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nä 11/2018
aktualisiert am: 15.11.2018

 

  Inklusion

Barrierefrei zum Arzt der Wahl

Niedersachsen treibt Inklusion voran – und drückt stärker aufs Tempo als andere Bundesländer/ Menschen mit Behinderungen maßgeblich beteiligt


 


Inklusion - die vollständige Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben - ist ein Kernpunkt aktueller Sozialpolitik. Menschen mit Behinderungen sollen in allen Lebensbereichen mit Menschen ohne Behinderungen selbstbestimmt zusammenleben können. In Niedersachsen soll ein "Aktionsplan Inklusion" dafür sorgen, dass dieses Ziel nicht nur beschrieben, sondern auch erreicht wird. Gerade im Gesundheitswesen besteht noch großer Verbesserungsbedarf. Die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Petra Wontorra, nennt einen für sie zentralen Punkt: "Wichtig ist, dass wir das Recht auf freie Arztwahl für alle auch in der Praxis umsetzen."

Mit seinem Aktionsplan Inklusion steht Niedersachsen nicht allein da. Jedes Bundesland hat Maßnahmenpakete beschlossen. Eine Vorreiterrolle für Niedersachsen liegt allerdings darin, dass sich das Land ein höheres Tempo vorgenommen hat als andere. "Wir haben als einzige einen Zwei-Jahres-Plan, und damit einen kurzen Zeitraum für die Umsetzung", erklärt die Behindertenbeauftragte. "Unser Aktionsplan kann nicht in der Schublade verschwinden, weil dauernd nachgefragt wird, wie weit wir sind."

Insgesamt 211 einzelne Maßnahmen enthält der erste Aktionsplan, von denen auf Feldern wie Arbeit, Bildung und Kultur bereits ein Großteil realisiert wurde. An Schulen werden Schüler mit Beeinträchtigungen besser durch den Alltag begleitet. Im Justizministerium wurden schwer verständliche Texte in leichte Sprache übersetzt. Für Theatervorstellungen werden immer häufiger Gebärdendolmetscher engagiert.

Wichtig sei aber nicht allein die Quantität, sondern auch die Qualität der Maßnahmen, betont die Behindertenbeauftrage. Im Gesundheitswesen gehe es nicht nur um Details, sondern auch um eine grundlegende Neuausrichtung in der Ausbildung des Personals. Wontorra verweist als Beispiel auf die noch anstehende Novellierung der Prüfungsverordnung in der Alten-und Krankenpflege. "Das hat sehr viel mehr Auswirkungen, als wenn irgendwo eine einzelne Rampe gebaut wird."

über die Umsetzung wacht der Landesbeirat für Menschen mit Behinderungen in einem Begleitgremium. "Wir mahnen auch und sagen, das reicht uns nicht an Maßnahmen"; sagt Wontorra, die Vorsitzende des Beirats ist. Dem Landesbeirat gehören neben den kommunalen Spitzenverbänden und anderen Institutionen vor allem Vertreter der Selbsthilfeverbände an. Sie haben mit elf von 21 Mitgliedern die Mehrheit in dem Gremium. Während die Vertreter der Kommunen und anderer Institutionen nicht immer dieselben Ziele verfolgen, haben sich die Menschen mit Behinderungen im Landesbeirat grundsätzliche Nachhaltigkeitsziele auf die Fahnen geschrieben, erklärt Wontorra: "Wir wollen gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern - oder in leichter Sprache: Alle Menschen sollen gesund und glücklich sein."

Der Aktionsplan 17/18 wird im kommenden Jahr fortgeschrieben - und dabei maßgeblich von den Betroffenen selbst mit Inhalten gefüllt. In der Entwurfsphase jedes Plans werden mehrere Hundert Vorschläge an das Sozialministerium gesammelt, die dann über weitere Instanzen in der Landesregierung, je nach Umsetzbarkeit, ausgewählt und in eine Planungsstruktur übernommen werden. Der Landesbeirat ist anschließend in dem Begleitgremium an der Umsetzung des Aktionsplans beteiligt.

In der unmittelbaren Zukunft soll das Augenmerk nach Ansicht der Vertretungen der Menschen mit Behinderungen vor allem auch auf den Gesundheits- und Pflegesektor gerichtet werden. "Das Recht auf freie Arztwahl ist kein Gefallen, den wir Menschen mit Behinderungen tun, sondern es ist ein Recht", betont die Landesbeauftragte. De facto verhinderten verschiedene Barrieren in den Arztpraxen, dass sich Menschen mit Behinderungen den Arzt frei aussuchen können, berichtet Wontorra. So fehlen nach Ansicht der Menschen mit Beeinträchtigungen beispielsweise in der gynäkologischen Versorgung Lifter und unterfahrbare Liegen zum Entkleiden sowie höhenverstellbare Untersuchungsstühle.

Wichtig seien nicht allein physikalische Barrieren. Noch immer werde unterschätzt, welche Bedeutung für Menschen mit Behinderungen auch die sogenannten "soft skills" der Beschäftigten im Gesundheitswesen hätten. Für manche Patienten müsse man Wartezeiten reduzieren, für andere brauche man besondere Formen der Verständigung. Barrierefreiheit beim Arztbesuch, sagt Wontorra, könne sich auch an Stellen entscheiden, an die oft wenig gedacht werde: "Kann sich der Arzt in leichter Sprache ausdrücken, damit ihn sein Patient versteht?"

Nach einer gesetzlichen Neuregelung in 2015 sollen Medizinische Zentren für Erwachsene Menschen mit Behinderungen (MZEB) die ambulante Versorgung verbessern. Auch in Niedersachsen entstehen nach und nach einige Einrichtungen (s. S. ... bis ...), die die bisherige Versorgungslücke schließen sollen, die beim Eintritt von mehrfach und geistig behinderten Menschen ins Erwachsenenleben entsteht. Die MZEB funktionieren angelehnt an die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ), die bis zum 18. Lebensjahr die Behandlung leisten. Alle Facharztrichtungen seien zwar noch nicht dabei, merkt Wontorra an, die nach eigenen Angaben immer die Schwachstellen finden muss. "Aber die Einrichtung von MZEB ist ein Erfolg."

Im folgenden werden exemplarisch ausgewählte Einrichtungen zum Thema Inklusion in Niedersachsen vorgestellt.

Verfasser/in:
Christine Koch





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