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nä 05/2019
aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Fortbildung

Die Betreuung eines Organspenders ist in den meisten Krankenhäusern die Ausnahme

Erste Fortbildung der Ärztekammer Niedersachsen „Transplantations­beauftragter Arzt“: Veranstaltung findet große Resonanz / Praktische Übung im Simulationslabor der Medizinischen Hochschule Hannover


 


Rund 9.500 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, aber im vorigen Jahr gab es hierzulande nur 955 Organspenderinnen und Organspender. Für die rund 1.260 Entnahmekrankenhäuser, die als Mindestvoraussetzung über eine Intensivstation mit Beatmungsplätzen verfügen müssen, ist die Vermittlung eines Organspenders also keine tägliche Aufgabe, sondern eher die Ausnahme. Deshalb sieht das Niedersächsische Ausführungsgesetz zum Transplantationsgesetz vom vorigen November zum Beispiel vor, dass Transplantationsbeauftragte nach der Erstschulung alle vier Jahre ihre Kenntnisse vertiefen und auffrischen müssen. Aktuell geht es aber nicht um Auffrischung der Kenntnisse, sondern um eine Erstschulung: Entsprechend groß war die Nachfrage nach der Fortbildungsveranstaltung, die von der Ärztekammer Niedersachsen jetzt im März erstmalig angeboten wurde und im kommenden Jahr erneut stattfinden soll.

Nach dem Curriculum der Bundesärztekammer


Inhaltlich richtete sich das Programm, das Dr. med. Thorsten Doede als wissenschaftlicher Leiter zusammengestellt hatte, nach dem Curriculum der Bundesärztekammer (siehe: http://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/aus-weiter-fortbildung/fortbildung/curricula-und-materialien/). Dort ist festgelegt, dass der Arzt als Transplantationsbeauftragter zur Wahrnehmung seiner Aufgaben über "besondere Fertigkeiten in Medizin, Administration, Organisation, Qualitätssicherung, Kommunikation" sowie über Kenntnisse in "assoziierten juristischen und ethischen Themenbereichen" verfügen muss. 40 Unterrichtseinheiten - davon acht Einheiten als eLearning - umfasste die viertägige Fortbildung in den Räumen der Medizinischen Hochschule Hannover, an der mehr als 30 Ärztinnen und Ärzte - nicht nur aus Niedersachsen - teilgenommen haben.

Neben der Gestaltung der Fortbildung steuerte Doede in seiner Funktion als Koordinator bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) für die Region Nord auch inhaltliche Eckpunkte bei: Er sprach etwa über statistische Daten, forensische Aspekte sowie die Spenderevaluation im Rahmen von Organspenden. Einen großen Schwerpunkt der Veranstaltung stellte außerdem die ethische Komponente bei Organspenden und Transplantationen dar: Die moralphilosophische Perspektive nahm Dr. phil. Sabine Wöhlke vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen in ihrem Vortrag wahr.

Ethik aus der Sicht des Intensivmediziners


Wie komplex die Realität auf der Intensivstation ist, führte Privatdozent Dr. med. Christian Hönemann, Chefarzt im Kollegialsystem der Klinik für Anästhesie und lntensivmedizin am St. Marienhospital Vechta, den anwesenden Ärztinnen und Ärzten vor Augen. "Die Auseinandersetzung mit dem Therapiemaß ist kein exotisches Ereignis, sondern Alltag des Intensivmediziners", sagte Hönemann, dessen Part es war, das Thema Ethik aus der Sicht des praktisch tätigen Intensivmediziners aufzugreifen. Es gelte gemäß des Genfer Gelöbnisses und der Berufsordnung, das Leben eines jeden Menschen prinzipiell zu verlängern, sagte Hönemann. "Doch um welchen Preis, und ob das sinnvoll ist, das ist die entscheidende Frage", lautete der Ausgangspunkt seiner Ausführungen. Für den Arzt hat sich angesichts der technischen Möglichkeiten auf der Intensivstation ein Paradigmenwechsel beim Sterben vollzogen, und zwar weg von der Kunst der Lebensrettung hin zur "Kunst der Therapiereduktion".

An diesem Punkt stellte sich für Hönemann zugleich die Frage nach der Organspende, die er als "Ausdruck größter Nächstenliebe" definierte: Dass sich auch kleinere Krankenhäuser der Kategorie C, die über keine neurochirurgische Abteilung verfügen, erfolgreich für Organspenden einsetzen können, haben die Ärzte und Pflegekräfte des St. Marienhospitals Vechta bereits in der Vergangenheit bewiesen, als die DSO sie vor drei Jahren für ihr Engagement auszeichnete. "Liegt uns eine Zustimmung zur Organspende vor, so setzen wir die intensivmedizinischen Maßnahmen kurzzeitig fort, um die Organe weiter zu durchbluten und diese anschließend transplantieren zu können", beschrieb Hönemann die Vorgehensweise, die unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fortbildung "Transplantationsbeauftragter Arzt" angeregt diskutiert wurde. An diesem Punkt offenbarte sich dem wissenschaftlichen Leiter Doede zufolge allerdings auch ganz deutlich eine ethische Grenze: "Da gab es die klare Aussage von vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass sie Patienten nicht für die Organspende intubieren würden." Es sei denn, es sei der ausdrückliche Wille des Patienten. Denn das war die grundsätzliche Maxime, bei der sich letztlich alle Diskutanten einig waren: Der Wille des Patienten - ob mittels Organspenderausweis oder Patientenverfügung geäußert - ist ausschlaggebend.

Immer untereinander mit den Kolleginnen und Kollegen im Gespräch zu bleiben, regte Dr. phil. Sabine Wöhlke an. Sie empfahl zum Beispiel, auf der Intensivstation in den Entnahmekrankenhäusern Ethikvisiten abzuhalten: "Gemeinsam schwierige Fälle zu diskutieren, schult das Team." Eine Erfahrung, die Dr. med. Klaus Kogelmann, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Emden, als Teilnehmer der Fortbildung bestätigte. Es habe sich für ihn bewährt, für Fallbesprechungen sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Intensivstation von den Ärzten bis zu den Pflegern um einen Tisch zu versammeln: "Da sind auch die Seelsorger mit im Boot."

Das Vorgehen bei der Diagnose des Hirntods


Um die medizinischen Voraussetzungen für eine Organspende dagegen drehte sich ein anderer Komplex der Fortbildung. Professor Dr. med. Dag Moskopp, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Vivantes Klinikum im Friedrichshain in Berlin, referierte über die Geschichte, Richtlinien und Diagnostik des "irreversiblen Hirnfunktionsausfalls" (IHA). Lange Zeit umstritten und in der Diskussion stellt für ihn die Diagnose Hirntod "das sicherste Kennzeichen des Todes" dar. Sie markiere den Zeitpunkt, an dem zu klären sei, ob eine Therapie abgebrochen werde oder eine Organspende in Frage komme. Entsprechend führte Moskopp im Einzelnen aus, wie der irreversible Hirnfunktionsausfall Punkt für Punkt mit dem zweifelsfreien, vollständigen und unumkehrbaren Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm zu belegen ist. Können Hirnstamm-Reflexe wie zum Beispiel der Pupillen- oder der Korneal-Reflex nicht mehr ausgelöst werden, kann dies als eines von diversen, ebenfalls zu überprüfenden Parametern für einen Hirntod gelten. Auch ergänzende apparative Verfahren, um zum Beispiel die Gehirndurchblutung zu überprüfen, stellte Moskopp vor und zeigte in einer Versuchsanordnung, wie sich die Durchblutung per Ultraschall feststellen lässt.

Welche Hürden aber die Protokolle darstellen, die "sorgfältig ausgeführt sein müssen", wie der Referent ermahnte, erwies die anschließende Besprechung von Fallbeispielen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Dokumentation des unumkehrbaren Ausfalls der Hirnfunktionen müssen den Vorgaben zufolge zwei Fachärztinnen oder Fachärzte - darunter eine Fachärztin oder ein Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie - unabhängig voneinander vornehmen. Untersuchen dürfen sie aber gemeinsam. Wie das in der Praxis geht, konnten die Teilnehmer am Intensivbehandlungsplatz des Simulations-OPs der Medizinischen Hochschule Hannover einmal durchspielen: "Im Transplantationsgesetz ist vorgesehen, dass die Hirntod-Diagnose von zwei Ärztinnen oder Ärzten vorgenommen wird", sagt Doede über den gut von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern angenommenen praktischen Teil der Fortbildung. "Da konnten wir die Realität gut abbilden."

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




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