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nä 12/2018
aktualisiert am: 15.12.2018

 

  Patientensicherheit

Mehr interprofessionelle Synergien nutzen

5. Deutscher Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie stellt interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Medizinern, Apotheken und Pflege in den Fokus


 



Abb. 1


Abb. 2


 

Der Begriff Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) landet bei einer Internet-Suchanfrage mehr als 67.000 Treffer. Dies verdeutlicht die öffentliche Präsenz des Themas. Auch mit dem Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit für Deutschland wurden bereits vor 10 Jahren zahlreiche Ziele gesetzlich verankert. Trotzdem ist AMTS noch nicht ausreichend als Qualitätsmerkmal bei der Patientenbehandlung wiederzufinden. Im Grußwort machte der Kongresspräsident Professor Dr. med. Daniel Grandt, Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, entsprechenden Handlungsbedarf deutlich.

Demensprechend bot das Programm des 5. Deutschen Kongresses für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie neben einer Bestandsaufnahme ein breites Beitragsspektrum an Handlungsfeldern zur Reduktion von vermeidbaren Risiken der Arzneitherapie. Ungefähr 300 Teilnehmer verschiedener Berufsgruppen folgten der Einladung.

Im Zentrum der Aktivitäten steht der bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP), der die zentrale gesetzliche Maßnahme des nationalen Aktionsplans darstellt. Die Akzeptanz bei Patienten für den Einsatz des BMP ist hoch, das belegen die BMG-geförderten MetropolMediplan-Projekte, die auch die Praktikabilität des BMP für Patienten und Anwender untersuchen. Es wird deutlich, dass die Datenqualität im BMP unter Alltagsbedingungen eindeutige qualitative und quantitative Differenzen aufweist. Bei zunehmender Fortschreibung und besonders, wenn Apothekerinnen und Apotheker und Ärztinnen und Ärzte gemeinsam fortschrieben, konnte eine Erhöhung der Informationsqualität erreicht werden.

In der Diskussion wird deutlich, dass der Aufwand für die Einführung und das Nachhalten des BMP für alle Beteiligten groß ist. Zuverlässigkeit wird auch vom Patienten gefordert: Angabe von "Over-the-Counter"-Präparaten (OCT) und das bei sich tragen des aktuellen BMP in Papierform sind Grundvoraussetzungen. Besonders bei chronisch Kranken, die häufig und unterschiedliche (Fach-) Ärzte im Behandlungsprozess konsultieren, ist eine eindeutige Verantwortungszuordnung für die fortlaufende Aktualisierung auf einen Hauptbehandler genauso essenziell wie das Funktionieren von interoperablen Schnittstellen für die elektronische Version (eBMP) zum Beispiel auf der Gesundheitskarte (eGK). Die gesetzliche Forderung an die Softwarehersteller, diese für den heterogenen ambulanten Sektor bereitzustellen, ist seit 2017 festgeschrieben. Für große Diskussion sorgt die Sinnhaftigkeit der geplanten dezentralen Datenspeicherung, die möglicherweise das Ziel jederzeit und aktuell auf vollständige Daten zugreifen zu können, ad Absurdum führen könnte. Für Krankenhäuser scheint die Beteiligung am eBMP zunächst noch eine Vision zu bleiben, obwohl sich 2/3 der Krankenhausärzte die Integration des BMP in Ihr Krankenhausinformationssystem (KISS) wünschen.

Mit fast 80 Beiträgen bei sieben themenbezogenen Postersessions wurde die Vielfalt der Aktivitäten für AMTS an unterschiedlichen Einrichtungen und Settings in Deutschland deutlich. Vorgestellt wurde u.a. von der Fakultät Public Health der Universität Bremen ein Projekt zur Risikovermeidung durch Verbesserung der Kommunikation zwischen Apothekern und Ärzten bei potenziell schweren Arzneimittelinteraktionen. Ziel dieses Projekts ist es, eine niederschwellige und kurzfristig nutzbare Rückfragemöglichkeit zwischen Apotheken und Ärzten in solchen Fällen zu testen. Diese wurde in Form einer Faxvorlage zur Verfügung gestellt. Insgesamt haben sich 23 Apotheken aus Bremen und dem niedersächsischen Umland an dem Projekt, das zwischen November 2013 und 2016 lief beteiligt. In 69,4 Prozent der an die verordnenden Ärzte versandten Faxe, hatte die Empfehlung der Apotheke Bestand: Es wurde auf ein alternatives Präparat umgestellt, die Medikation vorläufig oder dauerhaft abgesetzt, eine engmaschige überwachung angeordnet oder andere Therapieoptionen gewählt (siehe Abbildung 1). Dieses Projekt zeigt, dass mithilfe einer einfachen Faxvorlage eine Verbesserung der interdisziplinären Kommunikation und der AMTS erreicht werden kann.

Interprofessionelle Medikationsanalyse ist die Basis


Ein im Rahmen des Kongresses veröffentlichtes Konsensuspapier stellt den Idealprozess für eine effiziente interprofessionelle Zusammenarbeit bei Medikationsanalyse und Medikationsmanagement dar. Dieses wurde durch eine Arbeitsgruppe aus Ärzten, Apothekern und Pflegenden im Rahmen des Aktionsplans AMTS im März 2018 sowohl für die ambulante und stationäre Versorgung wie auch für die Betreuung in Pflegeheimen erarbeitet. Ziel ist ein auf allen Ebenen qualitätsgesichertes Medikationsmanagement unter Ausnutzung der Synergien, die sich aus der Kooperation ergeben.

Ein wichtiger patientensicherheitsrelevanter Brennpunkt ist AMTS in Alten- und Pflegeheimen. Hierbei spielen Kofaktoren wie Polymedikation, Demenz, Pflegenotstand und die Informationsproblematik an Schnittstellen eine entscheidende Rolle. Diesem Thema widmet sich ein innovationsfondgefördertes Projekt aus Niedersachsen. Dr. med. Olaf Krause vom Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover stellte die Studie "HIOPP-3-iTBX - Angemessene und sichere Medikation für Heimbewohner/innen mit Hilfe einer interprofessionellen Toolbox (AMTS-Toolbox)" vor. HIOPP steht dabei für "Hausärztliche Initiative zur Optimierung der Patientensicherheit bei Polypharmazie". Zielsetzung ist es, eine effizientere AMTS durch Optimierung des Medikationsprozesses durch verbesserte berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit sowie eine Sensibilisierung für potentiell inadäquate Medikation und Neuroleptika zu erreichen. Die Studie wird in Form einer Cluster-randomisierten Interventionsstudie durchgeführt. Die interprofessionelle Intervention umfasst die systematische überprüfung der Medikation der Heimbewohner durch einen Apotheker (Medikationsreview), sowie die überprüfung und eventuelle Umsetzung durch den Hausarzt (Änderung der Verordnung). Ebenfalls dazu gehören eine Toolbox und eine sogenannte Change Management Begleitung, um die Zusammenarbeit der beteiligten Professionen zu erleichtern. Erste Ergebnisse sind 2019 zu erwarten. Insgesamt werden 32 Heime und 760 Heimbewohner an den Studienstandorten Hannover, Rostock, Düsseldorf und Tübingen einbezogen. Es werden Daten wie Medikation, Stürze oder Krankenhauseinweisungen in den Interventions- und Kontrollheimen verglichen (siehe Abbildung 2).

In einer eigenen Session für die AMTS-betreffenden Anknüpfungspunkte von Leitlinien wird deutlich, dass AMTS abhängig vom Fachgebiet unterschiedlich stark in den Leitlinien verankert ist. Allerdings gibt es keine Daten darüber, wie gut die Durchdringung der Leitlinienkenntnisse bis an die breite Basis wirklich ist. Ebenfalls große Alltagsrelevanz haben das perioperative Management von direkten oralen Antikoagulation (DOAK) und auch die patientensicherheitsrelevanten Probleme bei Lieferengpässen.

Der Kongress hat gezeigt wie groß der Bedarf nach Lösungen für mehr AMTS in allen Sektoren, Apotheken und an deren übergang ist. Ebenso eindrucksvoll ist das Spektrum der Aktivitäten und Projekte. Ein Schlüssel kann eine patientenorientiertere Kooperation von Ärzten und Apothekern und die Einbeziehung der Pflege in den Prozess sein.


Verfasser/in:
Dr. med. Anouk Siggelkow
ZQ


Lena Strodtmann, M.A.
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Literatur

1. MetropolMediplan-Projekte: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/gesundheit/details.html?bmg%5Bpubid%5D=3126
2. Pulst, A./Justus, I./Schiemann, G. (2018): Kommunikation zwischen Apothekern und Ärzten bei potenziell schweren Arzneimittelinteraktionen, Stuttgart
3. HIOPP-3-Projekt:
https://www.mh-hannover.de/36841.html


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