Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 06/2018
aktualisiert am: 15.06.2018

 

  Fortbildung

Bunte Fortbildungs­mischung beim Ärzteforum Leinetal


 


Ein mitreißender Eingangsvortrag über die Bedeutung von WhatsApp & Co für die heutige Jugend, 20 spannende Blockseminare, 16 Fachreferenten aus Bremen und Niedersachsen, bis zu zehn Fortbildungspunkte - das von den ÄKN-Bezirksstellen Braunschweig, Göttingen und Hildesheim zum dritten Mal gemeinsam organisierte Ärzteforum Leinetal punktete am 21. April 2018 erneut mit einer "bunten" Mischung.

Fortbildungs-Module zu Dermatologie, Diabetes, Reisekrankheiten und Impfungen, Kindernotfällen und Vergiftungen, Depressionstherapie, Ambulanter Anästhesie, Delir, Schulter- und Kopfschmerzen oder der tiergestützten Therapie in der Neuropädiatrie lockten erneut 140 Teilnehmende aus zahlreichen Fachrichtungen nach Einbeck. Das Leinetal-Forum 2018 war bereits vier Tage nach Veröffentlichung des Angebots ausgebucht. Die Einbecker Fortbildung ist die jüngste der modular aufgebauten ÄKN-Reihen, die es bereits seit Längerem in den Regionen Weser-Ems und Aller-Elbe gibt.

Der Dipl.-Sozialarbeiter und -pädagoge Moritz Becker schilderte unterhaltsam, warum Kinder und Jugendliche mit ihren Smartphones geradezu verschmelzen und zigfach am Tag Messenger-Dienste wie WhatsApp, Instagram oder Snapchat nutzen: In der Pubertät ist die Sehnsucht nach Selbstvergewisserung, Aufmerksamkeit und Anerkennung übermächtig. Sie treibt junge Menschen an, sich immer wieder neu in Szene zu setzen und bereits vor dem Frühstück Kommentare Gleichaltriger für ihr aktuelles Schuloutfit, das Müsli oder die Frisur einzuholen. "Das ständige Ausprobieren ist existenziell wichtig für die Identitätsentwicklung von Max und Lisa", sagt Becker. Max und Lisa sind Holzattrappen von Teenagern, die der Medienexperte während seines bewusst analog gehaltenen Vortrags - kein Laptop, Beamer oder Mikrofon - immer wieder einbezieht und sprechen lässt. Beckers Botschaft an die Erwachsenen lautet: Zeigt Interesse, seid ansprechbar, setzt Euch mit dem Handykonsum auseinander und vor allem schenkt Euren Kindern immer wieder ein Lächeln - das macht die Likes in der virtuellen Welt unwichtiger. Becker arbeitet u.a. für den hannoverschen Verein "smiley", der altersgerecht Medienkompetenz vermittelt, aber auch Eltern und Multiplikatoren schult.

In seinem "pragmatisch-praktischen Fehlerseminar" stellte Dr. med. Johannes Herzog, Vorsitzender der Lüneburger ÄKN-Bezirksstelle, einen Fall aus seiner internistischen Gemeinschaftspraxis vor: Bei einer 78-Jährigen wurde nach Empfehlung durch die Klinik eine ambulante Kapsel-Endoskopie und Gastroskopie zur Klärung einer vermeintlichen Anämie gemacht. Beim Vorgespräch liegen die Blutwerte aus der Klinik nicht vor. Am Tag der Endoskopie sieht der behandelnde Arzt die Ergebnisse der von der Praxis veranlassten Blutuntersuchung erst nach dem Eingriff. Er fordert Immun-E-Phorese und Urinuntersuchung nach. Einen Tag später liegen die Laborbefunde vor: hochgradiger Verdacht auf Plasmozytom. Die Patientin wird unverzüglich an einen Onkologen überwiesen. "Dieser Fehler hat in unserer Praxis viel bewirkt", berichtet Herzog. Das Team hat in einem Workshop Standards entwickelt, die derartige Pannen seither fast unmöglich machen: ohne Befunde kein Termin, mehr Zeit für Entscheidungen nehmen, Vorab-Laborbefunde rechtzeitig auf den Schreibtisch des zuständigen Behandlers legen, Kommunikation optimieren. "Bei Fehlern erst bei sich selbst gucken, dann den gesamten Prozess anschauen", empfiehlt Herzog. Wenn der Arzt vorweg gehe, ziehe das Team mit. Eine konstruktive Reflexion von Fehlern in der Praxis sei nur auf Augenhöhe und ohne Schuldzuweisungen möglich. Zur Verbesserung des Managements und der Patientensicherheit empfiehlt Herzog auch den direkten Austausch mit anderen Praxen. Anleitungen zu "Peer Reviews" bietet das ÄKN-Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen an.

Intensive Einblicke in die Therapie von chronifizierten Schmerzerkrankungen gewährte Antje Hagenguth-Görs. Die Fachärztin für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin hat sich zwei Jahre lang im Kasseler DRK-Krankenhaus zur QSV-Schmerztherapeutin fortgebildet und arbeitet jetzt in Hann.Münden in einer von wenigen spezialisierten Praxen. "In der Personalisierung liegt der Erfolg. Wir sollten jeden Schmerzpatienten durch die bio-psycho-soziale Brille betrachten und mit einem individuellen Stufenplan behandeln", sagt Hagenguth-Görs. Die körperlichen Beschwerden müssten in Einheit mit den Lebensumständen und seelischen Beeinträchtigungen gesehen werden. Diese multimodale Schmerztherapie beruht auf der engen interdisziplinären Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten, Pflegenden, Behandlungsteams und weiteren Fachkräften. Dabei wird versucht, chronifizierende Mechanismen, die ein Fortschreiten des "eigenständigen" Schmerzes begünstigen, aufzudecken, aufzuhalten oder umzukehren. Ziel ist es, die Funktionsfähigkeit der Patienten im Alltag wiederherzustellen und ihnen eigene Kompetenzen und Strategien im Umgang mit der Erkrankung zu vermitteln. Hagenguth-Görs plädiert dafür, so viele Elemente der multimodalen Schmerztherapie wie möglich in den ambulanten Bereich zu transferieren. Der Aufbau von Schmerzgruppen sei ein guter Anfang.

Einen großen Strauß von Tipps hatte die hannoversche Personal- und Kommunikationstrainerin Verena Billerbeck für niedergelassene Ärzte im Gepäck. Sie ist auf Beratungen im Gesundheitswesen spezialisiert und referierte packend über Führungskunst und professionelle Kommunikation. Wichtig für einen gut funktionierenden Praxisalltag sind nach ihrer überzeugung vor allem ein wertschätzender, zugleich fördernder und fordernder Umgang mit den Mitarbeitenden, eine kontinuierliche und vorausschauende Teamentwicklung, eine tragfähige Konfliktstruktur, das Setzen gemeinsamer Ziele und deren verbindliche Umsetzung. "Investieren Sie in Ihre Mitarbeiter und in sich selbst", empfahl Billerbeck ihrem Publikum, das sichtlich Gefallen an dem lebendigen Vortrag und den zahlreichen Anregungen zur Optimierung der eigenen Praxis fand.

"Placebo in der apparativen Medizin" war das Thema von Professor Dr. med. Jan R. Ortlepp, seit dem 1. April 2018 Chefarzt der Inneren Medizin am Klinikum Agnes Karll Laatzen (Region Hannover). Ausgehend von internationalen Studien zu Scheineingriffen am Herzen oder am Knie plädiert Ortlepp dafür, dass sich Ärzte wieder mehr auf Empathie, Ritual und Charisma besinnen. Diese Instrumente ließen sich gegebenenfalls ebenso wirksam als Therapie einsetzen wie ein operativer Eingriff. Die im europaweiten Vergleich deutliche überversorgung mit Herz-Kathetern und Stents zeige beispielhaft, dass hierzulande die Vergütung mehr regelt, "als wir es manchmal ärztlich für sinnvoll halten", meint Ortlepp.

Verfasser/in:
Britta Grashorn





inhalt 06/ 18
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 

Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2018. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 15.06.2018.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung