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nä 04/2018
aktualisiert am: 16.04.2018

 

  Selbstverwaltung

Von der Pflicht zum Recht

Die Vorsitzende des Sicherstellungsausschusses der KVN, Angela Schütze-Buchholz, über Ansätze zur Weiterentwickung des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes in Niedersachsen


 


nä: Frau Schütze-Buchholz, zum 31. Dezember 2017 wurde die landesweite Reorganisation des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes in Niedersachsen abgeschlossen. Aber Ruhe haben wir nicht. Als Vorsitzende des Sicherstellungsausschusses der KVN haben Sie der letzten Vertreterversammlung ein großes Paket von Beschlussvorlagen zum Bereitschaftsdienst vorgelegt. Wo liegen die Probleme?
Schütze-Buchholz: Nicht nur der Bereitschaftsdienst hat sich weiterentwickelt, sondern auch Form und Umfang seiner Inanspruchnahme. Wir müssen ständig nachjustieren und unsere Organisation an die tatsächlichen Verhältnisse anpassen. Einige Problemfelder lassen sich klar benennen. Immer mehr Menschen kommen in die Notfallversorgung - nicht nur an den Wochenenden, sondern jetzt auch schon zu den Praxisöffnungszeiten. Viele Kollegen sind überlastet durch Patienten, die sich mit Bagatellerkrankungen vorstellen. Und von denen laufen manche nicht erst im ambulanten Bereich, sondern gleich in der Notaufnahme auf. Die Vergütungsaufteilung zwischen ambulantem und stationärem Bereich ist ein hochstrittiges Thema. Im kassenärztlichen Bereich versuchen immer mehr Kollegen, sich vertreten zu lassen, der Dienstetausch ist kaum noch überschaubar. Und die einzelnen Notdienstbereiche sind teilweise sehr unterschiedlich organisiert - ohne Fahrdienst, mit Fahrdienst in verschiedener Dichte, mit oder ohne dazwischengeschaltete Rettungsleitstelle ...

nä: Das hört sich nach weiterem Reformbedarf an ...
Schütze-Buchholz: Wir müssen uns weiterentwickeln. Das heißt, Fehlentwicklungen kurzfristig entgegenwirken, aber auch überlegen: Wie soll die Notfallversorgung längerfristig geregelt werden und wer kommt dafür auf? Mittlerweile hat ja auch die Politik das Thema für sich entdeckt. Im Koalitionsvertrag wird eine sektorenübergreifende Organisation und Finanzierung der Notfallversorgung gefordert. In diesem Bereich werden wir sicher die weiteren bundespolitischen Vorgaben abwarten müssen. Selbst handeln können wir aber bei anderen Fragen, die uns Sorgen machen: Wie bekommen wir genügend Ärzte für den Bereitschaftsdienst zusammen?`Und wie setzen wir sie möglichst effizient ein? Welche öffnungszeiten halten wir vor? Nutzen wir verstärkt ein Triage-System? Und wann und wo unterhalten wir einen Fahrdienst?

nä: Die Vertreterversammlung hat ja den Sicherstellungsausschuss beauftragt, für das gesamte Gebiet der KVN Eckpunkte für ein einheitliches Modell für den organisierten Fahrdienst zu entwickeln. Haben Sie da schon ein Konzept?
Schütze-Buchholz: Wir haben eine Reihe interessanter Modellprojekte, die wir in der nächsten Zeit in verschiedenen Regionen umsetzen wollen. Es sind teilweise sehr unterschiedliche Ansätze. Wir müssen dann sehr genau hinsehen, was uns tatsächlich eine Entlastung bringt. Im Bereich Aurich wird demnächst für zwei Jahre ein Abholdienst im Bereitschaftsdienst erprobt. Am Wochenende wird dann nicht mehr ein Auto mit Fahrer im Einzugsbereich unterwegs sein, um den Arzt zum Patienten zu bringen, sondern der Patient wird durch den Fahrdienst in die zentrale Bereitschaftsdienstpraxis gebracht, dort versorgt und dann wieder nach Hause zurückgefahren - mit Zwischenstopp bei der Apotheke. Damit schlagen wir gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir reduzieren die Zahl der gleichzeitig diensthabenden Ärzte, da ja im Fahrdienst kein Arzt mitfährt, und sorgen für eine verstärkte Auslastung des ´Sitzdienstes´. Das verspricht Effizienzgewinne.

nä: Dafür haben Sie aber doppelte Fahrstrecken - für jeden Patienten Hin- und Rückfahrt ...
Schütze-Buchholz: Wir werden sehen, ob sich das auf die Dauer rechnet. Alternativ bietet sich ja auch an, bestehende Fahrdienst-Strukturen effizienter zu gestalten. Für Südniedersachsen planen wir die Steuerung von Bereitschaftsdienst-Fahrzeugen über ein Satellitensystem. Es soll eine Fahrzeugflotte geben, die über die Bereitschaftsdienstgrenzen hinaus im Einsatz ist und über eine oder mehrere Leitstellen koordiniert wird. Die Routenbeschreibung erfolgt über stationäre und mobile Navigationsgeräte. über einen solchen abgestimmten Fahrdienst ließen sich Synergieeffekte nutzen und Fahrzeuge und ärztliches Personal einsparen.

nä: Das setzt voraus, dass der tatsächliche Bedarf an mobiler Versorgung im Rahmen solcher Projekte erst einmal evaluiert wird.
Schütze-Buchholz: Damit steht und fällt die ganze Organisation - mit der schlichten Frage: Was brauchen wir wirklich? Dazu sind übrigens nicht immer umfassende Modellprojekte notwendig. Im Fahrdienst Osnabrück reichte schon eine eingehende Analyse der Einsatzzahlen aus den zurückliegenden Monaten, um eine Korrektur herbeizuführen. Dort waren jede Nacht zwei Fahrzeuge unterwegs, je nach Wochentag von 15 Uhr oder 19 Uhr bis morgens 7 Uhr. An den Wochenenden wurde der Fahrdienst dann auf die Zeit von 8 Uhr morgens bis zum nächsten Morgen 7 Uhr ausgeweitet. Und für die Zeit von 8 Uhr bis 20 Uhr wurde noch ein drittes Fahrzeug mit hinzugenommen. Eine genaue Betrachtung der Einsatzzeiten zeigte dann aber eine Häufung der Einsätze zwischen 19 Uhr und 24 Uhr. Einsätze nach Mitternacht waren sehr selten - auch am Wochenende übrigens. Was lag also näher, als den Fahrdienst zu reduzieren und auf die Hochfrequenzzeiten zu konzentrieren? - Künftig fährt dort nur noch ein Fahrzeug die ganze Nacht, das zweite Fahrzeug wird nur noch von 19 Uhr bis Mitternacht losgeschickt. Und auch am Wochenende: Ein Fahrzeug ist rund um die Uhr im Einsatz, die beiden anderen Fahrzeuge fahren nur noch von 8 Uhr bis Mitternacht. Eine einfache Anpassung der Fahrzeiten an die statistische Häufung der Anforderungen bringt so eine Reduzierung von 516 Fahrstunden im Quartal! Das zeigt, wohin die Entwicklung allgemein gehen könnte.

nä: Das ist der Raum Osnabrück. In ländlichen Gegenden mag das anders aussehen.
Schütze-Buchholz: Deshalb unterschiedliche Projekte in unterschiedlichen Regionen! Der Auftrag geht auf ein einheitliches Modell für den organisieren Fahrdienst für das gesamte Gebiet der KVN. Das kann auch ein Rahmen sein für regional unterschiedliche Bedarfsanpassungen - aber nach denselben Grundsätzen! Im Vordergrund stehen werden die Kosteneffizienz, die angemessene Versorgung der Bevölkerung, die sektorenübergreifende Kooperation und vor allem die weitere Entlastung unserer Mitglieder. Letzteres ist ebenfalls im Auftrag der Vertreterversammlung enthalten. Eine Reduktion der Fahrdienste könnte dann mehr Ärzte für den ´Sitzdienst´ freistellen.

nä: Schon die jetzt abgeschlossene Reform des Bereitschaftsdienstes hatte doch die Reduktion der Dienstbelastung unserer Mitglieder zum Ziel...
Schütze-Buchholz: Das ist ja auch weitgehend gelungen. Dennoch signalisiert mir die hohe Zahl der Vertretungen im Bereitschaftsdienst, dass die Teilnahme am Bereitschaftsdienst von Vertragsärztinnen und Vertragsärzten vermehrt als Belastung wahrgenommen wird - insbesondere die Teilnahme am Fahrdienst. Natürlich ist und bleibt die Notfallversorgung eine Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung. Aber wir müssen uns fragen, ob die "Dienstverpflichtung" von Ärzten dafür überhaupt noch zeitgemäß ist. Der KVN-Vorstand hat sein Strategieziel für den Bereitschaftsdienst auf die Formel gebracht: ´Von der Pflicht zum Recht´. Ideal wäre es also, wenn nur die Ärzte am Bereitschaftsdienst teilzunehmen bräuchten, die auch wirklich willens dazu sind. Dafür bräuchten wir allerdings einen recht großen Pool von Ärzten, die die Dienste übernehmen.

nä: Woher wollen Sie die nehmen?
Schütze-Buchholz: Die Strukturen ändern sich ja nicht nur im Bereitschaftsdienst. Wir wissen doch, dass die Zahl der selbständig niedergelassenen Ärzte immer kleiner wird, die Zahl der angestellten Ärzte dagegen immer mehr ansteigt. Da die Pflicht zum Bereitschaftsdienst nur die selbständigen Ärzte betrifft, nicht aber die angestellten Ärzte, müssen wir sehen, wie wir diese wachsende Gruppe von Kolleginnen und Kollegen mit in die Notfallversorgung einbeziehen können. Eine überlegung, die der Sicherstellungsausschuss jetzt ebenfalls im Auftrag der Vertreterversammlung der KVN vorantreiben wird, ist die Teilnahme der Dienstleistungsgesellschaft für Ärzte am Bereitschaftsdienst.

nä: Welchen Vorteil hätte das?
Schütze-Buchholz: Die DÄPN, die ja in vielen Gebieten für den Betrieb der Bereitschaftsdienstpraxen mit verantwortlich ist, könnte dann auch damit beauftragt werden, Ärzte anzustellen, die den Bereitschaftsdienst wahrnehmen könnten. Dazu muss sie aber formal berechtigt werden, als Dienstleistungsgesellschaft am Bereitschaftsdienst teilzunehmen. Dabei wäre auch zu klären, ob nur Vertretungen durch die DÄPN zulässig sein sollen oder auch Dienstübernahmen aus eigener Verantwortung oder sogar eine Einteilung zu eigenen Diensten. So ließe sich der Pool von Ärztinnen und Ärzten für den Bereitschaftsdienst erweitern.

nä: Eine völlige Ablösung des Bereitschaftsdienstes vom kassenärztlichen Sicherstellungsauftrag sehen Sie nicht?
Schütze-Buchholz: Das wäre eine weitreichende politische Entscheidung, die wir hier im Sicherstellungsausschuss nicht vorantreiben können. Der politische Auftrag der Regierungskoalition scheint aber dahin zu gehen, sektorübergreifende Organisationsformen zu finden, die die Notfallversorgung in gemeinsamer Verantwortung sicherstellen sollen. Mit der Verlegung der Bereitschaftsdienstpraxen an Krankenhäuser haben wir diese Entwicklung ja schon vorbereitet. Der Zankapfel dabei ist immer die Vergütung.

nä: Einfach gefragt: Wer bekommt wieviel wofür?
Schütze-Buchholz: Bislang funktioniert das ein wenig wie ´linke Tasche - rechte Tasche´: Die Kosten für den Bereitschaftsdienst werden allen Ärzten von der Gesamtvergütung abgezogen und dann denen zugeschlagen, die Dienste versehen haben. Die Gründung eines unabhängigen Notfallsektors, der die Niedergelassenen vom Bereitschaftsdienst generell befreien würde, hieße, die Gesamtkosten für den Bereitschaftsdienst zunächst in einen eigenen Topf zu zahlen. Das würde geschätzt jede Ärztin und jeden Arzt ca. 7.250 Euro im Jahr kosten. Zugleich hätte ein Arzt die Möglichkeit, pro 12-Stunden-Dienst bei 90 Euro Stundenhonorar insgesamt 1.080 Euro Honorar zu erzielen. Bei jährlich 16 Diensten wie derzeit notwendig wären das 17.280 Euro. Damit würde sich der überschuss pro teilnehmenden Arzt also auf rund 10.000 Euro im Jahr belaufen. Dann hätten alle Kollegen das Recht, zu entscheiden, ob sie diese Einkommensmöglichkeit nutzen - und nicht mehr die Pflicht!

Mit Angela Schütze-Buchholz sprach Dr. Uwe Köster


Verfasser/in:
Dr. Uwe Köster
Pressestelle der KVN
Berliner Allee 22, 30175 Hannover



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