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aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Arzneimittel & Veror

Kratom

ATIS informiert: Eine neue alte Droge im Fokus


 

Frage an ATIS


Ein Kollege, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, fragt: "Eine meiner Patientinnen konsumiert regelmäßig Kratom. Gibt es Daten über den Metabolisierungsweg und die möglichen Neben- und Wechselwirkungen, letztere vor allem im Hinblick auf CYP-Interaktionen?"

Antwort von ATIS


Bei Kratom handelt es sich um die Blätter des Kratombaums Mitragyna speciosa, die seit Jahrhunderten von der Landbevölkerung Südostasiens gekaut werden, um Müdigkeitserscheinungen bei schwerer körperlicher Arbeit zu mildern. Daneben findet Kratom in Südostasien volksmedizinische Anwendung bei Durchfall- und Wurmerkrankungen, Hustenreiz und Diabetes mellitus (1).

Wirkungen



Kratom enthält mehr als 25 verschiedene Alkaloide, als Hauptwirkstoffe gelten Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin (7-HMG). Mitragynin und 7-HMG wirken als Agonisten an Opioidrezeptoren, stimulieren postsynaptische Alpha-2-Adrenozeptoren und blockieren Serotonin-2A-Rezeptoren (1). In niedriger Dosierung wirkt Kratom psychomotorisch aktivierend, bei höherer Dosierung dominiert der opioidartige Effekt mit sedativ-analgetischen Wirkungen (1).

Nebenwirkungen



Das Nebenwirkungsspektrum von Kratom ist sehr vielgestaltig: in niedriger Dosierung Juckreiz, übelkeit und Polyurie; in höherer Dosis Schwitzen, Mundtrockenheit, Tachykardie, Tremor, Obstipation und Benommenheit (1). Bei Intoxikation wurden vor allem Krampfanfälle, intrahepatische Cholestase, Nierenversagen und Koma beschrieben (2, 3).
Aufgrund des Wirkmechanismus von Kratom muss von einem Abhängigkeitspotential ausgegangen werden, wenngleich dessen genaues Ausmaß derzeit unbekannt ist (1). Nach längerem Gebrauch droht bei abruptem Absetzen eine Entzugssymptomatik, Kratom sollte daher langsam ausgeschlichen werden (1).

Wechselwirkungen


Kratom wird in der Leber metabolisiert und in Form glucuronidierter und sulfatierter Metabolite über den Urin ausgeschieden. In-vitro-Experimente zeigten, dass Kratom-Extrakte die Cytochrom-P450-Isoenzyme (CYP) 3A4, 2D6 und 1A2 inhibieren, was zu einer Fülle von Arzneimittelinteraktionen führen könnte (1). Klinische Studien hierzu liegen nicht vor.

Kratom kann lebensbedrohliche pharmakodynamische Wechselwirkungen eingehen, Todesfälle bei Kombination mit Monoaminooxidase-Hemmern oder mit Modafinil sind beschrieben; auch die Kombination mit anderen Psychopharmaka sollte aufgrund einer möglichen Addition der kardiovaskulären und ZNS-Wirkungen vermieden werden (1). Bei den meisten Todesfällen von Kratom-Konsumenten lag ein Mischkonsum mit Opioiden, Benzodiazepinen, Diphenhydramin oder anderen Substanzen vor (2).

Epidemiologie


Seit einigen Jahren nimmt die Verwendung von Kratom auf der ganzen Welt zu. Im Unterschied zur ursprünglichen Einnahmeform, dem Kauen der frischen oder getrockneten Blätter, wird Kratom mittlerweile vorwiegend als Kapseln oder als Tee konsumiert, daneben gibt es die Möglichkeit, Kratom zu rauchen (1). In den USA, wo Kratom in den meisten Bundesstaaten legal ist, wurde zwischen 2011 und 2017 ein dramatischer Anstieg von Vergiftungen mit Kratom verzeichnet (2), was die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA kürzlich zu einer Warnung vor Kratom veranlasste (4).

In Deutschland gilt Kratom nach einem Beschluss des Oberlandesgerichts Köln aus dem Jahr 2015 weder als Arznei- noch als Betäubungsmittel (5). Kratom-Produkte können derzeit legal erworben werden.

Kratom wird in Internetforen als "pflanzliche Alternative" zu Opioidanalgetika" beworben und zur Selbstbehandlung von Schmerzen oder Restless-Legs-Syndrom eingesetzt. Patienten sollte von einem solchen Konsum abgeraten werden, da Kratom bisher nicht in kontrollierten klinischen Studien untersucht wurde, sein Abhängigkeitspotential ungeklärt ist und es wie oben beschrieben durch Kratom zu schwerwiegenden Neben- und Wechselwirkungen kommen kann.


Verfasser/in:
Johannes Heck
Institut für Klinische Pharmakologie
Medizinische Hochschule Hannover

PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Literatur


1. Warner ML, Kaufman NC, Grundmann O. The pharmacology and toxicology of kratom: from traditional herb to drug of abuse. Int J Legal Med 2016; 130: 127-138
2. Post S, Spiller HA, Chounthirath T, Smith GA. Kratom exposures reported to United States poison control centers: 2011-2017. Clin Toxicol (Phila) 2019 Feb 20: 1-8 [Epub ahead of print]
3. Palasamudram Shekar S, Rojas EE, D´Angelo CC, Gillenwater SR, Martinez Galvis NP. Legally Lethal Kratom: A Herbal Supplement with Overdose Potential. J Psychoactive Drugs 2019; 51: 28-30
4. Deutsches Ärzteblatt, Online-Nachrichten. Kratom: FDA warnt nach Todesfällen vor opioidhaltiger Pflanze. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/83508/Kratom-FDA-warnt-nach-Todesfaellen-vor-opioidhaltiger-Pflanze. Accessed Apr 11, 2019
5. Beschluss des Oberlandesgerichts Köln, Aktenzeichen: 1 RVs 131 und 136/15. 2015. http://www.justiz.nrw.de/nrwe/olgs/koeln/j2015/1_RVs_131_und_136_15_Beschluss_20150911.html. Accessed Apr 9, 2019

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