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nä 11/2018
aktualisiert am: 15.11.2018

 

  Praxis & Versorgung

Für alles offen

Christian Rebernik, CEO und Gründer von „Vivy“, spricht über Leistung, Sicherheitsansprüche und Zielsetzung seiner elektronischen Gesundheitsakte, die die DAK seit Kurzem ihren Patienten anbietet


 


Herr Rebernik, welchen Funktionsumfang bietet Vivy? Was wird darauf gespeichert?
Rebernik: Vivy verfügt sowohl bei der Dokumentation als auch bei den Assistenzfunktionen über ein breites Funktionsspektrum. Es gibt u.a. Notfalldaten, einen Medikationsplan und ein Impfverzeichnis. Ärzte und Zahnärzte können Labordaten, Ultraschallbilder und Röntgenbilder zur Verfügung stellen. Es gibt Erinnerungsfunktionen für Medikamente und Vorsorgeuntersuchungen. Die Lösung verfügt außerdem über einen Gesundheits-Check, der Ernährung, Aktivität und geistige Leistungsfähigkeit einbezieht. Zudem können Nutzer über diverse Schnittstellen verschiedene Geräte wie Fitnesstracker mit Vivy verbinden. Durch diesen Plattformgedanken entsteht eine ganzheitliche Gesundheitslösung ein Gesundheitsökosystem, die der Nutzer nach und nach individuell auf seine Bedürfnisse anpassen kann.

Wer speichert denn die Daten über welche Zugriffswege und Schnittstellen?
Rebernik: Es gibt unterschiedliche Wege, um medizinische Dokumente in der App zu speichern. Der User kann die Dokumente abfotografieren oder einscannen und manuell in seine Akte laden. Außerdem kann er Dokumente bei seinen behandelnden Ärzten anfordern. Die Bereitstellung erfolgt dabei entweder über einen Upload-Link, den der Arzt von Vivy per E-Mail erhält, oder über einen temporär gültigen Link, den der User in der App generiert und dem Arzt vor Ort in der Praxis übergibt. Zukünftig wird es außerdem möglich sein, dass Ärzte medizinische Dokumente direkt mit ihren Patienten teilen können. Alle Dokumente sind nur für den Nutzer einsehbar. Er alleine entscheidet auch darüber, welche Dokumente er mit welchem Arzt teilen möchte.

Die in Vivy gesammelten Dokumente können dem behandelnden Arzt zur Verfügung gestellt werden, indem sie in der App angewählt werden. Die App generiert darauf einen Link sowie einen vierstelligen Code, über den der Arzt in seinem Browser Zugriff auf das Dokument erhält.

Auf Seiten der Ärzte und Zahnärzte ist es unser Ziel, dass jede Praxis in Deutschland unabhängig von der Einrichtung und unabhängig von der genutzten Software Dokumente zur Verfügung stellen kann. Dies geschieht über einen sicheren Web-Upload. Darüber hinaus wird es mittelfristig Integrationen in die IT-Systeme von Praxen und Kliniken geben. Wir kooperieren zum Beispiel mit den Sana-Kliniken und mit dem Krankenhaus-IT-Dienstleister März AG. Ab Anfang 2019 wird der Praxissoftware-Anbieter medatixx eine Schnittstelle zu Vivy in seine Software für Ärzte integriert haben.

Und wie kommen Patienten und Ärze im Bedarfsfall an die Daten?
Rebernik: Die vertraulichen Patienteninformationen werden nur zur Ansicht auf dem Smartphone eines Nutzers geöffnet, gespeichert sind die Daten auf zertifizierten Servern in Deutschland.

Jedes Vivy-Nutzerkonto wird durch eine sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung doppelt vor unbefugtem Zugriff geschützt: Neben dem persönlichen Passwort muss das Smartphone gekoppelt sein. Diese Koppelung erfolgt per SMS. Dieser Verifizierungsprozess sorgt dafür, dass die Identität des Nutzers weder von jemand anderem vorgetäuscht noch gestohlen werden kann. So können wir sicherstellen, dass niemand auf die sensiblen Daten zugreifen kann. Außerdem raten wir jedem Nutzer dazu, ein Back-Up des privaten Schlüssels zu machen und dies an einem sicheren Ort aufzubewahren. Denn: Geht das Smartphone verloren und der Nutzer hat kein Back-Up, sind auch die Daten weg. Weder wir noch die Kassen können sie wiederherstellen.

Bevor über Vivy z. B. Dokumente von Ärzten angefordert werden können, muss die Identität des Nutzers über ein zweistufiges Identifikations-Verfahren (Know Your Customer) festgestellt werden. Hierzu wird eine Kopie des Lichtbildausweises mit einem Video des Nutzers abgeglichen, um einwandfrei sicher zu stellen, dass niemand unter falschem Namen Anfragen stellen und sensible Daten bekommen kann. Für dieses Identifikations-Verfahren wird nur speziell geschultes Personal eingesetzt.

Die asymmetrische Ende-zu-Ende Verschlüsselung ist eine anerkannte Methode zur sicheren Datenübertragung, bei der nur der Empfänger die Daten lesen kann. Das ist möglich, da nur der Empfänger über ein Paar kryptographischer Schlüssel verfügt. Es gibt einen öffentlichen Schlüssel zum verschlüsseln und einen privaten Schlüssel zum entschlüsseln von Dateien. Der Absender verschlüsselt die Nachricht mit einem öffentlichen Schlüssel des Empfängers - das kann der Arzt oder ein anderer Nutzer sein. Der Empfänger kann die Nachricht dann mit seinem privaten Schlüssel auf seinem Endgerät entschlüsseln. Der private Schlüssel bleibt ausschließlich beim Nutzer. Dadurch wird zusätzlich sichergestellt, dass nur der Nutzer die Daten lesen kann.

Wo bleiben denn die Daten am Ende? Wie wird die Datensicherheit gewährleistet?

Rebernik: Wir haben uns bewusst für die Cloud-Lösung entschieden, um sicherzustellen, dass Ärzte und Patienten zu jeder Zeit auf die Daten zugreifen können und das von überall auf der Welt. Alle Daten werden in Rechenzentren in Deutschland gespeichert, die nach ISO 27001 und ISO 9001 zertifiziert sind. Vivy erfüllt außerdem die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) veröffentlichten Sicherheitsmaßnahmen BSI 200-1 und BSI 200-2 bezüglich Cloud Computing (C5), um sich vor Cyber-Angriffen zu schützen.

Außerdem bestätigt der TüV Rheinland, dass Vivy die Anforderungen hinsichtlich Integrität, Authentizität und Vertraulichkeit von sensiblen Daten erfüllt und führt regelmäßige überprüfungen durch.

"Vivy" wird aktuell nur von der DAK und einigen kleineren Akteuren am Markt eingesetzt. Ist es sinnvoll, mit solchen "Insellösungen" aufzutreten?
Rebernik: Vivy ist eben keine Insellösung, sondern bislang die einzig wirklich offene Lösung in diesem Bereich. Wir sind ein unabhängiger und systemübergreifender Anbieter einer kundenzentrierten Gesundheitsakte. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen gesetzlichen Krankenkassen und privaten Versicherern steht Vivy potentiell 25 Millionen Nutzern zur Verfügung.

Vivy ist eine offene Plattform, an die sich Drittanbieter andocken können und die sich in andere Systeme, wie z.B. KV Telematik und die Gematik, integrieren lässt. So wird die Interoperabilität gewährleistet und eine Insellösung vermieden - und es ergeben sich für Nutzer keine Konfliktpunkte, wenn sie die Kasse wechseln möchten.

Dennoch - zersplittert sich dadurch nicht die ganze IT-Landschaft, obwohl wir bundesweit einheitliche, standardisierte Systeme benötigen?

Hier kommt der Staat bzw. die Selbstverwaltung ins Spiel. Die Gematik als Organisation der Selbstverwaltung hat ja den Auftrag, eine elektronische Patientenakte zu spezifizieren. Darüber lassen sich Standards etablieren, die dann dazu führen, dass die Kommunikation zwischen Praxis-IT und Patientenakten einheitlich läuft und dass der Versicherte bei einem Anbieterwechsel seine Daten mitnehmen kann. Es macht aber keinen Sinn, darauf zu warten. Wir wollen, dass Ärzte und Versicherte elektronische Akten heute schon nutzen können, und wir sammeln damit auch Erfahrungen, von denen die Gematik profitiert.

Eine der Ideen hinter Vivy ist zudem, dass keine zusätzlichen Endgeräte mehr benötigt werden. Während Patienten einfach ihr Smartphone nutzen, können Ärzte, Krankenhäuser, Labore und andere Leistungserbringer Daten über eine Schnittstelle direkt aus ihren Praxissystemen einpflegen und abrufen. Wenn das nicht möglich ist, bieten wir verschiedene Alternativen an, die keine Extrakosten verursachen. Dadurch können auch kleinere Praxen, die nicht über die neueste IT verfügen, ihren Patienten einen zeitgemäßen Service bieten.

Welche Vorteile versprechen Sie sich davon, wenn Patienten auf ihre Befunde und Röntgenbilder schauen können? Können die verstehen und interpretieren, was sie da sehen?

Rebernik: Wir nutzen Technologie und Daten, um ein tieferes Verständnis für die eigene Gesundheit zu schaffen und unsere Nutzer dazu zu befähigen, das eigene Wohlergehen aktiv und bewusst zu gestalten. Basierend auf Gesundheits- und Lifestyle-Daten eröffnet die App einen ganzheitlichen Blick auf die eigene Gesundheit, unterstützt bei der Interpretation und gibt Anleitung für einen gesünderen Lebensstil. Dabei unterstützt ein digitaler Gesundheitsassistent, der den Nutzer mit einem System von Gesundheitsdiensten und -anwendungen verbindet. Vivy gibt dem Nutzer ein nie dagewesenes Maß an Einblick in und Kontrolle über seine Gesundheit und hilft, besser informierte Entscheidungen zu treffen.


Wie geht es weiter?

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn gibt auch dazu Auskunft: Die Krankenkassen sollen dazu verpflichtet werden, ihren Versicherten spätestens ab dem Jahr 2021 eine elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung zu stellen, die von der Gesellschaft für Telematik (gematik) zugelassen worden ist. über deren Finanzierung verhandelt die KBV bereits mit dem GKV-Spitzenverband. Vor diesem Hintergrund haben die derzeit von Krankenkassen angebotenen Gesundheitsakten eher übergangs- und Experimentalcharakter. Mittlerweile melden sich auch Krankenkassenvertreter wie TK-Chef Jens Baas mit der Forderung, eine einheitliche Akte für alle Versicherten zu schaffen. Und der Dt. Ärztetag hatte im Mai 2018 den Gesetzgeber aufgefordert, "Wildwuchs und Insellösungen zu unterbinden".




Die Gretchenfrage - wer bezahlt was?


Das Bereitstellen von Kopien oder elektronischen Ausdrucken von Arztbriefen, Befunden oder Labordaten ist keine Leistung der vertragsärztlichen Versorgung. Darauf hat KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel kürzlich hingewiesen. Eine Abrechnung und Vergütung über den EBM sei daher nicht möglich. Kriedels Empfehlung: Ärzte sollten sich bei den Kosten für Kopien und Ausdrucke am Gerichtskostengesetz orientieren. Danach seien 50 Cent je Dokument angemessen.

Unsicherheit herrscht auch bei der Frage, wer anfallende Kosten für die Integration von Gesundheitsakten in die Praxisverwaltungssysteme tragen müssen. Es gebe, so Kriedel, derzeit keine gesetzliche Vorgabe oder Vereinbarung, nach der die Krankenkassen diese Kosten übernehmen müssten.

Patientenakte? Gesundheitsakte? - Was denn nun?


In der täglichen Diskussion werden beide Begriffe immer wieder miteinander verwechselt und oft auch synonym verwendet. Dabei bezeichnen sie ganz unterschiedliche Ansätze und sind klar definiert. Die Patientenakte wird von einem Arzt geführt. Der Bürger kann nicht allein darauf zugreifen. Die Daten sind gewissermaßen Eigentum des dokumentierenden Arztes. Dagegen fungiert die Gesundheitsakte als eine Art Sammelstelle für die verteilt bei Leistungserbringern und Patienten anfallenden klinischen und gesundheitsbezogenen Daten. Hier ist der Patient alleiniger Eigentümer seiner Daten. "Vivy" wäre also korrekterweise als "Gesundheitsakte" zu bezeichnen. Doch aufgepasst: Der aktuelle Gesetzentwurf von Jens Spahn fordert von den Krankenkassen, ab dem Jahr 2021 ihren Versicherten eine "elektronische Patientenakte" zur Verfügung zu stellen. Das wäre dann aber die Funktion, die derzeit die "Gesundheitsakten" haben.



Verfasser/in:

KVN



DAK




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Kommentar: Cui bono?

Leistung, Sicherheitsansprüche und Zielsetzung - das soll "Vivy" also können. Nicht nur Vivy übrigens. Auch die AOK und die TK sind ja mit ähnlichen Lösungen am Markt. Bei "Vivy" haben sich unlängst Experten zu Wort gemeldet, die bei der Gesundheitsakte gravierende Sicherheitsmängel entdeckt haben wollen. Ganz so ausgereift scheint das Konzept noch nicht zu sein.

Aber wo liegt eigentlich der Benefit? Ärzte, ja auch die "kleineren Praxen, die nicht über die neueste IT verfügen", sollen ihren Patienten damit "einen zeitgemäßen Service" bieten. Das könnte vorteilhaft sein. Wer kennt sie nicht, die Situation: "Herr/Frau Doktor, ich habe jetzt mal alles mitgebracht, was Sie interessieren könnte". Mit solchen einleitenden, aber nicht einladenden Worten werden Schuhkartons mit Leporellos alter Impfausweise, mehrfach unsachgemäß geknickten Röntgenbildern, unvollständigen Arztbriefen längst vergangener Tage, Packungsschnipsel abgelaufener Medikamentenschachteln, handschriftliche Blutdruckprotokolle, schlecht leserliche Abschriften tatsächlicher oder vermeintlicher Unverträglichkeiten und Allergien und vieles mehr auf dem Schreibtisch des Arztes entleert. Und jetzt kommt die Aussicht, für "potentiell 25 Millionen Nutzer" dieses Chaos elektronisch aufzuarbeiten und in Zukunft mit jedem Arzt zu jeder Zeit an jedem Ort zu teilen. Als "offene Plattform", aber natürlich völlig datensicher. Welcher Arzt, welche Ärztin wird denn da nicht begeistert Hurra schreien?

Doch Vorsicht! Fehlende Backups bei VIVY und angebliche Nichtwiederherstellbarkeit durch den Anbieter bei Verlust des Smartphones können schnell zum Totalverlust der Patientendaten führen. Und an komplette Datensicherheit glaube ich längst nicht mehr. Erinnert sei nur an erfolgreiche Hackerangriffen auf empfindliche Datenbanken in Englands Krankenhäusern.

Was aber sollte uns Ärzte veranlassen, für unsere Patienten Ordnung ins medizinische Sammelsurium zu bringen? Das ist keine Aufgabe für eine vertragsärztliche Leistung der Ärzte. Die Praxen haben für ihren Alltag auch keinen wirklichen Nutzen davon. über den EBM sind diese Leistungen nicht abrechenbar. Vor allem aber benötigen die Praxen und Krankenhäuser für den zeitgemäßen Umgang mit medizinischen Daten ihrer Patienten schnelle elektronische Kommunikationswege. Ein Aberwitz, dass wir "Leistungserbringer" noch immer das sicherheitsanfällige Fax als schnellstes Kommunikationsmittel untereinander bevorzugen.

Mein Tipp: Nun können wir auch noch bis 2021 warten und auf das Ergebnis des gerade getroffenen Kompromisses zwischen GKV-SpiBU, KBV und Gematik vertrauen, eine verbindliche elektronische Patientenakte (ePa) zur Verfügung zu stellen. Ganz im Sinne des Dt.Ärztetages 2018: kein Wildwuchs und keine Insellösung. Aber natürlich: Es gibt genug Ärztinnen und Ärzte unter uns, die von jeher unseren Patienten bei vielen Dingen behilflich sind, die gar nicht zu unseren Aufgaben gehören. Die werden ihnen auch dabei helfen, ihren Schuhkarton digital zu ordnen.

Jörg Berling


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