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nä 08/2018
aktualisiert am: 15.08.2018

 

  Fachsprachprüfung

Fachsprachprüfung für ausländische Ärzte – ein persönlicher Erfahrungsbericht


 

Patienten beklagen oft, ihr Arzt höre nicht zu und verständlich ausdrücken könne er sich auch nicht. Wo schon die Verständigung mit den einheimischen Medizinern so schwierig ist, wie soll das erst mit den ausländischen Kollegen klappen? Um sicherzustellen, dass in der ärztlichen Versorgung keine Behandlungsfehler aufgrund sprachlicher Defizite von migrierten Ärzten entstehen, wurde die Fachsprachprüfung etabliert. In Niedersachsen führt die Ärztekammer die Fachsprachprüfungen für den zuständigen Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung (NiZzA) im Sinne einer Gutachtenerstellung durch.

Die Anforderungen an die Prüflinge sind hoch. Erst in der Prüfung erfahren die ausländischen Ärzte, aus welchem Fachgebiet der fiktive Fall entstammt, an welcher Krankheit ihr fiktiver Patient leidet und welche Vorgeschichte er hat. Die medizinischen Fachkenntnisse sind nicht prüfungsrelevant, sondern werden - je nach Herkunftsland - gegebenenfalls gesondert durch die sogenannte Kenntnisprüfung bestätigt. Dennoch muss das Fachvokabular der betreffenden Krankheit auch in der Fachsprachprüfung spontan auf C1-Niveau verfügbar sein. So erwarten wir, dass auch ein seit 30 Jahren in der Unfallchirurgie versierter Kollege den umfassenden Symptomschilderungen eines psychiatrischen Patienten lückenlos folgen kann und ein Augenarzt seinem Patienten die Vor- und Nachteile einer laparoskopischen gegenüber einer offen durchgeführten Operation - sprachlich verstanden - darlegen kann.

Geprüft werden nicht nur medizinische Fachbegriffe und patientengerechte Umgangssprache, sondern auch schwer anzueignende Fertigkeiten wie Sprachverständnis und der flexible Wechsel zwischen Umgangs- und Fachsprache. Daher sind viele Prüfungskandidaten und mitunter auch deutsche Kollegen und Chefärzte überrascht, weshalb manche Ärzte unsere Prüfungen bestehen und andere nicht: Eine dänische Hausärztin etwa, die seit der Grundschulzeit Deutsch sprach, beeindruckte mit exzellentem Small Talk und patientenzentrierter Umgangssprache. Doch in der schriftlichen Zusammenfassung der Anamnese offenbarte sich, dass sie ihre Patientin in wesentlichen Teilen nicht verstanden hatte, auch wenn sie im Arzt-Patienten-Gespräch diesen Eindruck erweckt hatte. Sie bestand die Prüfung nicht, da zu viele Missverständnisse auftraten.

Eine libanesische Kardiologin hingegen zeigte bereits im Einleitungsteil deutliche Grammatik- und Aussprachefehler. Sie hatte ihr Medizinstudium in der Ukraine auf Englisch absolviert und griff während des Gesprächs gelegentlich auf erlernte Anglizismen zurück. Doch ihr Sprachverständnis war hervorragend und trotz einzelner eigenwilliger Formulierungen ("Ungesundeligkeit" als Ausdruck für ungesunde Verhaltensweisen) war die Sprachvermittlung souverän. Sie bestand die Prüfung.

Wir werten ausschließlich die Deutschkenntnisse der Kandidaten, nicht die medizinische Expertise. Ein Gespräch über einen komplexen Sachverhalt gelingt besser auf vertrautem Terrain. Falls ein Prüfling mit einem gänzlich fachfremden Fall nicht zurechtkommt, ist ein Einbeziehen eines anderen Fachgebiets zuweilen sinnvoll, um sprachliche und medizinische Aspekte zu differenzieren. Manchmal jedoch kommen schlicht unterschiedliche medizinische Realitäten dazwischen: Eine in der bolivianischen Provinz tätige Hausärztin konnte den Patienten in exzellentem Deutsch sämtliche Facetten von durch Giardia lamblia verursachte Durchfallerkrankungen aufklären, wechselte aber abrupt in gebrochenes Deutsch, als die Gicht des Patienten zur Sprache kam, die in ihrem bisherigen Arbeitsalltag schlicht keine Rolle gespielt hatte. Wir wechselten in ein nephrologisches Fachgebiet, in dem sie wieder mit versierten Sprachkenntnissen überzeugte und damit bestand.

Fehlende ärztliche Erfahrung ist nicht unbedingt von Nachteil. Einige Prüflinge kommen frisch von der Uni, ohne einen Tag Berufserfahrung, aber mit fast akzentfreiem Deutsch. Das Alter, in dem eine Sprache erworben wird, scheint eine wesentliche Rolle zu spielen: Je jünger der Prüfling, desto leichter meistert er oft die fremde Sprache.

In den meisten Fällen ist der Spracherwerb auf C1-Niveau ein lernintensives und mühsames Unterfangen. Eine mehrmonatige Hospitation in einem Krankenhaus oder einer Praxis ist eine sehr gute Basis, um die Prüfung zu bestehen - vorausgesetzt, die Hospitanten fristen dort kein Dasein als "Hakenhalter". Auch ein Patientenkommunikationskurs ist hilfreich. Immer wieder verblüffen uns aber auch Sprachgenies, die nur mithilfe einer Sprach-App, Online-Kursen oder gar ausschließlich durch Lesen die deutsche Sprache erlernt haben.

In der Prüfung zeigen sich die Kandidaten in der Regel hochmotiviert und sehr höflich. Gelegentlich kommt es vor, dass Prüflinge die Anforderungen an die Fachsprachprüfung unterschätzen, etwa weil sie die medizinische Sprache für internatio­nal und universell verständlich halten. Andere Kandidaten scheu­en sich in der Prüfung, bei Unklarheiten nachzufragen. Dies kann zu Fehlern führen, die leicht vermeidbar wären: Die erwähnte dänische Hausärztin hakte bei ihrer Patientin, die nach der Trennung von ihrem Ehemann mit einem neuen Partner zusammenlebte, nicht nach und jubelte ihr neun Partner unter.

Was nicht jedem bewusst ist: Ausländische Ärzte nehmen oft einen steinigen Weg auf sich, um in Deutschland arbeiten zu können. Bis es zu einer Fachsprachprüfung kommt, müssen Behördengänge gemacht, Erfahrungen - zum Beispiel während Hospitationen - gesammelt und gegebenenfalls auch die Sprachkenntnisse verbessert werden. Zudem besteht für die Prüflinge ein hoher Leistungsdruck: Eine nicht bestandene Fachsprachprüfung stellt für manchen Kandidaten einen gravierenden Einschnitt dar, wie zum Beispiel das Auslaufen des Visums.

Von "Gebührmüttern" und "Schüttelfrust"


Bei allem gebotenen Ernst wollen wir eines nicht verschweigen: Viele Prüfungskandidaten inspirieren uns mit ihrer Beharrlichkeit und der (zuweilen nicht ganz unbeschwerten) Liebe zur deutschen Sprache. Auch wenn es dabei nicht immer sprachlich korrekt zugeht.

Ein Anästhesist aus Paraguay etwa attestierte seinem orthopnoeischen Patienten eine romantische Ader: "Er braucht vor dem Zubettgehen viele Küssen." Dabei hatte der Patient um mehrere Kissen gebeten. Ein ukrainischer Urologe erhob den Uterus einer Zwillingsgebärenden prompt zur "Gebührmutter".

In unseren Prüfungsräumen wurden ganze Beine erbrochen, Gehirne verschüttet, erkaltete Patienten ausgehorcht und beschaut, Ober- und Unterschlingel abgetastet und neuartige Krankheiten behandelt: die Hoditis und der Huttenkrebs des Mannes, eine mysteriöse Polenallergie sowie die bakteriälisische Erkrankung. Schnurchende Ehepartner wurden trotz Schüttelfrust kurzerhand aus Schlafzimmern verbannt. Auch verirrte sich einst ein Patient mit trockenen Tussis (Husten ohne Auswurf) in unsere Räumlichkeiten. Eine infauste Prognose wurde als eine Erkrankung der Hohlhand umgedeutet. Auf den Hinweis "Die Beschwerden haben zugenommen" nickte ein mazedonischer Neurologe interessiert: "Aha, wie viel Kilo?" Einem ghanaischen Radiologen mangelte es nicht an ärztlicher Zuwendung: "Haben Sie bitte keine Angst vor der Blutabnahme. Ich werde zärtlich sein."

Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt fiel dreimal in Folge bei uns durch. Der Chefarzt, bei dem dieser hospitierte, wollte ihn unbedingt einstellen. Also nahm sich der Chef dreimal pro Woche eine halbe Stunde Zeit und übte mit ihm das kollegiale Gespräch. Innerhalb eines Monats machte der HNO-Arzt rasante Fortschritte. Als er beim vierten Anlauf bestand, weinte er vor Freude.

Mit ausreichender Unterstützung können viele dieser hochmotivierten und oft auf Facharztniveau qualifizierten Kolleginnen und Kollegen eine erhebliche Bereicherung des deutschen Gesundheitssystems darstellen. Prüfungen alleine reichen nicht. Hierfür ist jedoch ein Umdenken erforderlich. Gegenwärtig fehlt im vom Ärztemangel geprägten Klinikalltag vor allem eins: Zeit für eine umfassende Einarbeitung der neuen Kollegen. Denn: Wen soll der neue Arzt fragen, wenn er nicht weiter weiß, wenn außer ihm niemand da ist?

Verfasser/in:
Dr. med. Katharina Dierßen
Fachsprachprüferin


Dr. med. Tina Nietzschmann
Fachsprachprüferin




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