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nä 12/2018
aktualisiert am: 15.12.2018

 

  Politik

Sachverständigenrat Gesundheit

Steuern nach dem Bedarf


 


Wie soll es weitergehen im Gesundheitswesen? Wie können die erheblichen, dennoch begrenzten Mittel, die in Deutschland für das hohe Gut "Gesundheit" aufgebracht werden, so eingesetzt werden, dass das Wohl der Patienten beziehungsweise der Versicherten bedarfsgerecht und in hoher Qualität erreicht wird? Die aktuelle Antwort des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) auf diese Frage ist 784 Seiten lang. Um die Erkenntnisse und Empfehlungen in die Fläche zu tragen und zu diskutieren, veranstaltet der Rat Regionalkonferenzen. Nach Frankfurt kam nun Hamburg - es folgen noch Halle und Düsseldorf.

Für die Regionalkonferenz Nord waren am 29. Oktober 2018 die norddeutschen Gesundheitsminister und rund 300 Fachleute aus Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen ins Hamburger Rathaus gekommen. Die gastgebende Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks begrüßte sie in der "guten Stube", dem Festsaal.

Während auf dem Lande wohl die drohende oder bereits bestehende Unterversorgung mit medizinischen Leistungen das drängendste Problem sei, "könnte man in Hamburg mit der bundesweit höchsten Arztdichte und 50 Kliniken ja meinen, man wäre im Schlaraffenland", vermutete Hamburgs Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz. Dem sei aber nicht so. "Denn auch wir haben Probleme, beispielsweise mit der hohen Inanspruchnahme der Notaufnahmen der Krankenhäuser von Patienten, die auch ambulant versorgt werden könnten oder dem deutlichen Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage - wobei die Arztdichte gerade dort besonders gering ist, wo die Erkrankungsquote eher hoch ist." Auch seien die Grenzen zwischen den Sektoren "sehr stabil", so die Senatorin. Für sie gehe es deshalb um Kommunikation, Kooperation und Koordination - um etwa eine Versorgung, aber auch eine Bedarfsplanung über die Sektorengrenzen hinweg zu schaffen.

Was aber empfehlen die Sachverständigen? Professor Dr. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Rats und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main, sprach in seiner Zusammenfassung von einer nach wie vor parallel bestehenden Unter-, über- und Fehlversorgung: Während der ländliche Raum sich leere und dort Unterversorgung drohe, läge in den Städten eher die Gefahr der überversorgung vor. Gerlach sagte: "Ich freue mich über das große Interesse, das unser aktuelles Gutachten in Gesundheitspolitik, Selbstverwaltung und Wissenschaft findet. Dem Rat war wichtig, das Thema bedarfsgerechte Steuerung in seiner ganzen Breite anzugehen - von der Selbststeuerung besser informierter Patienten bis hin zu einer koordinierten Vernetzung der Versorgungsstrukturen." Bei der Steuerung der Patienten ginge es auch um mehr Gesundheitskompetenz, aber auch um einen primärversorgenden Hausarzt, der eine Art koordinierender Lotsenfunktion wahrnehmen solle.

SVR-Mitglied Professor Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) präsentierte Ansätze zur Verbesserung der Betriebskostenfinanzierung von Krankenhäusern. Deutschland läge - gemeinsam mit österreich - bei den Fallzahlen im Vergleich aller OECD-Länder auf Platz 1 und habe damit den Rückgang der Verweildauern kompensiert. "Seit 2007 ist die Zahl der ´Kurzlieger´ von bis zu drei Tagen um über 43 Prozent gestiegen". Viele dieser Patienten könnten sicher auch ambulant behandelt werden. Prüfer-Storcks gab dafür ein Beispiel: "In Deutschland werden dafür sechs Prozent der Leistenbrüche ambulant operiert, woanders 96 Prozent."

Schreyögg äußerte sich auch zum DRG-System: Das habe einerseits große Verdienste, beinhalte aber inzwischen fast 1.300 Fallpauschalen, von denen die Hälfte Prozeduren beschrieben, "das macht es komplex und unübersichtlich". Außerdem würden bestimmte Versorgungsstrukturen nicht ausreichend berücksichtig: So müssten beispielsweise Kliniken im ländlichen Raum und auch Universitätskliniken bestimmte Leistungen vorhalten, ohne dass diese immer ausgelastet seien. Die Landesbasisfallwerte würden zudem die regionalen Kostenunterschiede nicht genügend abbilden. Der Sachverständige plädierte außerdem für eine Sicherung der Indikationsqualität, beispielsweise durch Zweitmeinungsverfahren bei Wirbelsäulenoperationen sowie für eine einheitliche Vergütung von ambulanten Operationen im Krankenhaus und in der Praxis.

Professor Eberhard Wille, stellvertretender Vorsitzender des SVR, sprach darüber, wie die Gesundheitsversorgung an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung verbessert werden kann. Er empfahl einen stärker sektorenübergreifenden Ansatz sowohl bei der Planung als auch bei der Erbringung von Gesundheitsleistungen. Hierfür präsentierte er unterschiedlich weitreichende Lösungen und konkrete Vorschläge, wie die Regelungen zur integrierten Versorgung entbürokratisiert werden könnten. Deutschland hinke dem internationalen Trend der Ambulantisierung deutlich hinterher.

Senatorin Prüfer-Storcks begrüßte die Empfehlungen des Sachverständigenrats. Sie seien eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems: "Insbesondere die Vorschläge zur stärkeren Vernetzung der ambulanten und stationären Versorgung und zur bedarfsgerechten Ausgestaltung der Notfallversorgung liefern uns wichtige Impulse für die weitere Debatte". Sie plädierte dafür, bei der Bedarfsplanung die ambulante fachärztliche und die stationäre Versorgung gemeinsam in den Blick zu nehmen, um flexibler entscheiden zu können, ob Behandlungen ambulant erbracht werden können oder einen Krankenhausaufenthalt erfordern. Die Länder seien bereit, bei der Planung mehr Verantwortung zu übernehmen.

Niedersachsens Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Carola Reimann, berichtete davon, dass es manchmal auch die Not sei, die Dinge ermögliche: "Wir erproben in Niedersachsen zur Zeit in drei Gesundheitsregionen sektorenübergreifende Versorgung". Die Politik müsse langfristig den regulatorischen Rahmen schaffen, um erfolgreiche Modelle in die Regelversorgung überführen zu können.

Unter http://www.svr-gesundheit.de lässt sich das Gutachten, aber auch eine Kurzfassung nachlesen.


Verfasser/in:
Sandra Wilsdorf
Ärztekammer Hamburg




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