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aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Bezirksstellen

Sichere Diagnosen per Telemedizin

Bezirksstelle Oldenburg: Gesundheitsforum mit Dr. med. Daniel Overheu und Professor Dr. jur. Fabian Schmieder über „Medizin im digitalen Zeitalter“ / Viele Chancen bleiben bisher ungenutzt


 


Ein "brennendes Thema" greife das Gesundheitsforum auf. Mit diesen Worten begrüßte Wolfgang Grashorn, Vorsitzender der Ärztekammer-Bezirksstelle Oldenburg, die Gäste im Kulturzentrum PFL in Oldenburg. "Medizin im digitalen Zeitalter - sehe ich meinen Doktor künftig nur noch im Internet?", lautete das Thema, zu der die Nordwest-Zeitung und die Oldenburger Bezirksstelle der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) Anfang April eingeladen hatten. Es referierten Dr. med. Daniel Overheu, ärztlicher Leiter Telemedizin am Klinikum Oldenburg, und Professor Dr. jur. Fabian Schmieder, der Medienrecht an der Hochschule Hannover lehrt.

"Der große Wurf mit Blick auf die Telemedizin war die Änderung des Paragraphen 7, Absatz 4 der Berufsordnung der Ärzte im Dezember 2018 durch die Ärztekammer Niedersachsen", sagte Overheu. Denn erst seitdem sei es im hiesigen Bundesland legal, einen Patienten ausschließlich per Telekommunikation zu behandeln, sofern die ärztliche Sorgfaltspflicht vollumfänglich gewährleistet sei.

Fachärzte in Rufnähe


Overheu ist bereits seit 2014 vom Oldenburger Klinikum aus zusammen mit mehreren Partnern für die telemedizinische Versorgung von Offshore-Plattformen und Schiffen zuständig. Dass die Telemedizin direkt im Notfallzentrum des Klinikums angesiedelt ist, sei "elementar wichtig". "Als Telemediziner brauche ich andere Fachärzte in Handgriff-Reichweite, um deren Expertise abfragen zu können", erläuterte der Anästhesist.

Offshore oder auf Schiffen wird die Telemedizin bereits erfolgreich angewendet. Aber generell blieben in Deutschland viele Chancen ungenutzt, die die Digitalisierung in der Medizin bieten könnte. Darin waren sich Overheu und Schmieder einig. "Heute habe ich zum Beispiel meinen Impfpass gesucht - und ihn nicht gefunden. Es wäre doch toll, ihn auf dem Smartphone zu haben", sagte Schmieder. "Ein anderes Beispiel: Mein Vater hat an einem Samstag seine Frau in einem akuten Fall ins Krankenhaus gebracht. Dort wurde die Patienten-Akte benötigt. Mein Vater hat also den Hausarzt herausgeklingelt, dieser ist zur Praxis gefahren und hat die Akte geholt. Da wäre eine digitale Akte doch viel einfacher zu handhaben." Eigentlich sollte die digitale Patientenakte ja schon 2004 kommen, erinnerte Overheu die rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer: "Aber das hat die Politik gegen die Wand gefahren!"

"Wenn es um Digitalisierung in der Medizin geht, höre ich ganz oft: ,Das kommt bald´", sagte Schmieder. Start-ups seien da weniger zögerlich. So gebe es in Hamburg eine Firma, die Krankschreibungen über ihre Website ausstelle. "Eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung wegen einer Erkältung gibt es dort für neun Euro", berichtete der Jurist. Auf der Website werde gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass alles von Rechtsanwälten und vom TüV geprüft sei. Dann klicke man sich durch diverse Symptome und Risiken, beschrieb Schmieder das Verfahren. Zum Schluss komme die Krankschreibung sowohl per WhatsApp als auch per Post.

Als Jurist hegt Schmieder ähnlich wie viele Landesärztekammern allerdings rechtliche Bedenken gegenüber diesen Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen (AU), weil Werbung für Behandlungen per Telekommunikation verboten sei und der Internetauftritt mit den Preisangaben doch Werbecharakter habe. Darüber hinaus aber fragte er, ob das die Behandlung sei, die man sich wünsche: "Nein!", lautete seine unmissverständliche Position. "Eine Erkältung oder meinen Heuschnupfen kann ich wahrscheinlich noch selbst diagnostizieren, aber ein Arzt, der mich abtastet und abhört, kann ausschließen, dass es vielleicht doch etwas Schlimmeres ist."

Sichere Diagnosen per Telemedizin


Manche Diagnosen können auch per Telemedizin mit ausreichender Sicherheit gestellt werden, erklärte Overheu. Als Beispiele führte der Arzt "grippale Infekte, unkomplizierte Harnwegsinfekte, einfache Sportverletzungen, aber auch Herzrhythmusstörungen an". Wichtig sei die Zusammenarbeit mit einer Fachkraft mit Staatsexamen im Gesundheitswesen vor Ort - also zum Beispiel auf einer Offshore-Windkraftanlage - sowie eine sichere Technik für die Vitaldatenübertragung inklusive Audio- und Videoübertragung: "Nur so kann man sicher arbeiten, einen Therapieplan besprechen und Wiedervorstellungen bei Bedarf oder Verschlechterung vereinbaren", sagte Overheu. Natürlich müsse vor allem eine möglichst sichere Art der Datenübertragung gewählt werden. Messenger-Dienste wie etwa WhatsApp seien nicht geeignet. "Wobei es keine absolute Sicherheit gibt, weder im Internet, noch in der realen Welt. Auch ein Brief kann von jemand anderem als dem Empfänger geöffnet und eine Patientenakte kann aus einer Praxis geklaut werden. Es geht immer darum, das Risiko abzuschätzen", sagte Overheu. Aus diesem Grund begrüßte Schmieder, dass die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) den Risikobegriff aufgegriffen hat. "Die DSGVO steht einer Digitalisierung in der Medizin nicht entgegen. Sie fordert lediglich sehr hohe Sicherheitsvorschriften für die digitale übermittlung von Daten, aber sie können erfüllt werden. Banken praktizieren das bereits."

Gefahren sieht Schmieder zum einen in der Konzentration von Daten. "Estland wird ja oft als Vorreiter in Sachen Digitalisierung genannt. Dort werden alle Gesundheitsdaten in einem Zentrum gespeichert. Dieses kann zwar relativ gut gesichert werden, aber wenn es gehackt wird, sind sehr viele Daten betroffen." Andererseits sei der Sitz eines telemedizinischen Zentrums entscheidend, sagte Schmieder: "Landet man bei einem Callcenter in Indien, kann es sein, dass die Behandlung indischem Recht unterliegt. Das bedeutet, dass dortige medizinische Standards die Rechtsgrundlage der Behandlung bilden. Das kann bei Haftungsfragen wichtig werden."

Verfasser/in:
Heidi Scharvogel





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