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aktualisiert am: 15.12.2018

 

  Arzneimittel & Veror

Hautneoplasien durch Hydrochlorothiazid?

ATIS informiert: Pharmakoepidemiologie ist wichtig, kann aber auch verunsichern


 

Anfrage an ATIS
Ein Kollege, Facharzt für Allgemeinmedizin, hat gelesen, dass die Behandlung mit Hydrochlorothiazid (HCT) mit einem erhöhten Risiko für Hautneoplasien einhergehen soll. Der Kollege bittet um klinisch-pharmakologische Bewertung und Stellungnahme.

Antwort von ATIS
In den letzten Jahren wurden mehrere pharmakoepidemiologische Studien insbesondere von einer dänischen Arbeitsgruppe publiziert, die ein erhöhtes Risiko für Neoplasien der Haut bei Patienten beschreiben, die mit Hydrochlorothiazid behandelt wurden (1-4). Für andere Antihypertensiva scheint dieses Risiko nicht zu bestehen, auch nicht für andere Thiazide. Außerdem scheint die Hypertonie selber nicht zu dem erhöhten Risiko beizutragen. Bei kumulativer Einnahme zwischen 50.000 mg (entsprechend 2.000 bis 4.000 Expositionstagen bei den üblichen Dosierungen von 25 oder 12,5 mg/d) und 75.000 mg Hydrochlorothiazid (entsprechend 3.000 bis 6.000 Expositionstagen bei den üblichen Dosierungen) berichten die Autoren über folgende Risikosteigerungen:
- Plattenepithelzellkarzinom der Lippe (odds ratio 5,8; klare Dosis-Wirkungsbeziehung)
- Plattenepithelkarzinom ohne Lokalisation an der Lippe (odds ratio 2,08; klare Dosis-Wirkungsbeziehung)
- Basalzellkarzinom (odds ratio 1,13; klare Dosis-Wirkungsbeziehung)
- malignes Melanom (odds ratio 1,22; keine klare Dosis-Wirkungsbeziehung)
- Merkelzell-Karzinom (odds ratio 2,3; klare Dosis-Wirkungsbeziehung)
- maligne Tumoren von Talgdrüsen, Schweißdrüsen, Haarfollikel (odds ratio 3,6; klare Dosis-Wirkungsbeziehung)

Bei größerer Exposition stieg das Risiko außer für das maligne Melanom entsprechend an, allerdings bei deutlich abnehmenden Fallzahlen. Das Risiko für Plattenepithelzellkarzinome der Lippe war bereits bei einer kumulativen Dosis von 25.000 bis 50.000 mg verdoppelt.

Bei retrospektiven Assoziationsstudien wie diesen bleiben viele Fragen offen. So kann zwangsläufig nicht für Einflussfaktoren kontrolliert werden, die in den Behandlungsdatenbanken fehlen. Im Fall der hier diskutierten möglichen Häufung verschiedener Hautneoplasien fehlt die sehr wichtige Information über die individuelle UV-Licht-Exposition der analysierten Patienten. Unklar ist auch der Pathomechanismus, da Photosensibilisierung als Eigenschaft aller Thiaziddiuretika beschrieben wurde. Insgesamt kann kein abschließendes Urteil gefällt werden, was auch die Autoren so sehen, die nicht dazu raten, die Verordnung von Hydrochlorothiazid zu stoppen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA beobachtet und analysiert dieses Risikosignal seit Januar 2018. Am 17. Oktober 2018 ist ein Rote-Hand-Brief erschienen, der allerdings nur das Risiko für Basalzell- und Plattenepithelkarzinome aufgreift (5):
- Patienten sollten über das Risiko informiert und ihre Haut regelmäßig auf neue Hautveränderungen untersucht werden. Veränderungen an bestehenden Läsionen sollen beobachtet werden, verdächtige Hautveränderungen sollten, ggf. auch histologisch, untersucht und gemeldet werden. Diese Empfehlung können wir nachvollziehen.
- Patienten sollten die Exposition gegenüber Sonnenlicht und UV-Strahlen einschränken und einen angemessenen Schutz verwenden, wenn sie Sonnenlicht und UV-Strahlen ausgesetzt sind. Wir halten diese Empfehlung angesichts der Verordnungszahlen für Hydrochlorothiazid für alltagsfern.
- Bei Patienten, die bereits an entsprechenden Hautneoplasien erkrankt waren, soll der Einsatz von HCT sorgfältig abgewogen werden. Diese Empfehlung können wir nicht nachvollziehen - diese Patienten sollten kein Hydrochlorothiazid mehr einnehmen.

Zusammenfassung und Empfehlung

Derzeit halten wir die Verordnung von Hydrochlorothiazid grundsätzlich für vertretbar. Bei Patienten mit gesteigertem Risiko (Eigen- und Familienanamnese, ausgeprägte UV-Licht-Exposition zum Beispiel aus beruflichen Gründen) wird das Umsetzen auf ein anderes Thiaziddiuretikum wie Chlortalidon oder Indapamid empfohlen. Für die Hypertoniebehandlung liegen für Chlortalidon ohnehin die besten Daten vor.


Verfasser/in:
Prof. Dr. med. Stefan Engeli



PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Literatur

1. Pottegård A, Pedersen SA, Schmidt SAJ, Hölmich LR, Friis S, Gaist D. Association of hydrochlorothiazide use and risk of malignant melanoma. JAMA Intern Med (2018) 178: 1120-1122
2. Arnspang S, Gaist D, Johannesdottir Schmidt SA, Hölmich LR, Friis S, Pottegård A. Hydrochlorothiazide use and risk of non-melanoma skin cancer: A nationwide case-control study from Denmark. J Am Acad Dermatol (2018) 78:673-581
3. Pedersen SA, Johannesdottir Schmidt SA, Hölmich LR, Friis S, Pottegård A, Gaist D. Hydrochlorothiazide use and risk of Merkel cell carcinoma and malignant adnexal skin tumors: A nationwide case-control study. J Am Acad Dermatol (2018) S0190-9622(18)32135-2
4. Pottegård A, Hallas J, Olesen M, Svendsen MT, Habel LA, Friedman GD, Friis S. Hydrochlorothiazide use is strongly associated with risk of lip cancer. J Intern Med (2017) 282: 322-331
5. https://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/RHB/Archiv/2018/20181017.pdf

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Alle Anfragen zur Arzneimitteltherapie können auf folgendem Wege an ATIS gestellt werden: Vorzugsweise per Fax: 0511 380-4617. Telefon: 0511 380-3222. Postanschrift: KV Niedersachsen, z.H. Frau Dr. Friederike Laidig, Berliner Allee 22, 30175 Hannover. Die ATIS-Homepage mit elektronischem Anfrageformular ist im KVN-Mitgliederportal unter Verordnungen > Arzneimittel > Arzneimittelservice > ATIS zu finden. Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.


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