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aktualisiert am: 15.01.2019

 

  Digitalisierung

Im Interview: Professorin Dr. med. Astrid Müller


 


Frau Professorin Müller, beim Digitalgipfel Gesundheit stieß Ihr Forumsthema "Cyberchondrie" auf großes Interesse bei den Tagungsteilnehmern. Tappen immer mehr Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen, in die Internetfalle? Befördert Dr. Google sogar die Cyperchondrie?
Wenn Menschen gesundheitsbezogene Informationen vermehrt via Internet sammeln, ihre Aufmerksamkeit bei der Internetrecherche vorrangig auf negative Themen richten und in einer informationalen Filterblase leben, kann dies in starken Ängsten bezogen auf den eigenen Gesundheitszustand resultieren. Die Zugänglichkeit von digitalen gesundheitsbezogenen Informationen kann sich im Einzelfall also tatsächlich negativ auswirken und zu einer Cyberchondrie beitragen.
Auf welches Krankheitsbild müssen sich Ihre Arztkollegen in der Praxis einstellen? Wie kann die Erkrankung diagnostiziert werden?
Nach jetzigem Wissensstand wird davon ausgegangen, dass Cyberchondrie kein eigenständiges, neues Krankheitsbild darstellt. Vielmehr handelt es sich wohl um eine digitale Transformation der hypochondrischen Störung, also der Angst oder überzeugung, an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden, die bisher übersehen wurde. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer 2014 veröffentlichten Untersuchung von Eichenberg und Wolters. Sie deuten darauf hin, dass Menschen mit Hypochondrie gesundheitsbezogene digitale Angebote wesentlich häufiger nutzen als Personen ohne Hypochondrie. Das spricht für einen Zusammenhang zwischen Hypochondrie und verstärkter Nutzung gesundheitsbezogener Internetapplikationen.

Wer ist besonders anfällig für Cyberchondrie?
Personen mit hoher gesundheitsbezogener Vigilanz, einem Bias für negative Gesundheitsthemen, geringer Toleranz für Unsicherheit und Vorliebe für Internetrecherchen sind besonders anfällig für Cyberchondrie.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Eine völlige Internetabstinenz ist ja kaum möglich ...
Wir empfehlen eine psychotherapeutische Behandlung, die auf das Thematisieren und allmähliche Verändern von krankheitsbezogenen überzeugungen fokussiert, so wie es von der Behandlung der Hypochondrie bekannt ist. Es ist sicher nicht sinnvoll, die völlige Abstinenz von internetbasierten Gesundheitsrecherchen anzustreben. Die Patienten sollten dabei unterstützt werden, die Nutzung von gesundheitsbezogenen Internetportalen schrittweise zu reduzieren und einen kontrollierten Umgang mit digitalen Angeboten zu erlernen. Die Therapie wird dabei um Behandlungselemente ergänzt, die sich bei der Psychotherapie anderer internetbezogener Störungen wie zum Beispiel der Online-Computerspielsucht oder der Online-Kaufsucht als hilfreich erwiesen haben.

Verfasser/in:
Redaktion





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