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aktualisiert am: 15.11.2018

 

  Praxis & Versorgung

Geteiltes Leid hilft besser

Viele Verbesserungen für die Gruppenpsychotherapie wurden in den letzen Jahren umgesetzt. Doch immer noch gibt es wenig Gruppentherapien. Warum eigentlich?


 


Gruppenpsychotherapie ist ein effektives Mittel zur Minderung der Versorgungsengpässe psychisch Kranker. Daneben ist sie aber auch ein Weg zur besseren Vergütung. In Niedersachen gibt es 1.262 Psychotherapeuten mit einer Zweitabrechnungsgenehmigung für Gruppenpsychotherapie. Trotzdem führen nur 129 Behandler diese Therapieform durch. Welche Gründe hat das?

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) gelten Gruppenpsychotherapien als besonders förderungswürdige Leistungen. Sie werden mit einem Zuschlag von ungefähr zehn Euro pro Patient und Gruppe gefördert. Dazu kommt, dass die Gruppenpsychotherapie auch im EBM deutlich höher bewertet ist als die Einzeltherapie. So kann man z.B. mit einer VT-Gruppe mit vier Patienten in 100 Minuten 300,04 Euro (plus die Zuschläge) verdienen. Gleichzeitig kosten Gruppentherapien weniger Minuten im Minutenbudget für halbe Sitze. Je mehr Teilnehmer pro Gruppe, desto lukrativer ist die psychotherapeutische Behandlung.

EBM GruppeHonorar je PatientHonorar je GruppePrüfzeit (Min-budget)
355433555389,07267,21114
355443555475,01300,04120
355453555566,70333,50125
355463555661,05366,30132
355473555757,00399,00133
355483555854,02432,16144
355493555951,67465,03144

Tab. 1: Vergleich Gruppentherapie - Einzeltherapie am Beispiel Verhaltenstherapie

Ein größeres Angebot an Gruppenpsychotherapie verbessert die Versorgung quantitativ und qualitativ. Im Hinblick auf die Verpflichtung zur Sprechstunde bei immer noch sehr knappen Therapieplätzen sind viele Patienten dankbar für die Möglichkeit, an einer Gruppenpsychotherapie teilzunehmen. Aus unseren Erfahrungen zeigen sich keine Einbußen in der Qualität der Therapie. Im Gegenteil kann die Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie sogar einen Zugewinn für den therapeutischen Prozess bedeuten.

Warum also bieten bislang so wenige Therapeuten Gruppentherapien an? Mehrere Ursachen sind denkbar.

Organisation zeitintensiv: Die Zusammenstellung, Beantragung, Terminierung und Durchführung einer Gruppe ist sicherlich zeit- und arbeitsintensiver als die einer Einzeltherapie. Dies gilt zumindest für die ersten Gruppen, die der Thera­peut anbietet. Nach einiger Zeit entwickelt er jedoch eine Routine und wird sicherer. Die zusätzliche Arbeit wird finanziell gut belohnt. Auch hier lohnt sich der langfristige Blick, um Aufwand und Nutzen abzuwägen. Es lohnt sich, eine Bürokraft u.a. für Terminabsprachen und Organisation zu beschäftigen. Bei der Zusammenstellung der Patienten muss nicht zwingend nach Diagnosen sortiert werden. Eine Therapiegruppe zum Stressmanagement oder Selbstwert kann z. B. für viele Patienten auch unabhängig vom Stand der Therapie hilfreich sein. Es empfiehlt sich, mit den Patienten erst einmal nur einen Termin für den Start der Gruppe zu vereinbaren und erst dann die Terminierung weiterer Gruppentermine vorzunehmen.

Keine geeigneten Räumlichkeiten: Therapeuten mit kleinen Behandlungsräumen haben es schwerer und es gibt sicher auch Räumlichkeiten, die eine Gruppenpsychotherapie nicht erlauben. Dagegen kann eine Kooperation mit Kollegen helfen. Gerade wenn eine Kombinationsbehandlung durch zwei Therapeuten stattfindet, können auch Räumlichkeiten entsprechend aufgeteilt werden. Mit stapelbaren oder klappbaren Stühlen und etwas Goodwill lassen sich zumindest Gruppen mit drei bis vier Teilnehmern arrangieren. Erfahrungsgemäß sind die Patienten oft wenig anspruchsvoll und rücken im Idealfall "etwas enger zusammen". Hilft das alles nichts, bleibt das Anmieten externer Räumlichkeiten, was sich durch die hohe Vergütung trotzdem lohnen kann.

Schlechte Erfahrung mit Gruppen in Kliniken bei Patienten und Therapeuten: Gruppen im stationären und ambulanten Setting sind nicht zu vergleichen. Die Patienten in den Kliniken werden oft wahllos zusammengewürfelt. Es handelt sich dabei meist um offene Gruppen mit großer Fluktuation und großen Teilnehmerzahlen. Die Patienten sind meist schwer belastet, sodass das Zuhören als Mitpatient oft als belastend erlebt wird. Manche Behandler haben möglicherweise deshalb schlechte Erfahrungen gemacht, weil sie als Psychotherapeuten in Ausbildung, ohne entsprechende Ausbildung, Supervision und Erfahrung und ohne klares Therapiekonzept mit dieser Aufgabe konfrontiert wurden. Im ambulanten Setting sind Gruppen oft kleiner, passender zusammengestellt, sehr konstant, mit weniger belastenden Patienten, die gut mitarbeiten und sich gegenseitig stützen. Und auch die Gruppenpsychotherapeuten sind inzwischen erfahrener und sicherer, sonst hätten sie die Zweitabrechnungsgenehmigung durch ihre KV gar nicht erhalten.

Unsicherheit bei inhaltlicher Ausgestaltung: Besonders bei Verhaltenstherapeuten ist die Meinung verbreitet, man müsse sich erst einmal ein gruppentherapeutisches Manual aneignen, bevor man eine Gruppe beginnen kann. Natürlich können Gruppen manualisiert (z.B. ein GSK nach Hinsch & Pfingsten) durchgeführt werden. Dies ist jedoch keineswegs ein Muss. Auch offener gehaltene Problemlösegruppen sind zielführend für die Patienten. Vielleicht ist es hilfreich, mit einem Therapiethema zu starten, das Sie immer wieder in der Einzeltherapie bearbeiten und in dem Sie geübt sind (z.B. ABC-Modell, Achtsamkeit, Psychoedukation Angst, etc.). Letztendlich ist es auch eine Frage des eigenen Anspruchs, mit dem man an die erste Gruppentherapie nach längerer Zeit herangeht.

Fehlende übung: Psychotherapeuten mit einer Zweitabrechnungsgenehmigung für Gruppenpsychotherapie haben alle bereits praktische Erfahrungen in Gruppen gesammelt. Oftmals sind seitdem aber einige Jahre ohne Gruppenerfahrung vergangen. Es kann sein, dass sie den Eindruck haben, völlig aus der übung gekommen zu sein. Es geht aber auch hier darum, realistische Ansprüche an sich zu haben getreu dem Motto "übung macht den Meister". Also: Erstmal klein anfangen, Ansprüche runterschrauben und sich erlauben, Erfahrungen und Routine zu sammeln. Es gibt es auch die Möglichkeit, für einige Sitzungen in laufenden Gruppenpsychotherapien als Co-Therapeut wieder Therapieerfahrung zu sammeln. Außerdem werden hierfür auch Einzel- oder Gruppen-Supervisionen angeboten.

Den richtigen Startzeitpunkt nicht gefunden: Von vielen Kollegen höre ich immer wieder, dass sie eigentlich schon längst mit einer Gruppe begonnen haben wollten, aber es dann doch wieder unterlassen hätten. Bei der Fülle an anderen Themen wie Telematik-Infrastruktur, Datenschutz, PT-Richtlinie, usw. verwundert das kaum. Auch sind sicherlich die oben genannten Punkte ein wichtiger Grund, warum der Start einer ersten Gruppenpsychotherapie immer wieder verschoben wurde. Als Empfehlung gilt hier dasselbe wie für Patienten: sich kleine, realistische, terminorientierte Ziele setzen, ein Thema für die Gruppe festlegen, vier Patienten dafür finden, einen ersten gemeinsamen Termin finden, usw. Möglicherweise kann auch das von der KVN angebotene Seminar "Gruppentherapie leicht gemacht" helfen, die erste Hürde zu nehmen.

Durch die Änderungen der PT-Richtline ist die organisatorische Umsetzung der Kombinationstherapie (Einzel- und Gruppenpsychotherapie kombiniert) sehr viel einfacher geworden. Auch eine Kombinationstherapie durch verschiedene Therapeuten ist möglich, wenn auch mit etwas höherem organisatorischem Aufwand. Hierbei müssen beide Therapeuten einen PTV 2 ausfüllen (und ggf. einen Teil des Antrags an den Gutachter). Für die Patienten und Therapeuten ist die Kombinationsbehandlung oft doppelt bereichernd: Sowohl die neue Erfahrung in der Gruppe als auch neue Eindrücke und Ideen des zweiten Therapeuten werden von vielen Patienten als sehr hilfreich beschrieben. Aus therapeutischer Sicht spricht nichts dagegen, es einmal damit zu versuchen.

Verfasser/in:
Dr. Nils Köthke





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