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aktualisiert am: 15.01.2019

 

  Selbstverwaltung

Widerstand ist nicht zwecklos

Eine Parabel über Recht und Billigkeit in der Politik


 


Fünf Stunden mehr Sprechstundenzeit in der Woche - das verordnet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn per Dekret der niedergelassenen Ärzten. Dr. Andreas Buck, Internist aus Hannover, schildert einen noch nicht lange zurückliegenden Fall, in dem ein ähnliches Vorhaben recht kläglich ausging.

Seit Kaisers Zeiten hatten die Gymnasiallehrer in Niedersachen ein Unterrichtsdeputat von 23,5 Stunden pro Woche zu erbringen.

2014 hatten wir eine kesse Kultusministerin in Niedersachsen, Frauke Heiligenstadt von der GroKo-Schwesterpartei SPD. Als es 2014 zu einem vermehrten Unterrichtsausfall kam, vermutete Frauke Heiligenstadt zu Recht einen Lehrermangel und sann auf Abhilfe. Ihre Idee: Sie verfügte, dass Gymnasiallehrer von nun ab eine Stunde mehr, also 24,5 Unterrichtsstunden wöchentlich unterrichten sollten.

Arme Lehrer - statt 17,63 Zeitstunden die Woche hätten sie nun 18,38 Zeitstunden arbeiten sollen. Das fanden sie unerträglich. Sie sannen auf Abhilfe.

Als Beamte, die sie ja zumeist sind, durften sie nicht streiken. Also weigerten sie sich landesweit, auf Klassenfahrt zu gehen - denn deren Begleitung durch die Lehrer ist freiwillig. Und siehe da: Schüler, Vorgesetzte und Kollegen solidarisierten sich mit ihnen. Und auch das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erklärte das Ansinnen 2015 für verfassungswidrig. Zugleich stellte eine Studie der Gewerkschaft GEW eine tatsächliche Lehrerarbeitszeit von 42,5 Stunden fest.

Jetzt hatte Frauke Heiligenstadt überstunden zu vergüten und musste das Stundendeputat um eine Stunde reduzierten. Das fand sie doof. Aber es half nichts. Sie ist jetzt übrigens nicht mehr Kultusministerin.

Jens Spahn möchte, dass manche von uns 25 statt 20 Stunden Sprechstunde in der Woche halten. Das entspricht wöchentlich einem Elternsprechtag! Und die zusätzliche Arbeit ist bei uns Ärzten auch nicht weniger als bei den Lehrern.

Vielleicht können wir aus dem Verhalten der Lehrerschaft ja ein paar Tipps für uns Ärzte ableiten. Zum Beispiel:
- Die Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gehört zu den überflüssigsten ärztlichen Pflichten in Deutschland und bindet ganz viel Arztzeit. In vielen anderen Ländern, zum Beispiel in Holland, Frankreich oder Skandinavien, entscheiden die Patienten einfach selbst.
Die Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung dürfen wir nicht verweigern. Aber wir dürfen einen Vermerk anbringen: "Gilt nur vorbehaltlich einer MDK-Prüfung." - Das wäre ganz schön Sand im Getriebe.
- Eine andere Möglichkeit: Rücksendung von Krankenkassen-Anfragen mit dem Vermerk: Wegen Arbeitsüberlastung Bearbeitung derzeit nicht möglich, bitte erneute Anfrage nach drei Monaten.

Mit entsprechender Erklärung ist auch eine Unterstützung durch die Patienten zu erwarten. Wenn wir Ärzte geschlossen diese Tipps beherzigen würden, könnte sich Jens Spahn bald von Frauke Heiligenstadt ein paar Tipps für das Leben nach der Politik geben lassen.

Wie wär´s?


Verfasser/in:
Dr. med. Andreas Buck
Internist




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