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nä 05/2019
aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Bezirksstellen

Der Leber macht das Alter nichts

Bezirksstelle Hannover: Symposium des Ärztevereins Hannover zum Thema Altersmedizin / Vorträge über Leberresektionen bei älteren Krebspatienten, Arzneimitteltherapien und die Herausforderungen der Geriatrie


 


Nicht nur jüngere Darmkrebspatienten können bei Lebermetastasen von chirurgischen Eingriffen enorm profitieren. Auch für Patienten jenseits des 70. oder 80. Lebensjahrs gibt es zunehmend Hoffnung auf Heilung, wie beim 51. Symposium des Ärztevereins Hannover am 3. April deutlich wurde. Vor rund 150 Zuhörern im Klinikum Nordstadt beleuchteten vier Referenten unterschiedlicher Disziplinen medizinische, pharmakologische und auch philosophische Aspekte der Altersmedizin. Sie gaben damit Antworten auf die Fragestellung, die der neue Vorsitzende des Ärztevereins, Professor Dr. med. Julian Mall, Chefarzt der Allgemeinchirurgie im Klinikum Region Hannover (KRH) Siloah und Nordstadt, so umriss: "Wieviel Medizin können und wollen wir älteren Menschen zumuten?"

Keine Altersgrenzen bei Leberresektionen


Aus Sicht von Professor Dr. med. Josef Fangmann, dem Leiter der Leberchirurgie des Siloah Klinikums jedenfalls, sollten keine starren Altersgrenzen für Leberresektionen bei metastasierenden Kolonkarzinomen gelten. 70.000 Neuerkrankungen an Darmkrebs gibt es jedes Jahr in Deutschland, der Altersgipfel liegt deutlich über 70 Jahre. Rund 35 bis 45 Prozent dieser Darmkrebspatienten sind im Verlauf der Erkrankung von kolorektalen Lebermetastasen betroffen, wie Fangmann auf dem Symposium erklärte. Er berichtete von den jüngsten Heilungserfolgen nach Leberresektionen in seinem Haus: Mehr als 30 Prozent der älteren Patienten könnten nach der Leberoperation als geheilt gelten, wenn man die 10-Jahres-überlebensrate als Kriterium nehme - identisch zu den sehr viel jüngeren Patienten im Alter von 40 oder 50 Jahren. Das habe eine aktuelle Nachbeobachtungsstudie in seinem Hause ergeben.

Der Grund für diese Erfolge sei, dass die Chirurgie der Leber in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht habe und die Leber ein altersunabhängiges Regenerationspotenzial aufweise, sofern sie nicht durch Noxen wie Alkohol oder Viren vorgeschädigt sei: "Liver does not care about age", zitierte Fangmann den bekannten Hepatologen Professor Dr. med. Hans Popper (1903 - 1988). In der Wirksamkeit stelle die chirurgische Entfernung der Lebermetastasen den therapeutischen Goldstandard dar. In vielen Fällen könne eine vorangestellte Chemotherapie die Metastasen verkleinern und so die Leberoperation ermöglichen.

Die operative Entfernung von Lebermetastasen sei mit ihrer Aussicht auf Heilung ein "onkologischer Meilenstein", betonte der Leberchirurg. "Wir operieren Ältere und Jüngere identisch", sagte er. Dennoch seien bestimmte Parameter bei älteren Patienten besonders zu berücksichtigen, wie etwa die Herz- und Lungensituation. Für einen guten Verlauf sei es beispielweise auch wichtig, den Blutverlust minimal zu halten. Im Siloah Klinikum erfolgen 95 Prozent aller Leberoperationen ohne jegliche Blutübertragung, wie Fangmann sagte. Mall berichtete, dass ein spezielles multimodales Prähabilitationsprogramm zur Vorbereitung chirurgischer Eingriffe dazu beitrage, OP-Traumen bei älteren Patienten abzumildern.

Arzneimitteltherapien im Alter


Welche Besonderheiten bei der Arzneimitteltherapie im Alter zu beachten seien, erläuterte Professor Dr. med. Stefan Engeli, Oberarzt im Institut für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover. "Am wichtigsten ist, die eingeschränkte Nierenfunktion älterer Patienten zu berücksichtigen", sagte Engeli. Durch eine Niereninsuffizienz könne die Konzentration bestimmter Medikamente im Blut zunehmen. Außerdem könnte die Einnahme vieler Tabletten und Kapseln gleichzeitig dazu führen, dass beim Schlucken einige vor dem Magen liegenblieben, warnte der Klinische Pharmakologe und forderte: "Wir müssen auch darauf achten, dass die Applikation der verschiedenen Medikamente praktikabel für die Patienten ist."

Gegenüber zentralnervös, anticholinerg und hämodynamisch wirkenden Arzneimitteln besteht im Alter laut Engeli eine besondere Sensibilität. Dennoch gebe es keinen Grund, warum ältere Patienten etwa keine hypertensive Therapie erhalten sollten. Auch gebe es keine Empfehlung, wegen des erhöhten Blutungsrisikos generell auf Antikoagulantien zu verzichten, sagte Engeli, denn das Thromboserisiko steige ebenfalls mit dem Alter an. Es müsste bei der Therapie auf die steile Dosis-Wirkungskurve, die geringe therapeutische Breite und die Addition gleichartiger, möglicherweise unerwünschter Wirkungen mehrerer Arzneimittel geachtet werden. "Das sind Red Flags für Medikamente. Hier müssen wir besonders aufmerksam sein", betonte der Klinische Pharmakologe.

Wunsch nach einem Alterstraumazentrum für Brüche


Bei der medizinischen Betreuung älterer Menschen sollte mehr Augenmerk auf funktionelle Aspekte in der konkreten Lebenswelt der Patienten gerichtet werden, forderte Dr. med. Martin Stolz, MPH, Ärztlicher Direktor der KRH Geriatrie Langenhagen. "Eine gute geriatrische Behandlung ist nur denkbar in einem multiprofessionellen Team", sagte der Geri­ater. Wichtige Themen seien unter anderem die Mobilität - also das Gehen und das Treppensteigen - sowie die Kognition. So ließe sich vom Gangbild und der Ganggeschwindigkeit nicht nur auf eine statistische Lebenserwartung schließen, sondern auch auf das Risiko für eine Demenz. Ein anderes Problem stellten die Frakturen im Alter dar, die besonders die großen Röhrenknochen, das Becken und die Wirbelsäule beträfen. Diese sollten in einem speziellen Alterstraumazentrum ähnlich einer "Stroke-Unit" für Schlaganfälle behandelt werden, schlägt Stolz vor. Auf das Altern müsse ganzheitlich geblickt werden, lautet sein Fazit: Dies bedeute eine Integration somatischer, psychischer und sozialer Aspekte der Behandlung dieser Patienten, sagte der Geriater: "Nur eine solche Altersmedizin ist ihren Namen wert."

Verfasser/in:
Christine Koch





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