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nä 01/2019
aktualisiert am: 15.01.2019

 

  Digitalisierung

Arztbesuch per App?

Niedersächsischer Digitalgipfel berät über Telemedizin und Datenschutz / Neues Krankheitsbild „Cyberchondrie“


 


Am 1. Dezember 2018 fiel in Niedersachsen der Startschuss. Seitdem können Ärzte ihre Patienten im Einzelfall auch ausschließlich via Bildschirm oder Telefon, per App oder E-Mail behandeln. Welche ethischen, medizinischen und nicht zuletzt rechtlichen Fragen stellen sich bei dieser Lockerung des Fernbehandlungsverbots? Diesem Themenkomplex ging der 2. Niedersächsische Digitalgipfel Gesundheit in Hannover nach, zwei Tage vor Beginn der neuen digitalen Wirklichkeit.

Zum Digitalgipfel, den die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) und die Hochschule Hannover (HsH) zum zweiten Mal an der Expo Plaza ausrichteten, waren 15 hochkarätige Referenten eingeladen worden. Rund 200 Gäste nahmen teil und konnten zum Auftakt den eindrucksvollen Trailer aus der ÄKN-Filmschmiede anschauen, der ÄKN-Präsidentin Dr. med. Martina Wenker veranlasste, ihre Begrüßungsrede zu kürzen. "Lediglich das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung wurde aufgehoben, mehr nicht", dämpfte Wenker zu hohe Erwartungen oder zu große Befürchtungen im Publikum. "Telemedizin ersetzt keine einzige Arztminute."

Hat die neue digitale Zeitrechnung bereits begonnen? Wie sieht inzwischen der Alltag in den Arztpraxen aus? Zum Auftakt des Digitalgipfels berichteten ÄKN-Vizepräsidentin Marion C. Renneberg und Vorstandsmitglied Dr. med. Wolfgang Lensing bei einer Podiumsdiskussion von ihren Erfahrungen mit der Telemedizin. "Ich kann die Hausbesuche in ländlichen Gebieten an eine Praxisassistentin mit ihrem Tablet delegieren - das hilft mir am meisten", sagte Renneberg, die in Ilsede bei Braunschweig als Allgemeinmedizinerin arbeitet. Lensing, der in Hannover als Hautarzt praktiziert, zeigte sich weniger angetan von den neuen Möglichkeiten, mit Patienten zu skypen: "Das analoge Hautkrebsscreeening ist nicht ersetzbar. Per Bildschirm bekomme ich nicht alles zu sehen, und der haptische Eindruck fehlt."

In der von ÄKN-Kommunikationschef Thomas Spieker geleiteten Runde kamen zahlreiche neue Möglichkeiten zur Sprache. So schlug San.-Rat Dr. med. Josef Mischo, Präsident der Saarländischen Ärztekammer und Vorsitzender der BÄK-Berufsordnungsgremien, Onlinesprechstunden von Ärzten im Ruhestand vor: "über die Fernbehandlung kann so ihr reicher Erfahrungsschatz genutzt werden." Sie können damit niedergelassene Kollegen bei ihrer regulären Praxistätigkeit entlasten.

Die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) habe einen deutlichen Mehraufwand für die Arztpraxen mit sich gebracht und zu Verunsicherung bei den Patienten geführt, berichtete ÄKN-Vizepräsidentin Renneberg. Lensing unterstrich sein Misstrauen gegenüber der digitalen Datenflut: "Früher hätte man tonnenweise Papier klauen müssen, um an 100.000 Patientendaten zu kommen, heute reicht es, einen Server zu knacken." Auch im Publikum wurden Befürchtungen dieser Art laut, vor allem mit Blick auf die sogenannte Konnektorlösung zum Datentransfer zwischen Praxen und Kliniken. Für die "intimen Daten" in psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen etwa sei diese Technik ein "Riesenproblem", sagte ein Teilnehmer.

Mit den ethischen Folgen digitaler Anwendungen beschäftigte sich der Keynote-Vortrag von Professor Dr. med. Giovanni Maio, MA phil. von der Universität Freiburg. "Mit der Digitalisierung kommt unweigerlich eine Reduktion der Wirklichkeit, das muss man sehen und berücksichtigen", erklärte der Medizinethiker. Durch Entkontextualisierung, Entsinnlichung, Enträumlichung und Entzeitlichung werde eine neue Wirklichkeit geschaffen. "Mehr Daten sind nicht mehr Wissen", sagte Maio. Alles, was sich nicht in Strukturen oder Zahlen fassen lasse, etwa das sinnlich Wahrnehmbare, gehe verloren.

In der analogen Wirklichkeit zeige sich der gute Arzt darin, dass er auch mit Uneindeutigkeiten gekonnt umzugehen vermag. Nur so werde er dem Einzelfall gerecht. "Um das vielschichtige Gesamtbild sehen zu können, braucht man Erfahrung und Einsicht in die singuläre Situation", erklärte der Medizinethiker. Die digitale Fokussierung aufs Detail, warnte Maio, paart sich mit dem Diffuswerden des Ganzen. Dennoch könne die Digitalisierung dem Arzt eine Hilfe sein, sofern er sich der Begrenztheit des digitalen Blickwinkels bewusst ist. "Am Ende bleibt es eine Technik", unterstrich der Medizinethiker, "die Begegnung mit dem Patienten hingegen hat heilsame Kraft."

Der rein digitale Kontakt mit dem Patienten kann nicht nur medizinisch, sondern auch aus juristischer Sicht problematisch sein. Bei Konsultationen via Bildschirm oder per App drohen haftungsrechtliche Fallstricke, wie Professor Dr. iur. Jan Eichelberger, LL.M. oec. von der Leibniz Universität Hannover erläuterte. Qualitative Einschränkungen und technische Probleme beispielsweise bei der Befunderhebung können zu Behandlungsfehlern führen - für die letztlich der Arzt haftbar sein kann. Dennoch sei die Lockerung des Fernbehandlungsverbots zu begrüßen, sagte der Jurist: "Das Haftungsrecht sorgt dafür, dass es nicht zu einem Absinken der Behandlungsqualität kommt." (siehe dazu Interview auf S. 14)

Vom Online-Akteur zum Online-Opfer: "Stehen Ärzte in Bewertungsportalen am Pranger?" fragte sich der nächste Referent Professor Dr. iur. Fabian Schmieder von der Hochschule Hannover in seinem ebenfalls rechtswissenschaftlichen Vortrag. Grundsätzlich könne sich ein Arzt zwar nicht dagegen wehren, in ein Bewertungsportal aufgenommen zu werden. Gegen unwahre Tatsachenbehauptungen und herabwürdigende, ausschließlich schmähende Meinungsäußerungen sowie unsubstantiierte Bewertungen bestehe allerdings ein Beseitigungs- und Unterlassungsanspruch gegenüber dem Verfasser der Bewertung. Spätestens ab Kenntnis bestehe dieser auch gegenüber dem Betreiber der Plattform - als sogenanntem mittelbaren Störer, wie der Jurist erklärte. "In diesen Fällen kommt man an Jameda und die anderen Portalbetreiber heran, auch wenn es mühsam ist", sagte Schmieder und verwies auf die "Jameda-Urteile" des Bundesgerichtshofs (BGH). In diversen Verfahren vor dem BGH hatte eine Ärztin zuletzt sogar die vollständige Löschung ihres Profils in dem Bewertungsportal erstritten. (siehe dazu Kasten S. 9)

Zu "Reputation und Patientenfeedback im Internet" sowie zu zwei weiteren Themen bot der Digitalgipfel den Teilnehmern kleinere Foren an. "Die überwiegende Zahl der Bewertungen im Internet ist positiv", fasste Professor Dr. med. Uwe Sander von der Hochschule Hannover neuere Forschungsergebnisse zusammen. Mehrere Studien hätten jedoch ergeben, dass Online-Ratings weder bei Krankenhäusern noch bei niedergelassenen Ärzten die Qualität und Leistung richtig widerspiegelten. In den Freitexten könnten Ärzte allerdings die Bedürfnisse der Patienten erkennen, sagte Sander.

Wie sich die Reputation direkt per Internet verbessern lässt, berichtete HsH-Medienexpertin Professorin Dr. phil. Annika Schach anhand eines Beispiels. Sie verwies auf das Klinikum Dortmund, das über Instagram und Facebook ein neues Live-Format aufgelegt hat. In den live gesendeten Sprechstunden werden von Ärzten und Pflegepersonal medizinische Fragen aufgegriffen, etwa zu HIV/Aids, Schilddrüsenkrebs und Impotenz bei Diabetes. "Der Leiter der Diabetesstation bekommt inzwischen Fan-Post", sagte die PR-Expertin. Mit dem neuen "Influencer-Format" habe das Krankenhaus seine Reichweite in der Region entscheidend verbessern können. Vier andere Krankenhäuser sind nach Aussagen Schachs inzwischen dem Beispiel einer kostengünstigen Werbekampagne gefolgt - für die es nur eines Handys und zweier Leuchten bedarf.

Nicht alle Forumsteilnehmer waren von den Facebook- und Instagram-Auftritten angetan. "Die Medizin bekommt immer mehr Showcharakter", kritisierte ein Oberarzt aus Wolfsburg. In den anderen Foren ging es um Fragen zum Arzthaftungsrecht im Rahmen des Fernbehandlungsverbots und um Cyberchondrie, ein neues Krankheitsbild, das "Dr. Google" geschuldet ist (siehe dazu Interview auf S. 16)

Auch Politiker nahmen am Digitalgipfel teil. Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler MdL, erklärte, dass sich in Zukunft das Berufsbild des Arztes verändern wird. "Das betrifft zum einen das Arbeiten in der zunehmend digitalen Welt, aber auch die Kommunikation und den Umgang mit den Patienten", sagte Thümler. "Zwischenmenschliche Interaktion wird eine noch größere Rolle spielen."

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann sagte, die Fernbehandlung ergänze die Präsenzversorgung und habe noch wachsendes Potenzial. "Gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung können telematische Anwendungen erhebliche Möglichkeiten und Chancen bieten, besonders in einem Flächenland wie unserem", betonte die Sozialministerin. Um die Akzeptanz für den Einsatz digitaler Technologien zu erhöhen, sei es wichtig, die relevanten Akteure frühzeitig einzubeziehen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern. Der Niedersächsische Digitalgipfel sei ein wichtiger Beitrag dazu, sagte Reimann: "Ich hoffe auf eine Weiterführung in 2019."

Verfasser/in:
Christine Koch





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Stichwort: Jameda-Urteile


Durch das letzte Urteil des BGH vom 20. Februar 2018 - VI ZR 30/17 - hatte eine Dermatologin schließlich sogar die vollständige Löschung ihres Profils erstritten - nachdem sie zuvor in anderen Verfahren insgesamt 17 negative Bewertungen hatte entfernen lassen. "Diese vollständige Löschung ist allerdings nur dann möglich, wenn der Betreiber des Bewertungsportals seine neutrale Mittlerposition verlassen hat", erklärt Professor Dr. iur. Fabian Schmieder. Jameda hatte bei Ärzten, die lediglich ein kostenloses Basis-Profil hatten, Werbung für Ärzte mit einem kostenpflichtigen Premium-Profil eingeblendet. Damit hatte die Plattform nach Ansicht des BGH ihre Neutralität verloren. Diese Praxis der unterschiedlichen Profile hat Jameda allerdings zwischenzeitlich eingestellt.


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