursus an der Uni sei für drei Stunden angesetzt gewesen und dann von einem lustlosen Alt-Assistenten nach der Hälfte der Zeit abgebrochen worden", berichtet der Allgemeinmediziner, der selbst eine Praxis in Varel hat. Deshalb sei das EKG als Lockmittel äußerst gut geeignet, glaubt Wagenknecht: "Die Technik ist so präsent im ärztlichen Alltag - da haben die jungen Leute das Gefühl, sie sollten das beherrschen." Obendrein unterrichtet Chefarzt Nordmeyer die Kursteilnehmer mit viel Enthusiasmus. "Hier sind Ärzte, die wollen ihnen etwas beibringen", sagt Wagenknecht. "Das ist ein ganz anderes Klima als an einer großen Universität."

Viel Lernzuwachs beim EKG-Lehrgang


Wie beliebt der Wochenendlehrgang ist, der den Studierenden im Rahmen des vom Land Niedersachsen geförderten Projekts "Land(Er)Leben. Medizin Lernen und Leben von Jade bis Weser" angeboten wird, schildern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst. Caroline Hilgers und Nike Christensen, zwei Studentinnen aus Göttingen, hatten von einer gemeinsamen Freundin erfahren, wie viel Lernzuwachs ihr speziell dieser Kursus gebracht habe. Für die Hamburger Studierenden Lukas Brochagen und Meryem Cetin ist es dagegen schon das dritte Seminar aus dem Angebot des Land(Er)Leben-Projekts, das sie wahrnehmen: Sie haben beide bereits zuvor jeweils den Sonographie- und den Naht-Lehrgang besucht. Dass die angehenden Ärztinnen und Ärzte immer wieder kommen und den Kontakt halten, ist genau im Sinne der unter dem Label "Gesundheitsregion Jade-Weser" am Projekt beteiligten Gesundheitsakteure aus den Landkreisen Friesland und Wesermarsch sowie der kreisfreien Stadt Wilhelmshaven: Denn das Ziel des Projekts ist ganz eindeutig, ärztlichen Nachwuchs für die Region zu gewinnen.

Keine Landarztsuchmaschine


"Aber unsere Maßnahme ist keine Landarztsuchmaschine", verwahrt sich Wagenknecht. "Wir brauchen nicht nur Hausärzte, sondern auch Fachärzte in der Region und die müssen wir selber hier vor Ort ausbilden." Deshalb ziele das Konzept in erster Linie darauf ab, Ärzte in die örtlichen Kliniken zu bekommen, damit am Ende nach der Facharztausbildung quasi genügend Ärzte für die lokalen Hausarzt- und Facharztpraxen "abfallen". Doch bevor es soweit ist, geht es für Martina Schröder, die bei der Ärztekammer Wilhelmshaven angesiedelte Koordinatorin des Projekts, erst einmal darum, die Studierenden für eine Famulatur oder ein Tertial des praktischen Jahres (PJ) in der Region zu begeistern. Im Falle von Meryem Cetin, derzeit in Hamburg im achten Semester, hat es geklappt. Sie will auf jeden Fall den hausärztlichen Teil der Famulatur in diesem Teil Niedersachsens absolvieren und Schröder hat ihr einen Platz in einer Praxis in Stollhamm vermittelt - einem Dorf in der Wesermarsch-Gemeinde Butjadingen.

Chefarzt Nordmeyer jedenfalls hofft, mittelfristig den Studierenden ein PJ-Tertial auch im St. Johannes-Hospital in Varel anbieten zu können. Das hält den Kardiologen aber nicht davon ab, kräftig die Werbetrommel für seinen Standort zu rühren. Er lobt die günstigen Grundstückpreise in der Region, stellt die Lebensqualität und nicht zuletzt die gute Luft heraus und erzählt, warum er sich mit seiner Familie hier niedergelassen hat. Von den Studierenden, die an diesem Wochenende den EKG-Kurs in Varel besuchen, stammt nur einer aus der Gegend, die anderen sind im Rheinland oder in Bayern aufgewachsen. Für Nico Götz aus Amberg in der Oberpfalz waren die Besuche am Jadebusen zum Beispiel der erste Kontakt mit der Nordsee. Er ist so begeistert von der Landschaft und dem Leben hier, dass er gemeinsam mit Annegret Dorn, seiner Freundin und Kommilitonin aus Magdeburg, ebenfalls überlegt, ein PJ-Tertial in der Region zu absolvieren.

Zu Gast im Arzthaushalt


Den angehenden Ärztinnen und Ärzten, die in Magdeburg, Göttingen, Hamburg, Hannover, Oldenburg oder auch Münster studieren, möglichst die attraktiven Lebensumstände ihres Berufsstands in der Region zu zeigen, gehört laut Wagenknecht explizit zum Konzept des Projekts: Deshalb würde versucht, die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer während ihres Aufenthalts bei Kolleginnen und Kollegen unterzubringen: "Dort erleben sie, dass neben dem Arztberuf genug Zeit für ein intensives Familienleben, ein Musikinstrument, ein Hobby wie Segeln oder Sport wie Marathonlauf bleibt", berichtet Wagenknecht. Die ärztlichen Gastgeber übernehmen zusätzlich das Amt des Ansprechpartners und Mentors für ihre Gäste: "Bei ihnen können die Studierenden zum Beispiel anrufen, wenn sie Fragen zum PJ haben", so Wagenknecht.

Großes Engagement der kommunalen Spitzen


Aber nicht nur die Ärztinnen und Ärzte legen sich ins Zeug, um ihren beruflichen Nachwuchs zu sichern. Lena Baars, die auf kommunaler Ebene das Projekt "Gesundheitsregion Jade-Weser" betreut, und Ärztekammer-Koordinatorin Schröder berichten von dem großen Engagement der beteiligten Kommunen. So nutzen viele kommunale Vertreter an den Kurswochenenden die Gelegenheit, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen, laden sie zu einem gemeinsamen Abendessen oder touristischen Attraktionen ein. Auch Thomas Brückmann, Landrat des Landkreises Wesermarsch und Vorsitzender des Lenkungsausschusses der "Gesundheitsregion Jade-Weser", nimmt sich an diesem Wochenende im Mai Zeit für ein Treffen mit dem angereisten Ärztenachwuchs: "Meiner Meinung nach ist das Konzept erfolgreich", sagt er und macht sich bereits jetzt für die Fortführung des Projektes stark, wenn die bisherige Förderung vom Land Niedersachsen Ende 2019 ausläuft. Seitens der Ärztekammer würde sich Wagenknecht ebenfalls eine Fortsetzung wünschen. Derzeit wird darüber nachgedacht, das Projekt unter Beteiligung der Ärztekammer künftig bei der Wirtschaftsförderung - bei der Entwicklungsgesellschaft JadeBay - anzusiedeln. "Medizinische Versorgung ist ja auch ein Wirtschaftsfaktor", betont Wagenknecht.

"Wir sind eine Go-to-Region"


Ähnlich wie Landrat Brückmann ist der Vorsitzende der Bezirksstelle Wilhelmshaven absolut überzeugt vom Konzept der "Gesundheitsregion Jade-Weser". "Wir sind hier längst keine strukturschwache Gegend mehr. Wir können auch dem Partner der Ärzte, die zu uns kommen, einen hochwertigen Arbeitsplatz bieten - denn wir sind eine Go-to-Region", sagt Wagenknecht stolz. Ohnehin sieht er für die angehenden Ärztinnen und Ärzte in den kleineren Krankenhäusern eine große Chance für die Ausbildung: "Dort sind die Chefärzte darauf angewiesen, dass sie die Assistenten äußerst gut und schnell ausbilden, damit sie möglichst bald selbstständig arbeiten können."

Landgang Stade


Gezielt Nachwuchs für die Landarztpraxen im Landkreis Stade rekrutieren will dagegen das Projekt "Landgang Stade" des Gesundheitsnetzwerks Elbe. Dem Arbeitskreis gehören die Kommunen, der Landkreis, die Stader Bezirksstellen der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) und der Ärztekammer (ÄKN) und neben vielen anderen Akteuren - darunter ebenfalls Ärztinnen und Ärzte - auch das Institut und die Poliklinik für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an. "Ziel des Projektes ist es, Studierenden der Humanmedizin einen Einblick in die vielfältige Arbeit und den anspruchsvollen Alltag einer klassischen Landarztpraxis zu gewähren", sagt Dr. med. Volker von der Damerau-Dambrowski, Vorsitzender der ÄKN-Bezirksstelle Stade.

Die vielfältige Arbeit in einer Hausarztpraxis


Seit das Unternehmen vor gut zwei Jahren gestartet ist, haben mehr als 20 Studierende das Angebot bereits angenommen, ein einwöchiges Praktikum in einer Hausarztpraxis in Stade oder im Landkreis zu absolvieren. Die Interessenten wirbt Von der Damerau-Dambrowski höchstpersönlich auf den Karrieretagen des UKEs an. Die Kosten für An- und Abreise sowie für Verpflegung und Unterkunft übernehmen die Gemeinden; Iris Fitze von der Gemeinde Drochtersen zeichnet für die Koordination und Organisation der Praktika verantwortlich.

Schon etlichen künftigen Ärztinnen und Ärzten hat die Gemeinschaftspraxis von Dr. med. Peter Gründahl und Dr. med. Susann Schütt die Gelegenheit zu einem Praktikum geboten. "Bei uns erleben die Studenten, wie vielfältig die Arbeit in so einer Hausarztpraxis ist", erzählt Gründahl. In ihrer Praxis gebe es unter anderem gynäkologische oder urologische Untersuchungen wie auch Vorsorgeuntersuchungen zum Beispiel für Krebs, berichtet der Arzt. Auch Kinder kämen viel in die Praxis. Außerdem müssten Schul- und Kindergartenunfälle behandelt werden. "Dazu gehört nicht zuletzt die kleine Chirurgie", ergänzt Gründahl. Was aber die Studierenden am meisten beeindruckt habe, seien die orthopädischen Fälle, die zunächst auch ohne bildgebende Verfahren untersucht würden.

Diagnose ohne bildgebende Verfahren


"Wir diagnostizieren einen Bandscheibenvorfall, indem wir die Patienten etwa das Bein heben lassen und wissen, welche Ausfallerscheinungen gewisse Nervenbeeinträchtigungen in der Wirbelsäule bedingen", sagt Gründahl. So könne er bereits Physiotherapie verordnen, ohne dass wertvolle Zeit verstreiche, bis ein Röntgen- oder CT-Bild vorliege. Beeindruckt hätte die Praktikanten auch die "erlebte Anamnese", wie sie bei ihnen praktiziert werde. "Wir sehen nicht nur den Patienten mit seinen Schmerzen, sondern wir kennen vielleicht die Lebensumstände der Familie und wissen von Alkoholproblemen im Umfeld", sagt Gründahl. "Da können wir ganz anders helfen und beraten, weil wir den Hintergrund der Patienten kennen." Auch zu sehen, wie Akupunktur funktioniere und helfe, die seine Kollegin Dr. med. Susann Schütt beherrsche, fasziniere die Studierenden. Für Annika Stehr hat sich die Woche in der Horneburger Praxis ausgezahlt: "Ich kann mir gut vorstellen, später in einer Praxis für Allgemeinmedizin zu arbeiten, in der ich Menschen über längere Zeit begleiten kann. Durch Landgang habe ich einen Einblick in eine Praxis für Allgemeinmedizin bekommen, in der die Ärzte alle ihre Patienten gut kennen und ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut haben."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt




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