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aktualisiert am: 15.06.2018

 

  Fortbildung

Joggen mit Apomorphin-Pumpe

Bei Parkinson können frühzeitige Therapien sehr viel bewirken / Vortrag beim Ärzteforum Weser-Ems


 


Von frühzeitigen und individuell angepassten Therapien können Parkinson-Patienten enorm profitieren - vor allem im Frühstadium. "Das hat große Vorteile für den Krankheitsverlauf und die Lebenserwartung der Patienten", sagte Dr. Katja Odin, Chefärztin der Neurologischen Abteilung an der Paracelsus-Klink Bremen, beim Ärzteforum-Weser Ems in Garrel. Die Neurologin plädierte dafür, sogenannte avancierte Therapien früher als üblich zu beginnen. Mit den zumeist erst in späteren Krankheitsstadien verwendeten Pumpen ließen sich Medikamente exakter dosieren und damit Folgeerscheinungen oraler Einnahmen eindämmen.

In Deutschland gehe man von bis zu 300.000 an Parkinson Erkrankten aus, 10.000 bis 16.000 Neuerkrankungen gebe es pro Jahr, sagte Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin am Klinikum Leer, die sich als Kollegin am Seminar beteiligte. "Diese Entwicklung wird weiter zunehmen," meinte die Neurologin. Odin prognostizierte für 2030 eine Verdoppelung der Parkinsonfälle. Viele der Neuerkrankungen blieben jahrelang unerkannt: " Bevor die Symptome auffallen, sind 50 Prozent der Nervenzellen in der Substantia Nigra bereits zugrunde gegangen."

Umso wichtiger sei ein sofortiger Therapiebeginn, betonte Odin: "Wir warten nicht mehr ab, bis wir Medikamente geben." In der Regel erhielten ältere Patienten Levodopa als Dopaminersatz, jüngere unter 60 Jahre bevorzugt Dopaminagonisten. Bei Krankheitsprogression werde ihnen auch Levodopa verschrieben. "Wir versuchen, den Einsatz von Levodopa möglichst hinauszuzögern." Grund sei, dass nach einer "Honeymoonphase" von sieben bis zehn Jahren Einnahmedauer immer Komplikationen (motorische Fluktuationen und Dyskinesien) auftreten - je höher die Dosierung sei, umso eher.

Nach den neuen Leitlinien gebe es aber keine klare Abgrenzung der Medikamentierung hinsichtlich des Alters mehr. Die Dopaminagonisten gingen mit einer höheren Nebenwirkungsrate und einer geringeren Wirksamkeit einher. Im Frühstadium sollten nach den neuen Leitlinien bei der Auswahl der Substanzklassen (Dopaminagonisten, Levodopa, Anticholinergika) verschiedene Parameter in Bezug auf den Effekt berücksichtigt werden: Nebenwirkungen, Alter, Komorbiditäten und psychosoziales Anforderungsprofil.

Auf die Phase der sogenannten Erhaltungstherapie, wenn motorische Komplikationen auftreten und die Wirkung der vorherigen Medikation nachlasse (Wearing-off), folge zumeist zeitweilig eine Polytherapie,, bei der weitere Medikamente (COMT-Hemmer, MAO-B-Hemmer) hinzukämen, die den Dopaminabbau bremsen.

Wenn die ersten Fluktuationen auftreten, sollte auf die avancierte Therapie umgestellt werden. Damit könne die orale Gabe von Levodopa und Antagonisten vermieden werden, die wegen der schwankenden Verwertung im Verdauungstrakt problematisch ist. "Damit können wir die Dosierung feiner abstimmen und brauchen weniger Medikamente", erklärte Odin. Folgeerscheinungen der oralen Medikamentierung wie Arthrose oder Rückenprobleme, die durch die immer wieder auftretende schlechte Beweglichkeit entstünden, ließen sich weitgehend vermeiden.

Ebenfalls zur avancierten Therapie gehöre die Tiefenhirnstimulation, die vor allem bei starkem Tremor eingesetzt werde. Manchmal könne die Hirnstimulation auch eine Pumpe ersetzen, wenn diese vom Patienten aus optischen Gründen nicht gewollt werde.

Mit der Duodopa-Pumpe, deren Schlauch in die Bauchdecke implantiert werde (LCIG-Therapie), könne Levodopa direkt in den resorbierenden Darmabschnitt geleitet werden. Die Apomorphin-Pumpe und der Apomorphin-Pen würden - zumeist nur tagsüber - in die Haut gestochen. Neben den üblichen Tagesdosen könnten mit den Pumpen auch medikamentöse Sonderbedarfe gedeckt werden: "Wenn ein Patient ins Theater geht, kann er sich einen Pumpenstoß versetzen, wenn er aus dem Sitz nicht mehr hochkommt", gab die Neurologin ein anschauliches Beispiel.

Aus diesem Grund sei der Pumpeneinsatz auch für Frühstadien der Erkrankung sehr interessant. Leider seien viele Ärzte mit den Pumpen noch nicht vertraut. Auch manche Patienten könnten sich nicht mit der LCID-Therapie anfreunden. Der implantierte Schlauch sei eben doch hinderlich. Anders sei es bei der Apomorphin-Pumpe: "Wir haben zwei Patienten, die damit wieder gejoggt sind."

Neben dem Parkinson-Seminar, das auf großes Interesse bei den Teilnehmern stieß, standen beim Ärzteforum Weser-Ems wieder vier Themenblöcke zu Wahl. Rheumatologie und Dermatologie waren wie immer die Dauerbrenner im Veranstaltungszentrum, dem Hotel Heidegrund. Mehr als 100 Teilnehmer waren zur siebten Ausgabe des Forums der nordwestlichen Bezirksstellen gekommen, das schon zwei Nachahmer in der Ärztekammer Niedersachsen gefunden hat.

Verfasser/in:
Christine Koch





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