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nä 06/2018
aktualisiert am: 15.06.2018

 

  Arzneimittel & Veror

Interaktion Flecainid - Psychopharmaka

Dosisabhängiges Risiko einer QT-Zeit-Verlängerung


 

Anfrage an ATIS
Frau Dr. T., Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, betreut eine 40-jährige Patientin mit paranoider halluzinatorischer Psychose und generalisierter Angststörung. Die langjährige Rezidivprophylaxe mit Amisulprid wurde wegen Kinderwunsch und Prolaktinerhöhung auf Quetiapin umgestellt, das nicht gut vertragen wurde. Gabapentin führte zu ausgeprägter Sedierung. Aktuelle Bedarfsmedikation bei Panik­attacken ist Lorazepam. Bei ektoper atrialer Tachykardie wurde vom Kardiologen eine Therapie mit Flecainid initiiert. Die Kollegin fragt, welche psychiatrische Medikation zusammen mit Flecainid möglich wäre. Indikationsgerecht käme z.B. Aripiprazol in Frage; wegen seiner angstlösenden Wirkung könnte alternativ auch Pregabalin gegeben werden. Momentan steht der Kinderwunsch nicht im Vordergrund.

Antwort von ATIS
Pregabalin bzw. Aripiprazol sind unter den in Frage kommenden Wirkstoffen die beste Option, da sie in therapeutischer Dosierung seltener QT-Zeit-Verlängerungen und Arrhythmien bewirken (1-5). Bei Kombination mit Flecainid ist eine unspezifische additive Verlängerung des QT-Intervalls möglich. Eine Kontraindikation für die Kombination von Flecainid mit Pregabalin oder Aripiprazol liegt nicht vor.

Empfehlung

Zunächst sollte eine Therapie mit Pregabalin erwogen werden. Bei mangelnder klinischer Wirksamkeit könnte die Umstellung auf Aripiprazol erfolgen. Wir empfehlen die Dokumentation der sorgfältigen Therapieplanung, einschließlich Nutzen-Risiko-Abwägung und Aufklärung der Patientin. Dieses ATIS-Konsil ist Teil der Dokumentation. Unbedingt sollte auch die Expertise des behandelnden Kardiologen eingeholt werden. Eine weitere Voraussetzung ist die Sicherstellung eines adäquaten Therapiemonitorings, insbesondere der EKG-Kontrollen vor und während der Therapie.

Kommentar

Die Einschätzung des Risikos bei Kombination von QT-Zeit-verlängernden Medikamenten ist Gegenstand häufiger Anfragen an ATIS. Eine aktuelle übersichtsarbeit zeigt, dass nicht die Anzahl der zu kombinierenden Medikamente, sondern deren QT-Zeit-verlängernde Potenz und Dosis entscheidend sind (6). Von dieser Grundlage ausgehend wird das fallspezifische Risiko durch etwaig vorliegende patientenseitige Risikofaktoren bestimmt: Vorbestehende Verlängerung des QT-Intervalls, Bradykardie, weibliches Geschlecht, fortgeschrittenes Alter, Elektrolytstörungen sowie pharmakokinetische Interaktionen mit der bestehenden Medikation (2, 6, 7). Bei Entscheidung für eine Therapie mit QT-Zeit-verlängernden Medikamenten ist die adäquate Therapiekontrolle essentiell: EKG und Elektrolytwerte vor Therapiebeginn sowie unter steady state-Bedingungen. Weitere EKG-Kontrollen erfolgen abhängig von den erhobenen EKG-Befunden und bestehenden Risikofaktoren. Im Allgemeinen werden bei Patienten mit einem hohen Risiko in den ersten sechs Monaten nach Therapiebeginn monatliche Kontrollen empfohlen. Bei unauffälligen Befunden können die Intervalle der Verlaufskontrollen auf sechs bis zwölf Monate gestreckt werden (7).

Verfasser/in:
Dr. med. Kristine Chobanyan-Jürgens
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover


PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Kontakt zu ATIS

Alle Anfragen zur Arzneimitteltherapie können auf folgendem Wege an ATIS gestellt werden: Vorzugsweise per Fax: 0511 380-4617. Telefon: 0511 380-3222. Postanschrift: KV Niedersachsen, z.H. Frau Dr. Friederike Laidig, Berliner Allee 22, 30175 Hannover. Die ATIS-Homepage mit elektronischem Anfrageformular ist im KVN-Mitgliederportal unter Verordnungen > Arzneimittel > Arzneimittelservice > ATIS zu finden. Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.

Literatur

1. Fachinformation; Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2018
2. Wenzel-Seifert K, Wittmann M, Haen E. Psychopharmakaassoziierte QTc-Intervall-Verlängerung und Torsade de Pointes. Dtsch Arztebl Int 2011; 108: 687-93
3. Szmulewicz AG, Angriman F, Pedroso FE, Vazquez C, Martino DJ. Long-Term Antipsychotic Use and Major Cardiovascular Events: A Retrospective Cohort Study. J Clin Psychiatry 2017; 78: e905-e912
4. Chung AK, Chua SE. Effects on prolongation of Bazett´s corrected QT interval of seven second-generation antipsychotics in the treatment of schizophrenia: a meta-analysis. J Psychopharmacol 2011; 25: 646-66
5. Osborn D, Marston L, Nazareth I, King MB, Petersen I, Walters K. Relative risks of cardiovascular disease in people prescribed olanzapine, risperidone and quetiapine. Schizophr Res 2017; 183: 116-23
6. Meid AD, Bighelli I, Mächler S et al. Combinations of QTc-prolonging drugs: towards disentangling pharmacokinetic and pharmacodynamic effects in their potentially additive nature. Ther Adv Psychopharmacol 2017; 7: 251-64
7. Trinkley KE, Page RL 2nd, Lien H, Yamanouye K, Tisdale JE. QT interval prolongation and the risk of torsades de pointes: essentials for clinicians. Curr Med Res Opin 2013; 29: 1719-26


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