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aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Bezirksstellen

Hausärzte und Universität arbeiten Hand in Hand

Bezirksstelle Hannover: Tag der Allgemeinmedizin an der MHH – neue Netzwerke verbinden Praktiker und Forscher / Professorin Dr. med. Anette Debertin unterrichtete die Hausärzte über die Zeichen von Gewalt


 


Die Zusammenarbeit von Universitätsmedizinern und Hausarztpraxen soll künftig noch enger verzahnt werden. "Beide Seiten profitieren", sagte Professor Dr. med. Nils Schneider vom Institut für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Die Praktiker lernen von ihren forschenden Kollegen. Aber auch für die Hochschule gibt es viel Erkenntnisgewinn, etwa bei ambulanten Forschungsprojekten oder der Facharztweiterbildung."

Beim Tag der Allgemeinmedizin, den Schneiders Institut jetzt im März ausrichtete, diskutierten rund 150 Teilnehmer über neue Wege der Zusammenarbeit und neue Ansätze der Aus- und Weiterbildung: "Die Allgemeinmedizin bildet die Studentinnen und Studenten als Generalisten aus und muss im Zentrum des Medizinstudiums stehen", betonte Schneider. "Die hausärztliche Medizin findet aber am Ende nicht im Uniklinikum statt, sondern in den Praxen."

Bedside Teaching in der Praxis


Einer der insgesamt 18 Workshops der Veranstaltung, die bereits im März 2020 erneut stattfinden soll, widmete sich dem Thema "Bedside Teaching in der Praxis". Darin markierte Dr. med. Bettina Engel Hauptmerkmale einer optimalen Aus- und Weiterbildung in der Hausarztpraxis: Lernziele definieren, Lehrverhalten reflektieren, "teachable moments" erkennen und Feedback geben. "Legen Sie gemeinsam mit den Studenten Lernziele fest", empfahl Engel, die das KANN - Kompetenzzentrum zur Förderung der Weiterbildung Allgemeinmedizin Niedersachsen am Standort Oldenburg vertritt und die ärztliche Leitung des Gesamtprojekts innehat.

Die MHH-Allgemeinmedizin arbeitet eng mit Hausarztpraxen aus Stadt und Land zusammen. "Wir kooperieren mit mehr als 250 akademischen Lehrpraxen in ganz Niedersachsen, von denen sich circa 60 Praxen auch an unseren Forschungsprojekten beteiligen", berichtete Institutsdirektor Schneider. In einer Podiumsdiskussion tauschten sich teilnehmende Hausärzte und Medizinische Fachangestellte (MFA) mit Forschungsvertretern über ihre Erfahrungen aus. Einer der Ärzte sagte über seine Motivation, an einer derzeit laufenden Studie zur alternativen Behandlung von Harnwegsinfekten teilzunehmen: "Wir wollen Methoden an die Hand bekommen, mit denen wir die Situation unserer Patienten verbessern können."

Diskussionsleiterin PD Dr. med. Ulrike Junius-Walker unterstrich die praktische Bedeutung von Diagnostik und Therapie bei Multimorbiden. Sie hatte zuvor Hausärzte und MFA bei einem "Frailty-Workshop", der rasch ausgebucht gewesen war, über neue, aktuelle Aspekte der Gebrechlichkeit im Alter informiert. "Fragen, die sich in der Primärversorgung stellen, wollen wir durch die Forschung zur Primärversorgung beantworten", erklärte eine Diskussionsteilnehmerin aus dem Uni-Bereich.

Betroffene von häuslicher und sexueller Gewalt


Positiv auswirken kann sich eine engere Vernetzung zwischen Hausärzten und Hochschule auch unmittelbar auf die Patientenversorgung, wie Professorin Dr. med. Anette Solveig Debertin, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin der MHH, in einem Workshop am Beispiel des Umgangs mit Gewaltopfern erläuterte. Betroffene von häuslicher und sexueller Gewalt könnten sich mittlerweile in Niedersachsen an 37 rechtsmedizinisch von der MHH geschulten Untersuchungsstellen des Netzwerks ProBeweis vorstellen und erführen eine unkomplizierte und vertrauliche Behandlung, informierte Debertin, die das Netzwerk leitet und koordiniert, die Zuhörerinnen und Zuhörer. "Nur so können Beweismittel zeitnah und in ausreichender Qualität gesichert werden." Debertin hat das Netzwerk ProBeweis 2012 gegründet und entwickelt es derzeit kontinuierlich weiter. Das Netzwerk wird vom niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert.

Viele Gewaltopfer fühlten sich jedoch nicht sofort in der Lage, eine polizeiliche Anzeige zu erstatten und kämen zunächst - eventuell auch unter Angabe falscher Unfallhergänge - zu ihrem Hausarzt, berichtete Debertin. Aufgabe des Hausarztes sei es, Betroffene zu erkennen und vorsichtig anzusprechen, erklärte die Rechtsmedizinerin und zeigte in ihrem Vortrag anhand von Lokalisationsschemata und Fallbeispielen, wie Befunde von gezielter Gewalt von zufälligen und unfallverursachten Verletzungen zu unterscheiden sind. Hämatome, beispielsweise als Negativabdrücke von Schlaggegenständen, sprächen für einen gewalttätigen übergriff. "Sie haben hier als Hausarzt eine Schlüsselrolle", betonte die Rechtsmedizinerin. "Nur eine sorgfältige Dokumentation und zeitnahe Spurensicherung ermöglichen den späteren Weg einer Strafanzeige." Die Homepage des Netzwerks ProBeweis (www.probeweis.de) hält eine Liste mit Partnerkliniken bereit.

Als weitere Informationsquelle für den Hausarzt gibt es die MED-DOC-CARD, die online unter demselben Stichwort heruntergeladen werden kann. Die kurz gefasste übersichtskarte der Hochschule Fulda enthält Anregungen zur Gesprächsführung und auch eine Checkliste für eine gerichtsverwertbare eigene Dokumentation - nur für den Fall, dass Patientinnen sich nicht in eine Klinik schicken lassen und allein ihrem Hausarzt vertrauen.

Verfasser/in:
Christine Koch





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