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nä 06/2019
aktualisiert am: 15.06.2019

 

  Editorial

Digitalisierung als Drangsalierung?


 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit aller Macht will Jens Spahn unser Gesundheitswesen umkrempeln. Nach dem TSVG kommt jetzt das "Digitale Versorgungs-Gesetz": Gesundheits-Apps und elektronische Patientenakte, Telekonsile und Videokonferenzen sollen fast über Nacht einen Modernisierungsschub in der Versorgung erzwingen.

Das alles wirkt reichlich überhastet. Quantensprünge in der Technik lassen sich nicht dekretieren wie Sprechstundenzeiten. Sie brauchen Planung und Vorlauf. Bei der Entwicklung der TI-Konnektoren hing die Industrie um Jahre hinter der politischen Zeitvorgabe zurück. Ausbaden dürfen es jetzt die Ärzte, denen mit einem Mal die Frist für die Einführung der Geräte davonlief.

Die Last des Fortschritts bleibt einmal mehr bei den Arztpraxen hängen. Wie schon beim TSVG wird der Minister rabiat: Die Vergütung für Faxe wird um die Hälfte reduziert, und wer sich der Telematik-Infrastruktur verweigert, wird ab März 2020 mit noch mehr Honorarabzug sanktioniert. Auch begründete Ausnahmen werden nicht akzeptiert; Härtefälle sind nicht vorgesehen.

Welche Vorteile das Verschreiben von Gesundheits-Apps oder die Pflege von elektronischen Patientenakten den Praxen bringen sollte, bleibt im Ungewissen. Die Befüllung der Patientenakten und Beratungen zu Gesundheits-Apps wären Aufgaben der Krankenkassen. Die sollen die niedergelassenen Ärzte übernehmen. Mit welchen Ressourcen? In welcher Zeit? Nicht ansatzweise lässt das Digitalgesetz erkennen, wie dieser immense Aufwand im EBM abgebildet werden soll.

Welchen praktischen Vorteil die Digitalisierung der Medizin für niedergelassene Ärzte hat, ist noch nicht absehbar. Ihnen wird wieder die Rolle der Erfüllungsgehilfen für Politik und Krankenkassen zugeschoben. Und am Ende haften sie auch noch dafür! Schon geht der Argwohn um, die TI-Installation werde insgeheim auch genutzt, um den Datenschutz in den Praxen zu kontrollieren.

Dazu darf es nicht kommen. Zweifellos bietet die Digitalisierung Chancen. Aber sie muss den Ärzten, auch den niedergelassenen, einen Mehrwert bringen. Nur wenn sie die Abläufe in den Praxen spürbar vereinfacht und beschleunigt, macht ihre Einführung Sinn. Sonst werden und bleiben unsere Praxen nicht die Gestalter, sondern die Opfer der Digitalisierung.

Herzlichst Ihre

Mark Barjenbruch
Vorstandsvorsitzender der KVN

Dr. Jörg Berling
Stellv. Vorstandsvorsitzender der KVN

Verfasser/in:
Mark Barjenbruch
Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen
Berliner Allee 22, 30175 Hannover

Dr. med. Jörg Berling
Stellvertr. Vorstandsvorsitzender der KVN
Berliner Allee 22, 30175 Hannover



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