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aktualisiert am: 15.04.2019

 

  Selbstverwaltung

„Es geht uns noch nicht schlecht genug“

Braunschweiger Diskussionsveranstaltung legte Defizite des Gesundheits­wesens, schleichendes Politikversagen und Veränderungsbedarf in seltener Einmütigkeit offen


 

Was sich einmal wiederholt, hat schon eine Tradition, wenn es dann noch fortgesetzt wird, ist es schon eine langjährige Tradition - mit einer solch launigen Bemerkung begrüßte Dr. Thorsten Kleinschmidt, Bezirksausschuss-Vorsitzender der KVN-Bezirksstelle Braunschweig, am 27. März die Teilnehmer und Gäste des nunmehr zweiten "Braunschweiger Gesundheitsdialogs". "Ärztliche Versorgung im Umbruch" lautete das weitgespannte Thema. Und dazu hatten die hochkarätigen Teilnehmer der Diskussionsrunde Einiges zu sagen.

In einem Eingangsreferat skizzierte die Erste Bürgermeisterin der Stadt Braunschweig, Anke Kaphammel, die aktuelle Versorgungslage vor Ort: Während im Stadtgebiet die ambulante Versorgung und die Klinikstruktur gut aufgestellt seien, bröckele die Versorgungsdichte im Umland mit nur etwa 84 Prozent allmählich ab. Bei der Gestaltung vor allem der Notfallversorgung sei es künftig notwendig, Synergieeffekte zu nutzen. Ein positives Beispiel sei die enge digitale Vernetzung der KVN in Braunschweig mit dem lokalen Gesundheitsamt, um Informationsverluste zu vermeiden.

Sektorenübergreifende Vernetzung, Koordination, Effizienzgewinne - damit hatte die Bürgermeisterin das Thema für den Moderator des Abends vorgegeben. Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, zitierte aus dem jüngsten Gutachten des Vorsitzenden des Sachverständigenrates, Prof. Dr. Manfred Gerlach, der das deutsche Gesundheitswesen von einem "Nebeneinander von über-, Unter- und Fehlversorgung" und unkoordinierten Strukturen gekennzeichnet sieht. Mit seinem Verdikt der "organisierten Verantwortungslosigkeit" stelle Gerlach dem System ein vernichtendes Zeugnis aus.

Dass sich Einiges ändern muss, darin waren sich die Referenten, die nun zu Wort kamen, im Grunde einig. Für Dr. Jürgen Peter, Vorstandsvorsitzender der AOK Niedersachsen, geht die bestehende "Komfortzone" eines regulierten Systemes durch mehrere Faktoren allmählich verloren: wirtschaftliche Trendbrüche, demographischer Wandel, Fortschritte etwa in der Biotechnologie, vor allem aber die Dynamik in der Digitalisierung würden dem Gesundheitswesen schon in nächster Zukunft dramatische Veränderungen aufzwingen. Notwendig sei eine "verbindliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Kooperation" aller Player im Gesundheitswesen, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen. Die Digitalisierung sei alternativlos und werde in Zukunft auch die gewohnten Wettbewerbsgrenzen überschreiten. Angesichts dessen benötigten wir in Zukunft "keine Staatsmedizin, sondern eine wettbewerbsorientierte Gesundheitspolitik", allerdings mit mehr Steuerung und Kooperation.

Für den KVN-Vorstandsvorsitzenden Mark Barjenbruch ist die Wirklichkeit von zwei Systemen bestimmt, in denen es keine gestaltende Planung für die Zukunft gebe. Ein Blick auf Dänemark zeige die Unterschiede: Ein Land mit vergleichbarer Einwohnerzahl wie Niedersachsen leiste sich nur noch 21 Krankenhäuser, man wolle auf acht Häuser herunter. "Die haben einfach eine Gebietsreform durchgeführt. Sie bauen neue Autobahnen, um die Krankenhäuser erreichbar zu machen." Von einer solch durchgreifenden politischen Gestaltung sei Deutschland weit entfernt. Bei uns liege der Fokus auf den artikulierten "Bedürfnissen" der Bevölkerung, nicht auf dem objektiven "Bedarf". Doch das System an den Bedarf anzupassen - "diesen Weg zu gehen ist die Politik nicht bereit".

"Die Mauer muss weg", forderte auch Prof. Karl-Dieter Heller, der als Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Herzogin Elisabeth Hospitals in Braunschweig den stationären Sektor vertrat. Krankenhäuser und Niedergelassene seien im System komplett getrennt. Das Problem sei die Vereinheitlichung der Vergütung. Dem stünden die "Beharrungskräfte einer sektorenspezifischen Versorgung" entgegen. Bis in die höchsten Gremien wie dem G-BA versuchten Mandatsträger, notwendige Veränderungen, die am eigenen Besitzstand kratzen, "so lange zu diskutierten, bis es fünf Jahre nicht kommt." Hier sei die "organisierte Verantwortungslosigkeit" mit Händen zu greifen. Zugleich erlebten die Kliniken unter dem Druck der Fallpauschalen eine maximale ökonomisierung und den größten Kostenanstieg seit den 80er Jahren. Man müsse weg von der gedeckelten Vergütung und hin zu Mindestmengen und einer qualitätsabhängigen Bezahlung.

Dr. Thorsten Kleinschmidt sah zumindest eine sektorenübergreifende Gemeinsamkeit: "Alle handeln anreizbezogen." Es gelte also, die Geldflüsse zu steuern, um die Medizin an den Behandlungsprozessen zu orientieren. So würden Wirtschaftlichkeitsreserven gehoben. "Bedürfnisse" der Patienten und ihr "Bedarf" klafften weit auseinander. Doch das werde sich mit dem erwartbaren Rückgang der Arztzahlen ändern - "wenn das Angebot sinkt, sinkt auch die Nachfrage". Das Delta zwischen Versorgungsangebot und -nachfrage könne künftig durch Apps und künstliche Intelligenz überbrückt werden, doch "wenn Menschen krank sind, werden sie mit Menschen reden wollen - das wird bleiben, es wird nur anders werden."

Anspruchsdenken, Verkrustungen, politischer Stillstand - hier konnte man eine gewisse Einmütigkeit der Experten beobachten. "Wir tragen die Probleme der Politik vor. Aber die reagiert nicht", befand Karl-Dieter Heller. "Doch - wollen wir das eigentlich?" Mark Barjenbruch sah keine Alternative: "Man wagt nicht, den Bedürfnissen zu widersprechen. Das werden wir uns irgendwann nicht mehr leisten können." Auch Jürgen Peter forderte: "Wir müssen vom Anspruchsdenken abgehen!" Es gebe keine Planung, keine Vision für ein anderes System. "Wir brauchen mehr Mittel für Qualität. Dann muss priorisiert werden." Aber damit täten sich viele schwer. Thorsten Kleinschmidt sah in der gegenwärtigen überversorgung nichts anderes als die "willfährige Befriedigung von Bedürfnissen."

Doch die Trendwende ist schon da: Immer mehr Ärzte sind Ärztinnen, und die suchen oft in der Anstellung den Weg zu einer geringeren Arbeitsbelastung. Ihre Lebensarbeitszeit ist daher deutlich geringer als die von selbständig Niedergelassenen. Das lenkte den Blick auf die Ärzte als eigentlich Leidtragende des Systems - ihre immense Arbeitsleistung erwuchs ja aus den Bedürfnissen der Patienten und dem Anspruch, sie zu befriedigen. Das gilt für Niedergelassene wie für Kliniker. Karl-Dieter Heller räumte ein, dass seine jungen Kollegen und Kolleginnen nicht mehr bereit seien, das Pensum der älteren zu stemmen - und das zu Recht: "Die Wahnsinnigen sind wir. Die Jungen fahren die Arbeit auf das Normalmaß zurück."

Verfasser/in:
Dr. Uwe Köster
Pressestelle der KVN
Berliner Allee 22, 30175 Hannover



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