Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 11/2018
aktualisiert am: 15.11.2018

 

  Klinik und Praxis

Schon wieder eine starke Grippewelle!

Surveillance akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE-Surveillance) und Influenza-Impfeffektivität


 



Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


 

Influenza

Die drei starken Influenzasaisons in den vorhergehenden Jahren wurden von der Saison 2017 / 2018 noch übertroffen. Neben den Influenzameldungen nach Infektionsschutzgesetz (17.748 laborbestätigte Influenzafälle, Vorjahr 5113) und den registrierten Influenza-Todesfällen (104, Vorjahr 35) erreichten auch die in den Kindertagesstätten (Kitas) ermittelten ARE-bedingten Krankenstände absolute Spitzenwerte (Abb. 1).

Eine hohe Infektionsrate mit einem Virus hinterlässt in der Regel eine hohe variantenspezifische Bevölkerungsimmunität, sodass jede Saison von anderen Influenza-Subtypen und Varianten dominiert wird. Betrachtet man die in den jeweiligen Saisons zirkulierenden Influenza-Subtypen (Abb. 2) fällt auf, dass in der Saison 2017 / 2018 Influenza B der Yamagata-Linie sehr häufig auftrat. Dies war zuletzt in der ebenfalls sehr starken Grippesaison 2012 / 2013 der Fall. Der in der vorhergehenden Saison 2016 / 2017 vorherrschende Subtyp Influenza A(H3N2) wurde in der Saison 2017 / 2018 nur sehr vereinzelt nachgewiesen. Häufiger trat Influenza A(H1N1)pdm09 auf. Dieser Subtyp zirkulierte erstmalig in der Saison 2009 / 2010 (Pandemie) und verdrängte die bis dahin zirkulierende Variante A(H1N1)präpandemisch. Auch dieser Subtyp (A(H1N1)pdm09) kam in der vorhergehenden Saison 2016 / 2017 kaum vor.

Influenza-Impfeffektivität


Mit den Daten der virologischen Surveillance kann die Impfeffektivität der aktuellen Influenzaimpfstoffe geschätzt werden. Dabei werden in einer sogenannten Test-negativen Fall-Kontroll-Studie laborbestätigte Influenza-Fälle mit Influenza-negativen ARE-Patienten verglichen (ECDC Protocol). Die Berechnungen der Impfeffektivität erfolgen gemeinsam mit dem Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt, wo eine methodisch äquivalente ARE-Surveillance etabliert ist. In der Saison 2017 / 18 konnte für den quadrivalenten Impfstoff erwartungsgemäß eine gute Schutzwirkung gegen Influenza B-Infektionen ermittelt werden. Hier lag die geschätzte Impfeffektivität bei signifikanten 75 % (95%-Konfidenzintervall 22% - 92%). Für den trivalenten Impfstoff ergab sich aus den Daten eine schwach signifikante Impfeffektivität von 42% (4% - 64%) . Diese (wenn auch geringe) Wirksamkeit der trivalenten Impfstoffe könnte durch eine Kreuzreaktivität durch die Impfung gegen Influenza-B-Viren der Victoria-Linie verursacht sein. Außerdem kann durch frühere Influenzaerkrankungen oder Impfungen gegen die Yamagata-Linie eine geringfügige Basisimmunität vorhanden sein. Tabelle 1 gibt einen überblick zur Gesamt-Impfeffektivität der in den letzten Jahren verwendeten Impfstoffe gegen Influenza bei Kindern von 2 - 17 Jahren in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Weitere Ergebnisse zu einzelnen Influenzavirus-Subtypen und verschiedenen Impfstoffen können den Veröffentlichungen entnommen werden.1, 2, 3, 4, 5####

In Abhängigkeit von der jeweiligen Saison und damit vom vorherrschenden Influenzavirus-Subtyp und dessen übereinstimmung mit dem entsprechenden Impfstamm variierte die Influenza-Impfeffektivität in den letzten Jahren von niedrig über moderat zu gut. Eine hohe Impfeffektivität, wie sie bei anderen impräventablen Krankheiten erreicht wird, ist bei Influenza nicht zu beobachten. Das liegt daran, dass Influenzaviren sich kontinuierlich verändern und auch während einer Influenzawelle Varianten hervorbringen können, die von den aktuellen Impfstämmen abweichen. Die allgemein noch nicht zufriedenstellende Influenza-Impfeffektivität verdeutlicht die Bedeutung der Neu- und Weiterentwicklung von Influenzaimpfstoffen. Trotzdem ist die Impfung eine wichtige Präventionsmaßnahme. Mit guten Impfquoten können viele Erkrankungen verhindert und die Transmissionsraten in der Bevölkerung reduziert werden. Außerdem ist davon auszugehen, dass geimpfte Personen, sofern sie erkranken, einen schwächeren Krankheitsverlauf aufweisen6.


Da die in der Saison 2017 / 2018 zirkulierenden Varianten von Influenza A/H1N1 sowie Influenza B der Yamagata-Linie eine gute übereinstimmung mit den für diese Saison verwendeten Impfstämmen gezeigt hatten, wurde die Impfstoffempfehlung für die Saison 2018 / 2019 in dieser Hinsicht nicht verändert. Demgegenüber wurden die Komponenten von Influenza A/H3N2 sowie von Influenza B (Victoria-Linie) ausgetauscht.
Für die Saison 2018 / 2019 wurden als Impfstoffkomponenten folgende Virusstämme von der WHO empfohlen:
1 ein A/Michigan/45/2015 (H1N1) pdm09 - like Stamm,
2 ein A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016 - like Stamm,
3 ein B/Colorado/06/2017 - like Stamm (Victoria-Linie)
4 ein B/Phuket/3073/2013 - like Stamm (Yamagata-Linie) für quadrivalente Impfstoffe

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch Institut empfiehlt seit Januar 2018 ausdrücklich den Einsatz von quadrivalentem Influenzaimpfstoff (vorher keine Spezifizierung des einzusetzenden Impfstoffs)8.

Andere Viren in der ARE-Surveillance


In der in dieser Form seit 13 Jahren am Niedersächsischen Landesgesundheitsamt durchgeführten ARE-Surveillance werden Rachenabstrichproben von Personen mit ARE-Symptomatik, überwiegend aus Kinderarztpraxen, aber auch von Allgemeinärzten und Krankenhäusern nicht nur auf Influenzaviren sondern auch auf Adeno-, Metapneumo-, Picorna- und Respiratory Syncytial-Viren (RS-Viren) getestet.

Während Influenza-Viren, RS-Viren und Metapneumoviren fast ausschließlich in den Wintermonaten auftreten, werden Picornaviren vermehrt in den Sommermonaten nachgewiesen. Adenoviren zeigen kaum saisonale Schwankungen. Auffällig war in der letzten Saison die langandauernde Periode, in der RS-Viren mit einer Nachweisrate von 10% zirkulierten. Diese reichte von der 51. Kalenderwoche (KW) 2017 bis zur 18. KW 2018 und umfasste 20 Wochen (im Vergleich Saison 2016 / 2017: 15 Wochen, Saison 2015 / 2016: 3 Wochen, Saison 2014 / 2015: 7 Wochen). Die in den beiden vergangenen Wintersaisons vermehrte Zirkulation von RS-Viren dürfte zu den Extremwerten bei den ARE-Krankenständen mit beigetragen haben. Abbildung 3 gibt einen überblick über die Verteilung der in den Wintermonaten zirkulierenden Viren der letzten Jahre. Es zeigt sich, dass bei 50% - 70% der mit ARE-Symptomatik erkrankten Personen mindestens eines der in der ARE-Surveillance getesteten Viren nachgewiesen wurde. Berücksichtigt man, dass ein Virusnachweis nicht bei jedem Virusinfekt gelingt und dass in der ARE-Surveillance nicht auf alle viralen Erreger getestet wird, verdeutlichen diese Daten, dass bakterielle Infekte bei einer ARE-Symptomatik nur eine untergeordnete Rolle spielen.


Danksagung


Der besondere Dank gilt allen Beteiligten, die durch ihre engagierte Mitarbeit die ARE-Surveillance ermöglichen: den teilnehmenden Kitas, den Gesundheitsämtern der Landkreise und kreisfreien Städte sowie den teilnehmenden Arztpraxen, Krankenhäusern und betriebsmedizinischen Abteilungen.

Verfasser/in:
Dr. med. Armin Baillot
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover

Dr. med. Dagmar Ziehm, MPH
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover
dagmar.ziehm@nlga.niedersachsen.de
Dr. rer. nat. Carina Helmeke
Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt, Große Steinernetischstraße 4, 39104 Magdeburg




inhalt 11/ 18
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



1 Ergebnisse zur Effektivität der Influenza-Impfstoffe bei Kindern in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen 2017/18, https://verbraucherschutz.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MS/LAV_Verbraucherschutz/hygiene/influenza/Effektivitaet_der_Influenzaimpfstoffe_2017-18.pdf, download 2.11.2018

2 C. Helmeke, A. Möhl, L. Gräfe1, D. Ziehm, A. Baillot, H.-M. Irmscher, J. Dreesman: Wirksamkeit des tetravalenten Lebendimpfstoffes und inaktivierter Influenzaimpfstoffe gegen eine laborbestätigte Influenza A bei Kindern und Jugendlichen, 2015/16 und 2016/17. 5. Nationale Impfkonferenz 2017

3 A. Möhl1, L. Gräfe, C. Helmeke, D. Ziehm, M. Monazahian, H.-M. Irmscher, J. Dreesman: Estimating vaccine effectiveness against laboratory-confirmed influenza among children and adolescents in Lower Saxony and Saxony-Anhalt, 2012-2016. Epidemiol Infect. 2018 Jan;146(1):78-88

4 E. Kissling et al.: 2015/16 I-Move/I-Move multicentre case-control study in Europe: Moderate vaccine effectiveness estimates against influenza A(H1N1)pdm09 and low estimates against lineage-mismatched influenza B among children. Influenza Other Respir Viruses. 2018 Jul; 12(4): 423-437.

5 Belongia EA, Simpson MD, King JP, Sundaram ME, Kelley NS, Osterholm MT, McLean HQ. Variable influenza vaccine effectiveness by subtype: a systematic review and meta-analysis of test-negative design studies. Lancet Infect Dis. 2016 Aug; 16(8):942-51. Epub 2016 Apr 6.

6 Nichol KL1, Nordin JD, Nelson DB, Mullooly JP, Hak E.: Effectiveness of influenza vaccine in the community-dwelling elderly. N Engl J Med. 2007 Oct 4;357(14):1373-81.

7 2016-2018: Berechnungen aus eigenen Daten, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen

8 RKI: EpiBull 2/2018



Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2018. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.11.2018.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung