Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 04/2019
aktualisiert am: 15.04.2019

 

  Bezirksstellen

Seminare rund um Körper und Seele

Mehr als 20 Vorträge umfasste das Angebot des Aller-Elbe-Forums in Walsrode / Im Eröffnungsvortrag legte Dr. med. Franz Sperlich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Coaching ans Herz


 


Lüneburg - Stade - Verden. Als bestes Beispiel für erfolgreiches Coaching präsentierte sich Dr. med. Franz Sperlich selbst: Der Allgemeinmediziner aus Lilienthal bei Bremen schilderte den Teilnehmern des Aller-Elbe-Forums in Walsrode am 16. März seine eigenen Erfahrungen: Wie er seine Ambitionen als Neuro­wissenschaftler an der Universität im kalifornischen San Diego aufgab, um die Praxis seines erkrankten Vaters in Deutschland zu übernehmen. Damals - vor rund 20 Jahren - habe er in der Tat mit seinem Schicksal gehadert, aber durch ein Coaching seine Arbeit neu ausrichten und neu begreifen können: "Aus den Problemen, die ich zu der Zeit hatte, wurden plötzlich Möglichkeiten", erinnerte sich Sperlich, der inzwischen neben seiner ärztlichen Tätigkeit selbst als Coach arbeitet.

Wie gelingt die Kommunikation mit dem Patienten?


Die eigene Biografie und sein persönlicher Trainer haben den Arzt dazu gebracht, in seiner Praxis einiges zu ändern. Obendrein sei ihm auf der Basis seiner Kenntnisse aus der Gehirnforschung klar geworden, dass er den Patienten, der zu ihm komme zuerst einmal erreichen müsse. Denn dieser sei bisweilen "in seinem eigenen Film" gefangen, der in seinem eigenen Kopf ablaufe. Daraus und aus der Erregung über ein merkwürdiges Muttermal oder ein anderes gesundheitliches Problem müsse der Arzt den Patienten erst einmal herausholen: "Sonst rede ich gegen eine Wand", sagte Sperlich. Trotzdem seien es gerade jene Patienten in einer Krise oder in einer Veränderungssituation, die empfänglich seien für einen Rat: "Hier können wir manchmal einen kleinen Impuls mitgeben", sagte Sperlich. "Das ist für mich die Essenz unseres Berufes."

Der Arzt unterbreitete in seinem Eröffnungsvortrag beim Aller-Elbe-Forum den rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gezielte Tipps für die Kommunikation mit ihren Patienten. Zur Begrüßung sollten sie etwa den Sing-Sang einer Stewardess im Flugzeug anstimmen und dazu bejahend den Kopf nicken. Damit ließe sich zu Beginn einer Konsultation eine angenehme Gesprächssituation schaffen: "Das ist eine Wohlfühlkommunikation", betonte Sperlich. Doch bei der Aufklärung des Patienten, wie er ein Medikament zu nehmen habe, sei eher der sachliche, bestimmte Sprachduktus des Flugkapitäns angebracht - "damit die Botschaft auch beim Patienten ankommt." Wichtig sei es dabei, die Stimme am Ende des Satzes zu senken, empfahl Sperlich: "Das können Sie übrigens üben, indem Sie Kopf und Kinn dann nach unten nehmen."

Wie überbringe ich schlechte Botschaften?


Von großer Bedeutung sei eine gelungene Kommunikation beim überbringen lebensverändernder Nachrichten. "Denn da ist es besonders wichtig, dass der Patient versteht, was ich gesagt habe", erläuterte der Arzt. Für den Patienten dürfe keine Zeit durch eine unklare Botschaft verloren gehen, die dieser vielleicht benötige, um Dinge zu regeln. In diesem Fall habe er sich an jenen Experten orientiert, die etwa in der Industrie schlechte Zahlen überbringen müssten: "Solche Botschaften kommuniziert der Vorstand, ohne den Menschen in die Augen zu sehen", hat Sperlich beobachtet.

Das Ziel sei zu verhindern, dass sich der Patient mit der schlechten Nachricht identifiziere. Er solle zwar mit der Information die Praxis verlassen, dass er etwas habe. Gleichzeitig solle er aber auch wissen, welche Maßnahmen geplant sind und vielleicht sogar Hoffnung oder ein Gefühl der Selbstwirksamkeit haben. Sperlich warnte daher die Kolleginnen und Kollegen vor der Botschaft: "Sie haben Krebs!" Viel besser sei es etwa zu sagen: "Wir haben hier eine Ultraschall­aufnahme und da sehen wir ein Problem. Deshalb schlage ich vor, dass wir noch die und die Untersuchung machen oder jene Maßnahme ergreifen."

Als Ärztin im Justizvollzugskrankenhaus


Ging es im Eröffnungsreferat unter anderem um Kommunikationstraining, so standen bei den insgesamt mehr als zwanzig Vorträgen des Forums auch viele konkrete Erkrankungen wie Harnwegsinfekte, Schilddrüsenknoten, Rheuma, Autismus oder Adipositas im Mittelpunkt. Einen Blick hinter die Gefängnismauern Niedersachsens dagegen gewährte Dr. med. Kerstin Ebbecke interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Allgemeinmedizinerin arbeitet seit fast 20 Jahren als Ärztin im Niedersächsischen Justizvollzugskrankenhaus der Lingener Anstalt und inzwischen auch als medizinische Referentin im Justizministerium in Hannover. Auf dem Aller-Elbe-Forum schilderte sie unter dem Titel "Medizin hinter Gittern" vor allem ihre Arbeit in dem 1975 gegründeten 77-Betten-Krankenhaus mit seinem ganz "normalen Stationsbetrieb". In Lingen werden die Patienten den vier Fachabteilungen Innere und Allgemeinmedizin, Chirurgie, Psychiatrie und der Station für chronisch Kranke zugeordnet. Für spezielle Untersuchungen zieht das Krankenhaus externe Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Urologen, Augenärzte, Dermatologen, Neurologen, Radiologen oder Zahnärzte hinzu. über eine Intensivmedizin oder die Möglichkeit, akute psychische Notfälle zu versorgen, verfügt die Einrichtung allerdings nicht.

Gemäß dem sogenannten Äquivalenzprinzip stünden den Gefangenen trotzdem sämtliche den Nichtinhaftierten zugänglichen medizinischen Leistungen zu - und noch mehr, berichtete Ebbecke: "Wir stellen auch nicht verschreibungspflichtige Medikamente zur Verfügung." Denn zum einen seien diese Arzneien für die Gefangenen nicht erreichbar, zum anderen hätten sie in der Regel kaum Einkommen.

Zusatzausbildung für das Pflegepersonal


Aber auch hinsichtlich der Pflegekräfte unter den 60 Mitarbeitern des 2012 sanierten Krankenhauses gibt es eine Besonderheit. Sie haben alle noch eine zweijährige Zusatzausbildung zum Justizvollzugsbeamten absolviert. Für Ebbecke bedeutet das ein stets sicheres Gefühl im Krankenhaus: "Ich brauche keine Angst zu haben und habe immer eine Begleitung." Auf der Station für Innere und Allgemeinmedizin, auf der sie ihren Dienst tut, liegt ein Schwerpunkt auf der Behandlung von Alkohol- und Drogenkranken. "Patienten, die eine stabile Drogensituation haben, die clean sind oder substituiert werden, bieten wir zum Beispiel eine Hepatitis-C-Therapie an", berichtete Ebbecke. Die Ärztin hat von Inhaftierten sogar erfahren, dass sie sich freiwillig gestellt hätten, um im Anstaltskran­kenhaus medizinisch versorgt zu werden: "Draußen hätten sie nicht überlebt", erzählte Ebbecke. "Das haben sie mir gesagt."

Der Gefangene als Patient


Als Ärztin sieht die Mitarbeiterin des Justizministeriums in ihren Patienten den Menschen und nicht den Gefangenen. "Ich lese zum Beispiel nicht in den Akten der Inhaftierten und weiß nicht, wofür sie verurteilt wurden", sagte sie über ihre Arbeit: "Wir sind Ärzte und für uns sind die Gefangenen Patienten, auf die viele Probleme hereinstürzen." Dabei könnten sie den Insassen zwar in vielem nicht helfen, räumte Ebbecke ein. "Aber wir können zuhören."

Denn die Gefangenen seien im Gefängnis völlig allein und vollkommen auf sich gestellt, gab sie zu Bedenken. "Die Haft bedeutet Stress, vor allem, wenn die Gefangenen das erste Mal inhaftiert sind", beschrieb Ebbecke ihre Beobachtungen. Die Ärztin selbst verspürt keine Unsicherheit bei ihrer Arbeit: "Ich persönlich habe in all der Zeit keinen einzigen Zwischenfall erlebt", fasste sie ihre Erfahrungen zusammen. "Draußen ist es letztlich viel gefährlicher."

Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen


Gleich mehrere Seminare auf dem Aller-Elbe-Forum handelten von den Krankheiten und Problemen der jungen Patienten. Der Hildesheimer Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Duda referierte über selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche, die sich selbst verletzen oder von suizidalen Gedanken und Handlungsimpulsen berichten, lösen in ihrer Umgebung große Beklemmung und Verunsicherung aus. In einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis gehören diese Patienten zum Alltag, wenngleich es sehr selten ist, dass im therapeutischen Gespräch keine Distanzierung erfolgt und eine stationäre Aufnahme unabdingbar ist.

Mit dem Patienten im Gespräch bleiben


Trotzdem bedauerte der Psychiater Fälle, in denen dieser Schritt notwendig ist: "Durch die Einweisung in die stationäre Therapie erzeuge ich einen Vertrauensbruch", räumte Duda ein. Um solche Maßnahmen zu umschiffen, empfahl er Ärztinnen und Ärzten, mit ihren Patienten im Gespräch zu bleiben und immer wieder nachzufragen. Ob es zum Beispiel Pläne für das Wochenende oder die nächsten Ferien gebe, erkundige er sich bei suizidgefährdeten Jugendlichen. "Da kann ich als Therapeut eventuell einen Fuß in die Tür bekommen", erzählte Duda. Es vermittle den Jugendlichen auch Halt, wenn sie das Gefühl hätten, jemand stehe hinter ihnen. Das könnten die Eltern sein oder die Tante. Lehrer oder Freunde könnten ebenfalls mit ins Boot geholt werden: Entgegen der landläufigen Auffassung, man dürfe keine Fragen stellen, sei es wichtig, sich bei dem Jugendlichen zu erkundigen: "Wie steht es um Dich? Ich mache mir Sorgen!"

Warnsignale für Selbstmordabsichten


Duda belegte anhand von Studien, dass der Suizid bei 14- bis 15-Jährigen die dritthäufigste Todesursache ist. Was aber sind die Warnsignale? Zu achten sei auf plötzliche Verhaltensänderungen - also Brüche im Verhalten, eine Apathie - ähnlich der Ruhe vor dem Sturm, Rückzug, Isolation und das Aufgeben von Hobbys oder Änderungen im Essverhalten, sagte Duda. Auch das plötzliche Verschenken von Gegenständen gilt als Warnzeichen für Suizidalität. Selbstverletzendes Verhalten stufte Duda hingegen nicht zwangsläufig als Hinweis auf Selbstmordabsichten ein. Durch die sozialen Medien werde dieses Verhalten jedoch oftmals getriggert. Es gebe aufgrund von Imitationseffekten ferner ein epidemisches Auftreten etwa in Schulklassen. Für einen sehr großen Risikofaktor im Hinblick auf einen Suizid hält Duda übrigens einen bereits versuchten Selbstmord: "Das höchste Risiko für Wiederholungen besteht in den ersten 12 Monaten nach einem Suizidversuch."

Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen


Den jungen Patienten widmete sich in seinem Seminar ebenfalls der Walsroder Kinderchirurg Hanno von Koschitzky. Bei der Beurteilung einer "Schmerztherapie im Kindes- und Jugendalter aus kinderchirurgischer Sicht" plädierte er ohne Umschweife für einen angemessenen Einsatz von Medikamenten: Das "ist nicht nur komfortabel, sondern verbessert auch das Behandlungsergebnis", empfahl er. Ein "wehriges" Kind habe negative Folgen für die Wundversorgung, berichtete der Kinder- und Allgemeinchirurg. Es komme zu mehr Komplikationen, die Verbände verrutschten und sämtliche Beteiligten - das Kind, die Eltern und Ärztin oder Arzt - stünden unter Stress. Im Ergebnis sei die Wundreinigung eventuell weniger sorgfältig und die Nähte könnten weniger präzise ausfallen. Dadurch komme es zu Infektionen, Heilungsstörungen und weniger schönen Narben.

über das konkrete Behandlungsergebnis hinaus bescheinigte von Koschitzky der Schmerztherapie auch eine langfristige Bedeutung für das Verhältnis zwischen den jungen Patienten und ihrer Ärztin oder ihrem Arzt: "Kinder sind schlau, sie vergessen nicht, wenn man ihnen weh getan hat." Der Chirurg warnte ferner vor Fehlern wie das Kind anzulügen oder nicht Bescheid zu sagen, dass eine schmerzhafte Situation auf sie zukomme: "Das Kind wird zukünftig stets Schmerzen erwarten und sich wehren." Neben altersgerechten Strategien wie "pusten" riet von Koschitzky daher im Zweifelsfall immer zu einer Entscheidung für eine Schmerztherapie.

Verfasser/in:
Inge Wünnenberg
Redaktion niedersächsisches ärzteblatt




inhalt 04/ 19
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 

Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2019. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.04.2019.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung