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nä 05/2019
aktualisiert am: 15.05.2019

 

  Klinik und Praxis

Das Recht, „Nein“ zu sagen

„Übergriffe gegen Praxisteams – vorbeugen und abwenden“: Vizepräsidentin Marion Charlotte Renneberg stellte in der Bezirksstelle Braunschweig eine neue Broschüre der Ärztekammer Niedersachsen vor


 


Attacken auf Rettungsdienste, Feuerwehrleute, aber auch auf Ärztinnen und Ärzte sowie ihr Personal geschehen heutzutage häufiger, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Auch Marion Charlotte Renneberg, Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN), räumte bei der Veranstaltung in der ÄKN-Bezirksstelle Braunschweig zum Thema "Aggression gegen Helfer" ein: "Ich erfahre in persönlichen Gesprächen immer wieder von bedrohlichen Situationen, die nie öffentlich gemacht oder zur Anzeige gebracht wurden."

Für solche Grenzüberschreitungen zu sensibilisieren und Anregungen für ein deeskalierendes Verhalten zu geben, war das Ziel der Fortbildungsveranstaltung, auf der Renneberg die neue Ärztekammer-Broschüre mit dem Titel "übergriffe gegen Praxisteams - vorbeugen und abwenden" präsentierte. Die handliche Informationsschrift versammelt Tipps, wie Ärztinnen und Ärzte, ihre Praxisteams, aber auch das medizinische und pflegende Personal in Kliniken aggressivem oder gar gewalttätigem Verhalten von Patientinnen und Patienten begegnen können: "Es geht nicht um Selbstverteidigung, dazu ist oft ein jahrelanges Training notwendig", betonte Renneberg. Vielmehr riet die Vorsitzende der Bezirksstelle Braunschweig, "Aggressionen schon im Vorfeld zu vermeiden".

Das Recht, "Nein" zu sagen


Die wichtigste Botschaft für die mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung schien die Nachricht zu sein, dass Patienten weggeschickt werden dürfen. "Von Notfällen abgesehen, darf auch ein Arzt eine Behandlung ablehnen", schreibt zum Beispiel Dr. phil. Martin Eichhorn in der von ihm verfassten ÄKN-Broschüre. "Sie haben das Recht, ,Nein´ zu sagen", bekräftigte Stefan Weinmeister, Pressesprecher der Polizeiinspektion Braunschweig. Unter dem griffigen Motto "Eigenschutz geht vor Fremdhilfe" empfahl Weinmeister beispielweise, die Polizei zu Hilfe zu rufen, wenn sich ein Patient weigere, die Praxis zu verlassen: "Dafür sollten Sie die 110 nutzen und nicht lange im Telefonbuch nach der Nummer der Dienststelle suchen."

Eine weitere Anregung, die der Polizist den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg gab, war der Hinweis auf das Präventions-Angebot der Polizei: "Wir können uns Ihre Praxis im Hinblick darauf anschauen, wie sicher sie ist und Ihnen Tipps geben", sagte Weinmeister, der zudem als Soforthilfe die Installation einer Klingel am Empfangstresen vorschlug: "Damit können Sie Hilfe aus den hinteren Praxisräumen nach vorne holen, wenn es dort Probleme gibt."

Beleidigungen und körperliche Angriffe


"Sie sitzen an der Front", bestätigte auch Renneberg den vielen anwesenden Medizinischen Fachangestellten (MFA), auf deren Situation Anita Marini in ihrem Vortrag schwerpunktmäßig einging. Die stellvertretende Referatsleiterin für Medizinische Fachangestellte beim Verband medizinischer Fachberufe beschrieb eine ganze Reihe von Szenarien, denen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen am Empfang einer Arztpraxis oder einer Notaufnahme regelmäßig ausgesetzt seien. Marinis Schilderungen begannen mit persönlichen Beleidigungen wie "Sie sind ja völlig unfähig, holen Sie mal Ihre Kollegin!" oder "Seit Sie hier in der Anmeldung sitzen, wird hier ja gar nichts mehr gemacht!". Darüber hinaus berichtete die Referentin aber auch von Handgreiflichkeiten, etwa Schubsereien, wenn sich ein Patient oder eine Patientin quasi mit körperlichem Einsatz Zugang zum Sprechzimmer zu verschaffen suche: "Sobald jemand mit der Faust auf die Anmeldung schlägt, ist es schwer, ruhig zu bleiben", sagte Marini, die den Alltag in Arztpraxen seit zwanzig Jahren aus eigener Anschauung kennt. "Da ist es gut, wenn man nicht alleine ist", schärfte sie den Anwesenden ein.

Mehr Rückendeckung durch die Kollegen


Daher zählte es neben der Aufforderung zur Aufarbeitung von entgleisten Situationen durch das jeweilige Praxisteam zu Marinis zentralen Wünschen, dass die Praxischefs den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in solch heiklen Momenten mehr Rückhalt böten. Denn - wie auch die Diskussion im Laufe der Veranstaltung mehrfach zeigte -, ist es für die Helfer stets eine große Hürde, sich gewissen Herausforderungen ohne Unterstützung und Rückendeckung zu stellen.

Das gilt nicht zuletzt für die Hausärzte, die wie Renneberg als niedergelassene Allgemeinmediziner regelmäßig unbegleitet Hausbesuche absolvieren: "Es ist noch immer so, dass wir unsere Kollegen allein in unbekannte Situationen schicken", klagte daher die Vorsitzende der Bezirksstelle Braunschweig. Ähnliche Konstellationen schilderten mehrere Teilnehmerinnen, die zum Beispiel als Psychotherapeutin im ländlichen Raum ihren Bereitschaftsdienst ebenfalls allein verrichten müssen: "Wir haben zwar einen Fahrer, aber der bleibt im Auto", hieß es. Eine andere Psychotherapeutin verwies auf das neue Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), durch das ihr künftig Patientinnen und Patienten zugewiesen würden, die sie nicht einmal mehr am Telefon kennengelernt hätte: "Aber wir sind oft allein in der Praxis", gab die Therapeutin zu bedenken.

Brenzlige Umstände zu meiden, empfahl den Anwesenden ferner Dr. med. Andreas Höft als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Braunschweig und Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie des Städtischen Klinikums Braunschweig: "Werde ich bedroht, muss ich nicht tätig werden, aber ich bleibe vor Ort und beobachte die Situation", formulierte er die eigene Maxime, wenn er als Notarzt im Einsatz ist. Zugleich aber riet Höft, den Helfern zusätzliche Hilfen an die Hand zu geben: "Wir nutzen beim Rettungsdienst Algorithmen und Entscheidungsbäume, um Situationen einzuschätzen." Entsprechend empfahl er den anwesenden Ärztinnen, Ärzten und ihren Teams, einen Plan für die eigenen Verhältnisse zu entwickeln: "Machen Sie sich Gedanken, wie Sie eine solche Situation bewältigen wollen."

Wer hat den Hut auf?


Die Praxisorganisation zu überdenken, skizzierte ebenso Olaf Engelbrecht vom psychosozialen Dienst der Braunschweiger Feuerwehr und des Rettungsdienstes als sinnvolle Strategie. Er selbst habe in großen Praxen zum Beispiel oft Schwierigkeiten, am Empfang den richtigen Ansprechpartner zu finden, wenn dort alle telefonierten und mit diversen Aufgaben beschäftigt seien: "Ich sehe dann nicht, wer den Hut aufhat", sagte er. Engelbrechts Rat für solche Settings lautete daher, jemanden aus der Praxismannschaft für das Notfallmanagement auszubilden und ihn auch äußerlich hervorzuheben: "Stecken Sie ihn meinetwegen in ein rotes T-Shirt."
Helfer wollen helfen

Dass sich Konflikte nicht in jedem Fall verhindern oder im Vorfeld klären lassen - darin waren sich am Ende Referenten und Publikum einig. Man könne nicht jeden Angreifer mit Argumenten und Zuwendung erreichen, lautete etwa Höfts Resümee. "Es gibt Menschen, die setzen Aggression als Mittel der Wahl ein", pflichtete Engelbrecht dem Arzt bei: "Die haben gesehen, dass man damit alles erreicht." Andererseits war in der Diskussion die immense Erwartungshaltung der Patientinnen und Patienten ein Thema. Sie hätten sich in dieser extrem schnelllebigen Zeit daran gewöhnt, ihre Bedürfnisse unverzüglich zu stillen. "Sie werden immer fordernder und es dreht sich alles nur noch um sie", beschrieb Marini ihre Erfahrungen als MFA. Kränkungen und auch Beleidigungen gingen an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht spurlos vorbei, hat auch die Allgemeinmedizinerin Renneberg beobachtet und appellierte an die Patientinnen und Patienten um Verständnis für die Arbeitsbelastung der Praxisteams.

Jenseits dieser Interessenkonflikte erinnerten sowohl die Referenten als auch die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus dem Publikum immer wieder an die Not oder die Hilflosigkeit von Patientinnen und Patienten: "Wir haben es mit leidenden Menschen zu tun. Sie haben Schmerzen, sie haben Angst." Dies nicht aus den Augen zu verlieren, war ÄKN-Vizepräsidentin Renneberg sehr wichtig: "Wir wurden Helfer, um zu helfen - nicht um unsere Patientinnen und Patienten zu ärgern oder zu kränken."


Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




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Die Broschüre "übergriffe gegen Praxisteams"


Zunächst geht es in der von Dr. phil. Martin Eichhorn für die Ärztekammer Niedersachsen erstellten Broschüre um die Ursachen und Umstände, die zu Aggressionen gegen Ärztinnen, Ärzte und das Medizinische Assistenzpersonal führen. Dann versammelt der Leitfaden der zertifizierten Fachkraft für Kriminalprävention viele hilfreiche Tipps, was gegen Beleidigungen und Attacken unternommen werden kann. Ferner enthält er Hinweise, wie Gefahrensituationen besser erkannt und entschärft werden können. Außerdem stellt die Broschüre Maßnahmen zum Schutz bei Hausbesuchen und bei gewalttätigen übergriffen vor. Zum Schluss informiert der Leitfaden auch darüber, was nach einem Gewaltvorfall zu tun ist.

Die Broschüre "übergriffe gegen Praxisteams" kann über die Webseite der Ärztekammer unter http://www.aekn.de sowohl in Form eines PDFs heruntergeladen als auch in gedruckter Form bestellt werden. Außerdem sind die Ratgeber in den ÄKN-Bezirksstellen erhältlich.


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