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nä 05/2019
aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Medizinhistorie

Keine Kontrolle der Psychiater durch übergeordnete Behörden

Neue Studie zu Medikamenten- und Impfversuchen an Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Heimerziehung in Niedersachsen zwischen 1945 und 1976 / Dr. des. Christine Hartig hält viele alte Arzneistudien für illegitim


 


Die Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner, die an der Universität Düsseldorf zu Medikamententests in westdeutschen Kinderheimen forscht, brachte 2016 den Stein ins Rollen. Inzwischen geht Wagner davon aus, dass hierzulande von den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an bis in die siebziger Jahre Medikamentenversuche wohl an Tausenden von Heimkindern durchgeführt wurden. Betroffen von den Medikamenten- und Impfstudien waren auch Kinder und Jugendliche, die in niedersächsischen Einrichtungen wie dem ehemaligen Niedersächsischen Landeskrankenhaus Wunstorf mit seiner Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung betreut und behandelt wurden. 2017 beauftragte daher das niedersächsische Sozialministerium das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (IGM), die im Rahmen der Heimerziehung zwischen 1945 und 1978 vorgenommenen Medikamenten- und Impfversuche an Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen zu untersuchen. Jetzt stellte Dr. des. Christine Hartig die von ihr gemeinsam mit der inzwischen verstorbenen Kollegin Dr. phil. Sylvelyn Hähner-Rombach erarbeitete, 169 Seiten lange Studie Mitte März in Hannover vor.

18 Studien mit teilweise neuen Substanzen


Obwohl die Unterlagen vielfach unvollständig, lückenhaft oder auch verloren gegangen sind, identifizierten die beiden Historikerinnen 18 Arzneimittel- und Impfstudien, von denen niedersächsische Kinder und Jugendliche betroffen waren und bei denen teilweise noch nicht im allgemeinen Verkehr befindliche Substanzen getestet wurden. Die von Hartig und Hähner-Rombach dokumentierten Versuche fanden an der kinderpsychiatrischen Abteilung des Psychiatrischen Krankenhauses Wunstorf, an der Universität Göttingen, anderen Göttinger Heimen, den Rothenburger Anstalten und im heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim Brunnenhof in Rehburg-Loccum statt. Getestet wurden unter anderem Neuroleptika, Antidepressiva, Bromverbindungen, Barbiturate, Antiandrogene und Antiepileptika.

Dabei wies Hartig darauf hin, dass vor dem Hintergrund der damals vorherrschenden Lehre, auffälliges Verhalten bei Kindern sei vorwiegend organisch bedingt, die Anwendungsgebiete von Neuroleptika und Antidepressiva im untersuchten Zeitraum erweitert worden seien. Auch Studien zur Anwendung von Sedativa in der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien wohl vor diesem Hintergrund zu betrachten, vermutete die Forscherin: "Damit stellt sich die Frage, ob Arzneimittelstudien auch mit dem Ziel erfolgten, die Betreuung von Minderjährigen in den Einrichtungen zu erleichtern."

Mangelnder Schutz der Heimkinder


"Der Schutz von Probanden wurde in der Bundesrepublik erst 1978 nach Inkrafttreten der Neufassung des Arzneimittelgesetzes explizit geregelt", bedauerte Sozialministerin Dr. rer. nat. Carola Reimann bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse von Hartig und Hähner-Rombach. Trotzdem konnte Hartig darlegen, dass die untersuchten Studien zum Teil durchaus gegen damals geltende ethische und fachliche Standards verstießen. Das belegte die Wissenschaftlerin zum Beispiel für die Impfstudien, bei denen die Eltern, beziehungsweise deren gesetzliche Vertreterinnen und Vertreter, hätten informiert und um Zustimmung gebeten werden müssen. Eine mangelnde Aufklärung kritisierte sie ebenfalls bei den äußerst umstrittenen Pneumenzephalographien, bei denen mittels einer Lumbalpunktion Luft in die Liquorräume des Gehirns injiziert wurde, um die dortigen Hohlräume auf einer Röntgenaufnahme festzuhalten. Eingesetzt wurden sie, um organische Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zu diagnostizieren. Hartig kritisierte, dass das Landesjugendamt Hannover 1965 sogar eine pauschale Einverständniserklärung für die Durchführung der gefährlichen Untersuchung abgegeben und fortan auf eine Einzelfallprüfung verzichtet habe.

Das Wirken von Hans Heinze jun.


Einen besonderen Stellenwert nimmt in der Studie von Hartig und Hähner-Rombach Medizinalrat Hans Heinze jun. (1923 - 2012) ein, der Sohn des durch seine Beteiligung an der Kinder- und Erwachseneneuthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus stark vorbelasteten gleichnamigen Vaters Professor Dr. med. Hans Heinze sen. (1895 - 1983). Heinze jun. war selbst bereits in seiner Zeit als Oberarzt am Universitätsklinikum Gießen zwischen 1951 und 1959 an Arzneimittelstudien beteiligt, die er in der KJP Wunstorf an Minderjährigen fortsetzte. Neben seiner Arbeit in Wunstorf betreute Heinze jun. verschiedene niedersächsische Heime. Später leitete er von 1974 bis 1989 das Referat für psychiatrische Angelegenheiten und die psychiatrischen Landeskrankenhäuser im Niedersächsischen Sozialministerium, wobei er zugleich weiterhin als Psychiater in diversen Einrichtungen tätig war: Eine Kontrolle durch übergeordnete staatliche Behörden konnte somit schon allein aufgrund der engen personellen Verflechtung von Sozialministerium und Psychiatrie, wie Hartig sie darlegte, nicht funktionieren.

Obendrein publizierte Heinze jun. parallel zu seinen Tätigkeiten kontinuierlich die Erprobung von "Arzneistoffen". Doch allein die Veröffentlichung seiner Studie zu Encephabol, das Heinze jun. den "stimulierenden Psychopharmaka" zurechnete, wurde - soweit bekannt - von dem Darmstädter Unternehmen Merck kleinteilig dokumentiert. "Dabei wird deutlich, dass sowohl die Studie als auch die Publikation vom Unternehmen finanziell honoriert wurden", schreiben Hartig und Hähner-Rombach. Der Pharmafirma diente die Publikation vor allem als Werbeträger, denn der Substanz eine positive Wirkung zu bescheinigen, hatte sich anscheinend über Jahre hinweg als Herausforderung erwiesen. Ob Heinze jun. allerdings dezidiert die Einwilligung der Eltern oder Erziehungsberechtigten zu den Medikamentenversuchen besaß, lässt sich den Autorinnen zufolge auf Basis der bisher zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht hinreichend nachweisen. Doch auch wenn die Encephabol-Studie nicht explizit gegen das damals geltende Recht verstieß, sind Hartig und Hähner-Rombach überzeugt, dass sie im Hinblick auf zeitgenössische, internationale Maßstäbe als illegitim bezeichnet werden muss: "Das Fallbeispiel Encephabol verdeutlichte die Verletzung wesentlicher zeitgenössischer fachlicher und ethischer Standards, da auf einen kontrollierten Versuchsaufbau bewusst verzichtet wurde, die Prüfung trotz negativer Vorergebnisse fortgesetzt wurde und allem Anschein nach keine normgemäße Aufklärung der Eltern beziehungsweise der gesetzlichen Vertreterinnen und Vertreter erfolgte."

Illegale Impfversuche in Göttinger Heimen


Gleich mehrfach wurde damals außerdem in Göttinger Kinderheimen durch Impfversuche gegen geltendes Recht verstoßen. Denn freiwillige Impfungen jenseits einer Impfpflicht benötigten bereits in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Zustimmung der Sorgeberechtigten. So wurde 1961 ein Dreifach-Impfstoff - unter anderem gegen Polio - und Ende 1964 ein Fünffachimpfstoff gegen Masern, Diphtherie, Pertussis, Tetanus und Poliomyelitis in mehreren Göttinger Einrichtungen getestet. "Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Ärztinnen und Ärzte, die Kinder und Säuglinge, zumal solche aus Heimen, zu Impfversuchen heranzogen, deren besondere Vulnerabilität ausblendeten, wenn es darum ging, Forschung zu betreiben", konstatieren die Autorinnen in ihrem Bericht. Mit ihrer aktuellen Studie ist es ihnen gelungen, viele Fragen über die Medikamenten- und Impfversuche zu beantworten. Nun aber soll in einem weiterführenden Forschungsprojekt anhand von Einzelfallstudien die Rolle der öffentlichen Verwaltung noch näher beleuchtet werden.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




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